Mitte Oktober verlängert D-Wave die Fertigungspartnerschaft mit SkyWater, ein Advantage2-System trifft zur Installation in Italien ein, und aus den USA kommt die Ankündigung einer Sammelklage. Parallel dazu holt sich der Konkurrent IonQ zwei Milliarden Dollar frisches Eigenkapital und plant eine aktienfinanzierte Übernahme. Das lenkt den Blick der ganzen Branche auf Kapitalbedarf und Verwässerung.
Trägt das Geschäft von D-Wave schon aus eigener Kraft, oder lebt es weiter von der Erwartung? Dieter Jaworski fragt bei solchen Firmen zuerst, was vom Schutz übrig bleibt, wenn die Nachfrage einmal ausfällt.

D-Wave Quantum (US26740W1099) — Schlusskurse 21.04.2026 bis 16.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 16.10.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Angenommen, die Förderzusage aus Washington verzögert sich und die Verteidigungskunden testen erst einmal nur. Was bleibt dann vom Schutz dieses Geschäfts übrig?
Dieter Jaworski: Ziemlich wenig, und das ist kein hypothetischer Fall. Man sieht es schon heute. Im ersten Halbjahr 2026 kam D-Wave auf 5,9 Millionen Dollar Umsatz, das sind zwei Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. Bei diesen Zahlen entscheidet ein einzelner großer Systemverkauf darüber, ob ein Halbjahr gut oder miserabel aussieht.
Der Kauf der Florida Atlantic University über 20 Millionen Dollar zeigt, dass es solche Abschlüsse gibt, und ein Käufer eines eigenen Systems ist auch über Jahre gebunden. Nur kommen solche Aufträge nicht im Takt. Der Großteil der Kundschaft nutzt die Rechner über die Cloud, und dort kündigt man so leicht, wie man bucht.
Einen Burggraben, der eine Nachfrageflaute übersteht, erkenne ich darin noch nicht. Die Preissetzungsmacht würde ich wohlwollend als moderat bezeichnen. Über die Kapitalrendite über den Zyklus kann ich gar nichts sagen. Es gibt keinen Zyklus, nur eine Anlaufphase, die sehr viel Geld kostet.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Da machen Sie es sich zu leicht. Über 290 erteilte US-Patente, ein in Science veröffentlichter Vorsprung auf einem realen Materialproblem und als einziger Anbieter beide Rechnerarchitekturen im Haus. Wenn das kein Schutz ist, was dann?
Dieter Jaworski: Den technologischen Vorsprung erkenne ich ausdrücklich an. Mit der Übernahme von Quantum Circuits im Januar hat D-Wave neben dem Annealing auch das Gate-Modell im Haus, und das hat sonst niemand in dieser Kombination.
Ich stelle die Frage trotzdem anders, als Sie es tun. Mich interessiert weniger, ob die Technik führt. Ich will wissen, ob ein Industriekunde deshalb einen höheren Preis akzeptiert und nach drei Jahren immer noch dabei ist. Darauf gibt es bislang keine belastbare Antwort.
Ein Patent schreibt keine Rechnung an den Kunden. Es hält Wettbewerber davon ab, dasselbe zu bauen. Es zwingt aber niemanden, das Produkt zu kaufen. Hinzu kommt, dass die Gate-Modell-Meilensteine aus dem August bislang Ziele sind und keine verwerteten Ergebnisse.
Kapitalmarktexperten Redaktion: „Ein Patent schreibt keine Rechnung an den Kunden.“ Eben haben Sie den Vorsprung noch ausdrücklich anerkannt. Glauben Sie der Technik nun oder nicht?
Dieter Jaworski: Ich glaube der Technik und misstraue dem Geschäft. Das widerspricht sich nicht. Ein Vorsprung im Labor hat schon manche Firma nicht gerettet, wenn die Kunden ihn nicht bezahlen wollten.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Dann wird es konkret. Es gibt keinen Gewinn und keinen positiven Cashflow. Woran misst der Markt D-Wave bei 10,5 Euro überhaupt?
