Fast ein halbes Jahr hat der DAX gebraucht, um seinen Januar-Rekord zu knacken. Andere Leitindizes wie der Dow Jones oder der EuroStoxx 50 haben in der Zwischenzeit längst neue Bestmarken gefeiert. Jetzt holt der deutsche Leitindex auf – und das mit Wucht.
Am Freitag markierte der DAX bei 25.809,79 Punkten ein weiteres Allzeithoch, nachdem er bereits am Handelsstart um 0,72 Prozent auf 25.763,97 Zähler zugelegt hatte. Der Donnerstag hatte mit einem Plus von 2,16 Prozent auf 25.580,88 Punkte bereits den Grundstein gelegt. Für die Woche zeichnet sich damit ein Gewinn von rund vier Prozent ab.
Treiber der Rally sind eine Mischung aus KI-Euphorie und nachlassenden Zinssorgen. Der jüngste US-Arbeitsmarktbericht hatte Ängste vor einer Beschleunigung der Lohninflation gedämpft, ohne dabei Konjunktursorgen zu schüren – ein Szenario, das Marktbeobachter als ideale Ausgangslage für Aktien werten. Hinzu kommt das von der Bundesregierung verabschiedete Reformpaket zu Steuern, Arbeit und Bürokratieabbau, das internationalen Investoren offenbar als Signal diente, ihre bislang niedrige Deutschland-Gewichtung zu korrigieren.
Warum der Index so lange hinterherhinkte
Der Rückstand hat einen strukturellen Grund. Während im Dow Jones mit Apple, Amazon, Microsoft, Alphabet und Nvidia die fünf größten Tech-Konzerne der Welt vertreten sind, bringt es der DAX nur auf zwei klassische Technologiewerte: SAP und Infineon. Ausgerechnet SAP gilt derzeit als Sorgenkind, weil die Software-Branche fürchtet, von der KI-Entwicklung eher bedroht als befeuert zu werden.
Sektorrotation unter der Oberfläche
Unter dem Rekordstand zeigt sich ein gespaltenes Bild. Versorgeraktien wie Eon und RWE profitierten von sinkenden Zinssorgen, während Halbleiterwerte wie Infineon, Aixtron und Siltronic von der Erholung asiatischer Börsen mitgezogen wurden. SAP dagegen verlor am Dax-Ende deutlich, und Rheinmetall gab nach, belastet von einem stornierten Fregatten-Auftrag, der den Jahreserlös um bis zu 300 Millionen Euro drücken könnte.
Am Nachmittag sorgte zudem eine Ad-hoc-Meldung von Continental für Aufmerksamkeit: Der Konzern steht kurz vor dem Verkauf seiner Sparte ContiTech an Lone Star Funds, auf Basis einer Unternehmensbewertung von 4 Milliarden Euro zuzüglich möglicher erfolgsabhängiger Zahlungen von bis zu 250 Millionen Euro. Ein bindender Vertrag ist noch nicht unterschrieben.
Die DZ Bank hält trotz der Rekordjagd an ihrem Jahresendziel von 27.500 Punkten fest – das entspräche noch rund sieben Prozent Potenzial. Andere Marktbeobachter warnen dagegen vor einer Überdehnung und halten eine Rückkehr unter die alte Bestmarke von 25.500 Punkten für einen gesunden Zwischenschritt statt für ein Warnsignal.
Die kommende Woche liefert dafür reichlich Stoff:
- Montag: deutscher Auftragseingang für Mai, ISM-Serviceindex USA
- Dienstag: deutsche Industrieproduktion Mai, FOMC-Sitzungsprotokoll
- Mittwoch: aktualisierter IWF-Weltwirtschaftsausblick
- Donnerstag: EZB-Sitzungsprotokoll, deutsche Handelsbilanz Mai
Ob das Rekordtempo Bestand hat, dürfte sich vor allem daran entscheiden, wie belastbar die Konjunkturdaten aus Deutschland gegenüber den geldpolitischen Signalen von Fed und EZB ausfallen.
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