Nach fast zwei Jahren Abwehrkampf schwenkt die Commerzbank um. Vorstandschefin Bettina Orlopp kündigte an, die Gespräche mit der italienischen UniCredit über eine mögliche europaweite Bankenfusion wieder aufzunehmen. Der Schritt markiert eine Wende in einem der längsten Übernahmestreits der jüngeren deutschen Bankengeschichte.
UniCredit hält nach übereinstimmenden Berichten inzwischen 47,59 Prozent der Commerzbank-Aktien und könnte damit auf der Hauptversammlung faktisch eine Mehrheit organisieren. Ein reguläres Übernahmeangebot der Italiener wird mit rund 45 Milliarden Euro bewertet. Orlopp erklärte laut International Finance, Ziel der Gespräche sei es, die systemische Bedeutung des Instituts für Deutschland zu stärken. Aufsichtsratschef Jens Weidmann sprach sich für konstruktive Verhandlungen aus. UniCredit-Chef Andrea Orcel signalisierte seinerseits Gesprächsbereitschaft.
Der Bund erwägt eine Sperrminorität
Parallel zur Ankündigung Orlopps prüft die Bundesregierung offenbar eine Aufstockung ihrer Beteiligung. Der Staat hält derzeit 12 Prozent an der Commerzbank; ein Erwerb weiterer 13 Prozentpunkte für eine Sperrminorität würde nach Berichten rund 5,5 Milliarden Euro kosten. Damit könnte der Bund zentrale Beschlüsse blockieren, selbst wenn UniCredit auf der Hauptversammlung eine faktische Mehrheit erreicht. Die Frage, ob Berlin tatsächlich eingreift, dürfte die Verhandlungen in den kommenden Wochen erheblich beeinflussen – zumal die EZB die deutsche Zurückhaltung gegenüber der Übernahme bereits im Mai scharf kritisiert und für grenzüberschreitende Bankenfusionen in Europa geworben hatte.
Der politische Rückhalt für eine eigenständige Commerzbank war lange ein wesentlicher Baustein der Abwehrstrategie. Dass Orlopp nun selbst den Dialog sucht, verändert die Ausgangslage für den Bund als Aktionär grundlegend.
Orcels Fahrplan: Zwei bis drei Jahre Eigenständigkeit
UniCredit-Chef Orcel skizzierte laut Berichten von WELT AM SONNTAG einen mehrjährigen Zeitplan für eine mögliche Integration. Commerzbank und die UniCredit-Tochter HypoVereinsbank sollen demnach zunächst zwei bis drei Jahre eigenständig operieren, eine endgültige Fusionsentscheidung sei erst in vier bis fünf Jahren zu erwarten. Orcel stellte zudem in Aussicht, dass der Bund als Aktionär mit seinen 12 Prozent an Bord bleiben könne, ein Squeeze-out oder ein Delisting seien nicht geplant, eine fortgesetzte Börsennotierung bleibe möglich.
Beim Personalabbau kündigte UniCredit einen Stellenabbau von rund 7.000 Vollzeitstellen in Deutschland an, betriebsbedingte Kündigungen schloss der Manager bis Ende 2030 aus. Eine signifikante Filialschließungswelle sei nicht geplant, rund 400 Filialen gelten aus Sicht der Italiener als angemessen. Für Anleger ist dieser Zeitplan durchaus bedeutsam: Ein schneller Umbau mit harten Einschnitten scheint damit vorerst vom Tisch, was kurzfristige operative Unsicherheit dämpfen könnte.
Zur Einordnung der Ausgangslage lohnt ein Blick auf die zuletzt vorgelegten Zahlen: Im ersten Quartal 2025 hatte die Commerzbank mit 834 Millionen Euro ihr bestes Quartalsergebnis seit 2011 ausgewiesen, nach 747 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Das Management stellte damals eine Jahresprognose von rund 2,4 Milliarden Euro Gewinn für 2025 in Aussicht, ohne Sondereffekte sogar 2,8 Milliarden Euro, nach einem Rekordgewinn von 2,7 Milliarden Euro im Jahr 2024. Im Zuge der eigenen Restrukturierung hatte die Bank zudem einen Abbau von 3.900 Vollzeitstellen bis Ende 2027 angekündigt, bei gleichzeitigem Stellenaufbau in Polen und Asien.
Kurs nähert sich altem Jahreshoch
An der Börse kommt die Wende gut an. Die Commerzbank-Aktie legt heute um 2,33 Prozent auf 38,61 Euro zu und nähert sich damit wieder ihrem 52-Wochen-Hoch von 39,18 Euro, von dem sie nur noch 1,45 Prozent entfernt notiert. Auf Zwölfmonatssicht steht bei dem Papier ein Plus von 15,84 Prozent zu Buche. Die Marktkapitalisierung des Instituts liegt aktuell bei 41,31 Milliarden Euro.
Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex: Einerseits signalisiert die Gesprächsbereitschaft beider Seiten eine mögliche Deeskalation nach zwei Jahren Übernahmeschlacht, andererseits hält die mögliche Sperrminorität des Bundes eine politische Variable im Spiel, deren Ausgang offen ist. Wie sich die Verhandlungen zwischen Orlopp und Orcel konkret entwickeln, dürfte in den kommenden Wochen für weitere Kursimpulse sorgen.
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