Der Übernahmefall Commerzbank bekommt eine politische Dimension. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein traf UniCredit-Chef Andrea Orcel am Donnerstag zu einem Gespräch, bei dem es um die künftige Struktur der Bank ging. Rhein knüpft seine Zustimmung an klare Bedingungen: Die Commerzbank soll börsennotiert bleiben, ihren Hauptsitz in Frankfurt behalten, Name und Marke erhalten und das Firmenkundengeschäft nicht verkaufen.
Konkrete rechtliche Druckmittel hat Hessen dabei kaum. Der Bund hält über seine Beteiligung nur gut 12 Prozent an der Commerzbank – zu wenig, um eine Fusion zu blockieren, aber genug, um Gehör zu verlangen. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hat Orcel deshalb für den 14. September nach Berlin eingeladen.
Im Hintergrund steht die Sorge, eine Fusion mit der Hypovereinsbank könnte den Sitz nach München und die Konzernsteuerung faktisch nach Mailand verlagern. In Frankfurt hängen nach Angaben aus dem Umfeld der Gespräche knapp 10.000 Arbeitsplätze an der Bank.
UniCredit nahe der Kontrollschwelle
UniCredit hatte seine Pläne bereits 2024 mit einem Einstieg von rund 9 Prozent eingeleitet. Die Commerzbank lehnte ein Übernahmeangebot im Mai ab, das rund 0,485 UniCredit-Aktien je Commerzbank-Aktie vorsah – umgerechnet damals etwa 30,80 Euro und ein Aufschlag von 4 Prozent.
Seither hat sich die Lage verschoben: Im Juli erreichte UniCredit rund 48 Prozent der Stimmrechte, mittlerweile liegt der Anteil nach eigenen Angaben bei knapp unter 50 Prozent. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp betont, die Gespräche lägen im beiderseitigen Interesse.
Reuters sieht in der zunehmenden Bereitschaft der Bundesregierung, mit UniCredit zu verhandeln, ein Signal, das über den Einzelfall hinausreichen könnte – möglicherweise als Blaupause für weitere grenzüberschreitende Bankenfusionen in Europa.
Das Analysehaus Oddo BHF bekräftigte am Donnerstag seine Einstufung „Outperform“ für die Commerzbank-Aktie mit einem Kursziel von 45 Euro. Die Wahrscheinlichkeit einer ausgehandelten Kontrollübernahme mit mehr als 50 Prozent sieht das Haus inzwischen als überwiegend, ein Blockade- oder Abbruchszenario dagegen nur noch bei unter 20 Prozent.
Aktie nahe Rekordniveau
Die Commerzbank-Aktie schloss am Freitag bei 41,86 Euro, ein Plus von 0,6 Prozent zum Vortag. Damit notiert das Papier nur noch 0,6 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 42,11 Euro, das erst am Donnerstag markiert wurde. Über die vergangenen sieben Handelstage summiert sich der Anstieg auf 4,0 Prozent, seit Jahresbeginn steht ein Plus von 16 Prozent.
Diese Bewertung ruft allerdings auch kritischere Stimmen hervor. Nach einer Analyse gilt die Commerzbank-Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,7 bereits als eher fair bewertet – über dem Branchenschnitt von 11,5, aber unter vergleichbaren europäischen Bankwerten mit rund 18,4. Ein faires KGV wird dort bei 14,5 verortet, was auf begrenztes weiteres Kurspotenzial allein aus der Bewertung hindeutet.
Der 14. September als nächster Prüfstein
Für Anleger bleibt der Termin in der kommenden Woche der entscheidende Fixpunkt: Trifft Orcel in Berlin auf eine Regierung, die konkrete Zusagen zu Standort, Marke und Firmenkundengeschäft durchsetzen kann, oder bleibt es bei politischen Absichtserklärungen ohne bindende Wirkung? Die Positionierung Hessens zeigt, dass zumindest die Rahmenbedingungen einer möglichen Fusion nicht ohne öffentliche Debatte über die Bühne gehen werden.
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