Wenige Zähler trennen den DAX von seinem Allzeithoch – und das ausgerechnet an einem Tag, an dem die Anleihemärkte nervös bleiben. Der deutsche Leitindex legte am Freitagmittag um rund 0,6 Prozent auf gut 26.500 Punkte zu und rückte damit bis auf etwa 50 Punkte an seine Rekordmarke heran. Der eigentliche Härtetest steht aber erst noch bevor.
Warsh-Rede als Nagelprobe
Um 16 Uhr spricht der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh erstmals auf dem Zentralbankertreffen in Jackson Hole. Die Erwartungen sind hoch, klare Antworten aber unwahrscheinlich.
Warsh hat in den vergangenen Wochen wiederholt deutlich gemacht, wenig von Forward Guidance zu halten – eine explizite Zinsansage für September gilt deshalb als unwahrscheinlich. Der Markt preist eine Zinserhöhung im September derzeit nur mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 30 Prozent ein.
Brisanter könnte ein anderer Punkt werden: Ob Warsh Hinweise gibt, dass die Fed ihren Inflationsmaßstab überdenkt. Bislang hat er stets betont, das Zwei-Prozent-Ziel sei nicht verhandelbar, ohne sich dabei explizit auf den PCE-Deflator festzulegen. Ein Abrücken davon zugunsten anderer Messgrößen würde an den Märkten wohl als taubenhaftes Signal gewertet – mit Druck auf den Dollar als Folge.
Hintergrund der Nervosität sind die auf Mehrdekadenhochs gestiegenen Marktzinsen. Das US-Finanzministerium hat bereits Käufe langlaufender Anleihen angekündigt, um die Renditen am langen Ende zu drücken – ein Schritt, der eigentlich in den Zuständigkeitsbereich der Notenbank fällt. Diese Gemengelage aus hoher Staatsverschuldung und hartnäckiger Inflation macht Warshs ersten großen Auftritt zu mehr als einer Randnotiz.
Unternehmensgewinne tragen den Markt
Dass der DAX trotz dieser Unsicherheiten am Rekord kratzt, liegt vor allem an den robusten Unternehmensgewinnen. Befürchtete Enttäuschungen in der laufenden Berichtssaison sind bislang ausgeblieben, und die deutsche Wirtschaft zeigt Anzeichen einer konjunkturellen Wende – getragen von stärkerer Auslandsnachfrage.
Die Chemiebranche lieferte am Freitag ein handfestes Signal: Der Ifo-Geschäftsklimaindex kletterte von minus 26,3 auf minus 2,4 Punkte, die aktuelle Lage wird erstmals seit vier Jahren wieder positiv beurteilt. Lanxess gewann daraufhin über 5 Prozent, BASF und Brenntag zogen ebenfalls an.
Auch Auto- und Technologiewerte standen auf der Gewinnerseite, befeuert von starken Zahlen und Ausblicken großer US-Techkonzerne. RWE führte die DAX-Gewinner mit einem Plus von 2,5 Prozent an, BMW profitierte von einer positiveren Einschätzung der Citigroup. Gegenläufig entwickelten sich Flughafenbetreiber: Nach einem als konservativ eingestuften Ausblick von Flughafen Zürich gaben die Titel deutlich nach, Fraport verlor rund 2,4 Prozent.
Das Risiko bleibt bei allem Optimismus bestehen. Bei Kapitalkosten von viereinhalb bis fünf Prozent trägt nicht jedes Geschäftsmodell mehr, warnen Marktbeobachter – und die hohen Marktzinsen könnten ebenso gut Ausdruck wachsender Sorgen vor einer Überschuldung vieler Staaten sein wie Vorbote künftigen Wachstums.
Kommende Woche liefern die August-Inflationsdaten der Eurozone und die letzten US-Arbeitsmarktzahlen vor der September-Zinsentscheidung weitere Anhaltspunkte, in welche Richtung sich diese Gemengelage auflöst.
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