Dieter Jaworski: An keiner Ertragsgröße, das muss man nüchtern sagen. Der Kurs ist eine Wette darauf, dass aus einer Nische irgendwann ein Markt wird. Die einzige harte Größe, die diese Wette heute stützt, sind die ausstehenden Leistungsverpflichtungen.
Gemeint sind vertraglich zugesagte Umsätze, die noch nicht erbracht und verbucht sind, also eine Art Auftragsbestand. Zum 30. Juni 2026 standen dort 40,7 Millionen Dollar, knapp das Siebenfache des Halbjahresumsatzes. Das ist die Zahl, an der ich festhalte.
Wird dieser Auftragsbestand in den kommenden Quartalen sichtbar zu Umsatz, ohne dass ständig ein neuer Einzelauftrag die Lücke füllen muss, dann hat die Wette ein Fundament. Bleibt der Bestand stehen oder schrumpft er, misst der Markt eine Hoffnung. Die Bilanz gibt dem Unternehmen dabei etwas Zeit. Die langfristigen Schulden sind im Verhältnis zum Eigenkapital gering.
Die bis zu 100 Millionen Dollar aus dem CHIPS-Programm sind vertraglich fixiert, allerdings mit einer Minderheitsbeteiligung des Staates als Bedingung und ohne festen Zeitpunkt für den Zufluss. Was IonQ gerade mit zwei Milliarden Dollar frischem Eigenkapital vorführt, sollte man als Hinweis lesen: In dieser Branche bezahlen am Ende oft die Aktionäre das Wachstum.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Gut 18 Prozent des Streubesitzes waren Mitte September leerverkauft. Ist Ihre Skepsis nicht einfach die Meinung der Masse, nur höflicher formuliert?
Dieter Jaworski: Die Leerverkäufer wetten auf den Kurs. Ich schaue auf das Geschäft, und da könnten mich die nächsten Berichte durchaus widerlegen. Ein Beispiel: Bei NTT DOCOMO läuft inzwischen eine zweite Anwendung auf D-Wave-Technik im Produktivbetrieb, laut Unternehmensmeldung vom August landesweit. Das ist mehr als ein Pilotprojekt, und genau solche Kunden suche ich.
Meine Skepsis würde ich aufgeben, wenn mehrere solcher Produktivkunden ihre Nutzung ausweiten und das in zwei aufeinanderfolgenden Quartalsberichten als wachsender wiederkehrender Umsatz auftaucht, ohne Schub durch einen Systemverkauf. Dann gäbe es Wechselkosten, und dann hätte ich mich in der Qualität des Geschäfts getäuscht.
Die Sammelklage spielt für diese Frage übrigens kaum eine Rolle. Was an den Vorwürfen dran ist, entscheidet ein Gericht und nicht ich. Die Insiderverkäufe, darunter der von Baratz im Zuge einer Optionsausübung, sind auch kein Beweis für irgendetwas. Ermutigend finde ich sie allerdings nicht.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie haben den Auftragsbestand von 40,7 Millionen Dollar zur Messlatte gemacht. Reicht er, um bei 10,5 Euro von einem tragfähigen Burggraben zu sprechen?
Dieter Jaworski: Nein, nicht heute. Der Auftragsbestand zeigt mir, dass es Kunden gibt, die sich verpflichten. Er zeigt mir nicht, dass sie bleiben, mehr bezahlen oder ohne Fördergeld und Verteidigungsbudgets wiederkommen würden. Und genau das wäre ein Burggraben.
D-Wave hat einen echten technischen Vorsprung und einen Geschäftsschutz, der bisher nur auf dem Papier steht. Der Kurs bezahlt beides, als wäre es dasselbe. Wer bei diesem Preis einsteigt, finanziert den Beweis, den das Unternehmen erst noch erbringen muss.
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