Der Übernahmestreit bei der Commerzbank bekommt eine neue politische Dimension. Aufsichtsratschef Jens Weidmann verlangte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ am Sonntag eine Reform des deutschen Übernahmerechts. Sein Vorwurf: UniCredit habe sich über ein „finanziell unattraktives Angebot“ Zugriff auf eine Mehrheit verschafft, ohne den Aktionären eine angemessene Kontrollprämie zu zahlen.
Hintergrund ist der schrittweise Positionsaufbau der Italiener, der inzwischen ohne klassischen Zukauf am Markt einen rechnerischen Zugriff von bis zu 49,65 Prozent des Grundkapitals ermöglicht. Rund 3,36 Prozentpunkte davon liegen weiterhin als Kaufoptionen vor, nicht als gehaltene Aktien. Weidmanns Kritik zielt genau auf diese Konstruktion: Sie umgehe faktisch die Pflicht zu einem klassischen Übernahmeangebot mit Prämie für alle Anteilseigner.
Politik hält sich zurück, Bund soll Beteiligung sichern
Auf Regierungsseite zeichnet sich unterdessen keine Blockadehaltung ab. Medienberichten zufolge signalisierte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass Berlin eine Fusion zwischen UniCredit und der Commerzbank nicht verhindern werde – auch wenn man die Vorgehensweise der Italiener kritisch sehe. Diese Zurückhaltung dürfte den Handlungsspielraum der Bank selbst begrenzen.
Weidmann plädierte deshalb dafür, dass der Bund seine verbliebene Beteiligung von rund 12 Prozent vorerst hält, um während der laufenden Übernahmeschlacht aktiv Standortinteressen zu vertreten. Der Vorstoß zeigt, wie sehr die Auseinandersetzung inzwischen über die reine Aktionärsfrage hinausgeht und zur Frage nationaler Wirtschaftspolitik wird.
Cum-Ex-Anklage belastet historische Altfälle
Parallel zur Übernahmedebatte holt die Bank ein Kapitel aus ihrer Vergangenheit ein. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt erhob am 20. August Anklage gegen vier ehemalige Mitarbeiter wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften aus dem Jahr 2008. Der geschätzte Steuerschaden liegt bei über 20 Millionen Euro.
Auch wenn es sich um Altfälle mit ehemaligen Mitarbeitern handelt, erinnert die Anklage Anleger daran, dass rechtliche Restrisiken aus der Vergangenheit weiterhin schwelen.
Formal untermauert wurde derweil die veränderte Aktionärsstruktur: Die Bank meldete gemäß Wertpapierhandelsgesetz eine neue Gesamtzahl der Stimmrechte von 1.080.847.095 nach Abschluss der jüngsten Kapitalmaßnahme.
Aktie nahe Rekordhoch
An der Börse spiegelt sich die Gemengelage aus Übernahmefantasie und operativer Stärke in robusten Kursen. Das Papier schloss am Dienstag bei 39,98 Euro und damit nur 0,3 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 40,11 Euro, das erst am 13. August markiert wurde. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 11 Prozent zu Buche, auf Sicht von 30 Tagen legte die Aktie um 6,6 Prozent zu.
Getragen wird die Bewertung auch von den operativen Zahlen: Die Bank hatte für das erste Halbjahr 2026 ein Rekordergebnis ausgewiesen und die Prognose für das laufende Geschäftsjahr bestätigt.
Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex – ein starkes operatives Fundament trifft auf einen Übernahmekampf, dessen rechtlicher Rahmen nach Weidmanns Worten dringend nachjustiert werden müsste, und auf juristische Altlasten, die trotz aller Zukunftsdebatten nicht verschwunden sind.
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