Während sich die politischen Fronten im Ringen um die Commerzbank auflösen, meldet sich Aufsichtsratschef Jens Weidmann mit einer bemerkenswerten Forderung zu Wort: Der Bund solle vorerst Aktionär bleiben, um die Interessen des Standorts Deutschland aktiv zu vertreten. Der Vorstoß fällt in eine Phase, in der die Übernahme durch die italienische UniCredit greifbarer wird als je zuvor.
Der Bund hält seit der Rettung der Bank im Jahr 2008 rund 13 Prozent der Anteile. Weidmanns Appell zielt darauf, diese Beteiligung nicht vorschnell aufzugeben, solange die Bedingungen für einen möglichen Zusammenschluss mit UniCredit noch nicht endgültig geklärt sind. Damit reiht sich der Aufsichtsratsvorsitzende in eine wachsende Zahl politischer Stimmen ein, die Einfluss auf den Ausgang des Übernahmeprozesses nehmen wollen.
Vorstand zeigt Verhandlungsbereitschaft
Auch im Vorstand hat sich die Stimmung gewandelt. Vizechef Michael Kotzbauer räumte Ende August ein, die Commerzbank habe den Übernahmekampf verloren, sich dabei aber gut geschlagen – eine deutliche Abkehr von der einstigen Abwehrhaltung.
Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp signalisierte zuvor bereits Bereitschaft zu konstruktiven Gesprächen mit UniCredit, knüpfte ihren Verbleib als CEO bis 2029 jedoch an die Bedingung, dass Vertrauen und eine gemeinsame strategische Ausrichtung mit dem Aufsichtsrat gefunden werden. Sollte das nicht gelingen, deutete sie an, die Bank verlassen zu können.
UniCredit kontrolliert nach Angaben aus dem Umfeld des Übernahmeprozesses bereits rund 48 Prozent der Commerzbank-Aktien. Eine Genehmigung durch die Europäische Zentralbank, die UniCredit die volle Kontrolle verschaffen würde, könnte bereits im vierten Quartal erteilt werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach der Rolle des Bundes als verbleibender Ankeraktionär zusätzliches Gewicht: Ein Rückzug des Staates würde UniCredit den Weg weiter ebnen, ein Verbleib hingegen dem Berliner Einfluss auf Standort- und Beschäftigungsfragen erhalten.
Kurs nahe Rekordniveau, Rückkauf läuft
An der Börse spiegelt sich die zunehmende Übernahme-Fantasie in einem robusten Kursniveau wider. Die Aktie notiert aktuell bei 41,99 Euro und damit nur 2,6 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 43,12 Euro. Auf Jahressicht steht ein Plus von 16 Prozent zu Buche, über zwölf Monate summiert sich der Anstieg auf 28 Prozent.
Parallel zur politischen Debatte läuft der am vergangenen Freitag gestartete Aktienrückkauf über bis zu 1,2 Milliarden Euro weiter, mit dem die Bank einen Teil ihrer Kapitalrückgabe für das Geschäftsjahr 2026 umsetzt.
Die Rückkäufe sind Ausdruck der komfortablen Kapitalausstattung, die auch operativ ihren Niederschlag findet: Im zweiten Quartal hatte sich der Nettogewinn nahezu verdoppelt, das Jahresziel von mindestens 3,4 Milliarden Euro Nettogewinn bestätigte die Bank zuletzt unverändert.
Für Anleger verdichtet sich damit ein Bild, in dem operative Stärke und politisches Tauziehen ineinandergreifen. Weidmanns Forderung nach einem Verbleib des Bundes als Aktionär zeigt, dass der Ausgang der Übernahme längst nicht nur zwischen Frankfurt und Mailand, sondern auch in Berlin verhandelt wird.
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