Monatelang hat sich die Commerzbank gegen UniCredit gestemmt. Jetzt lenkt die Bank ein. Aufsichtsratschef Jens Weidmann rief am heutigen Freitag zu „konstruktiven Gesprächen“ mit den Italienern auf. Der Abwehrkampf ist vorbei, die Verhandlung um den Preis beginnt.
Ausgangslage: Der Widerstand bröckelt
UniCredit hält inzwischen 44,37 Prozent der Commerzbank-Anteile direkt. Über Derivate kommt der Mailänder Konzern faktisch auf 47,59 Prozent. Damit stehen die Italiener kurz vor der absoluten Mehrheit.
Die Commerzbank-Führung räumt ein: Auf der kommenden Hauptversammlung dürften die Mehrheitsverhältnisse bereits entschieden sein. Für Aktionäre verschiebt sich damit der Blick. Nicht mehr die Frage, ob die Übernahme kommt, zählt. Sondern die Frage, zu welchem Preis.
Die entscheidende Frage: Der Preis für die letzten Prozent
Vorstandschefin Bettina Orlopp verhandelt aus einer schwächeren Position, als es die nackte Zahl vermuten lässt. UniCredit muss keine Mehrheit mehr erkämpfen, sie hat sie faktisch schon. Offen bleibt, ob UniCredit-Chef Andrea Orcel deshalb noch ein deutlich verbessertes Barangebot vorlegt, um die restlichen Aktionäre zu überzeugen. Oder ob er stattdessen einfach auf seine faktische Kontrolle über die Hauptversammlung setzt.
Die Aktie notiert aktuell bei 36,78 Euro, rund sechs Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 39,18 Euro. Ob Orlopp einen Preis oberhalb dieser Marke aushandeln kann, entscheidet über die kurzfristige Richtung des Kurses.
Bullisches Szenario: UniCredit hat das Geld für einen Aufschlag
Für steigende Kurse spricht vor allem die finanzielle Stärke des Bieters. UniCredit hat für das erste Halbjahr 2026 Rekordzahlen vorgelegt. Der Konzern steuert auf einen Jahresgewinn von deutlich über 11,5 Milliarden Euro zu.
Diese Kapitalausstattung gibt Orcel Spielraum. Er könnte ein attraktives Aufschlagangebot vorlegen, um die Integration zu beschleunigen, statt sich über Jahre mit Minderheitsaktionären zu streiten. LBBW-Analyst Werner Schirmer sieht zudem langfristiges Potenzial in einer Fusion der Commerzbank mit der HypoVereinsbank. Diese Fusion könnte innerhalb von rund drei Jahren stehen.
Beginnt der Markt, solche Synergien einzupreisen, dürfte sich der Abstand zum Jahreshoch schnell verringern. Der RSI von 45,7 zeigt: Die Aktie ist nicht überkauft. Das lässt Raum für weitere Kursgewinne.
Bärisches Szenario: Drei Jahre Unsicherheit
Das größte Risiko der optimistischen These liegt in der Zeit. Bis zur vollständigen HVB-Fusion vergehen laut Schirmer rund drei Jahre. In diesem Zeitraum können regulatorische Hürden oder ein verändertes Zinsumfeld die erhofften Synergien schmälern.
Hinzu kommt ein offener Punkt: Die EZB muss der weiteren Aufstockung von UniCredit über die 45-Prozent-Marke hinaus noch zustimmen. Diese Zustimmung wird für das vierte Quartal 2026 erwartet, ist aber noch nicht erteilt.
Die Nervosität rund um den Deal zeigt sich auch bei UniCredit selbst. Die Aktie der Italiener reagierte zuletzt mit einem Minus von 4,8 Prozent auf Sorgen um künftige Ausschüttungen. Steigt der Druck der eigenen Aktionäre auf Orcel, könnte die Übernahmeprämie für Commerzbank-Anteilseigner geringer ausfallen als vom Markt erhofft. Die Volatilität von annualisiert 28,30 Prozent zeigt: Der Markt rechnet mit kräftigen Ausschlägen in beide Richtungen.
Ausblick: Das Treffen, auf das jetzt alle schauen
Der nächste konkrete Termin ist das erste direkte Treffen zwischen Orlopp und Orcel. Es wird nach der Veröffentlichung der Commerzbank-Quartalszahlen erwartet, voraussichtlich ab dem 6. August 2026.
Kurzfristig hält sich der Kurs knapp unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 37,21 Euro. Ein nachhaltiger Sprung über diese Marke würde das Chartbild deutlich aufhellen. Rutscht die Aktie dagegen unter 35,00 Euro, nahe dem 100-Tage-Schnitt von 35,37 Euro, wäre das ein Signal für Ernüchterung am Markt.
Der härteste Termin bleibt aber die EZB-Entscheidung im vierten Quartal 2026. Bis dahin dürfte jede Nachricht aus den nun beginnenden Gesprächen zwischen Frankfurt und Mailand den Kurs unmittelbar bewegen.
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