Die Commerzbank-Aktie setzt ihre Erholung fort und notiert am Freitag bei 38,54 Euro, ein Plus von 1,98 Prozent im Tagesvergleich. Damit nähert sich das Papier wieder seinem 52-Wochen-Hoch von 38,85 Euro, das erst am 19. Juni 2026 markiert wurde. Auf Monatssicht steht ein Zuwachs von 6,70 Prozent zu Buche, binnen zwölf Monaten hat sich der Kurs um 32,90 Prozent verteuert. Die Marktkapitalisierung liegt bei 41,02 Milliarden Euro. Hintergrund der jüngsten Bewegung ist der eskalierende Übernahmestreit mit der italienischen UniCredit, der das Institut in dieser Woche erneut in den Mittelpunkt der Berichterstattung rückte.
Orlopp schließt Rücktritt aus
Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat einen Rücktritt trotz des wachsenden Drucks durch UniCredit ausgeschlossen. Ihr Vertrag laufe bis 2029, berichtet Der Aktionär. Zugleich signalisiert Orlopp Gesprächsbereitschaft gegenüber UniCredit-Chef Andrea Orcel. Laut FAZ, zitiert im Pressespiegel von Dow Jones Newswires, sieht Orlopp den Ausbau der UniCredit-Beteiligung auf fast 50 Prozent nicht als Scheitern der eigenen Strategie – der Aktienkurs sei seit September 2024 deutlich gestiegen. UniCredit hat sich mittlerweile Zugriff auf 47,6 Prozent der Commerzbank-Aktien gesichert und könnte über Instrumente auf bis zu 49,65 Prozent der Stimmrechte kommen. Für eine Kontrollmehrheit wäre laut dpa-AFX allerdings eine Schwelle von 75 Prozent nötig, worauf Orlopp mit Verweis auf die eigene unabhängige Handlungspflicht des Vorstands hinwies.
Gewerkschaft warnt vor „tickender Zeitbombe“
Die deutsche Gewerkschaft DBV hat ihre Kritik an der Übernahme deutlich verschärft. In einem Brief warnt sie laut Reuters vor „Potenzial für Chaos“ und stellt fest, es gebe „keine gemeinsame Gesprächsgrundlage“ mehr mit UniCredit. Der Betriebsrat bezeichnet eine verfrühte Fusion als „tickende Zeitbombe“. Ver.di warnt, mehr als 10.000 Arbeitsplätze könnten auf dem Spiel stehen. Der Betriebsrat befindet sich damit in Fundamentalopposition zur Übernahme und könnte laut MarketScreener die Zusammenarbeit mit dem Vorstand aufkündigen, sollte UniCredit tatsächlich die Kontrolle übernehmen – Streiks und weitere Maßnahmen schließt die Gewerkschaft nicht aus. UniCredit selbst erklärt, weiterhin konstruktives Engagement zu suchen.
Staatsanwaltschaft sieht keine Marktmanipulation
Rechtlich verschafft sich UniCredit derweil etwas Entlastung: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat ein Ermittlungsverfahren wegen Marktmanipulation gegen das italienische Institut abgelehnt, wie dpa-AFX berichtet. Der Betriebsrat hatte zuvor Anzeige erstattet. Für weitere Aktienkäufe von UniCredit ist laut Der Aktionär zudem eine EZB-Prüfung erforderlich. Beobachter diskutieren nach Angaben von cash.ch mittlerweile vier mögliche Szenarien für das weitere Vorgehen von UniCredit: die Entsendung eigener Aufsichtsratsmitglieder, den Tausch der HVB gegen Commerzbank-Aktien, weitere Zukäufe bis zur Vollintegration oder den Verkauf von Beteiligungen wie mBank und comdirect. Entscheidungen darüber dürften sich laut den zitierten Einschätzungen noch über Monate hinziehen.
Was die Situation für Kunden bedeutet
Für die rund 11 Millionen Commerzbank-Kunden ändert sich vorerst nichts Grundlegendes, wie Computer Bild berichtet. Konten und Karten funktionieren unverändert, die Einlagensicherung bleibt bei 100.000 Euro pro Kunde bestehen. Bei einer künftigen Integration seien allerdings eine neue App, veränderte Kartenmodelle und Filialschließungen denkbar; Kunden werden zur Vorsicht vor Phishing-Versuchen geraten. Unabhängig vom Übernahmestreit vollzieht die Commerzbank ohnehin einen technischen Wandel bei ihren Kreditkarten: Laut Handelsblatt stellt das Institut seine Kreditkarten im Rahmen einer seit Februar 2025 bestehenden strategischen Partnerschaft von Mastercard auf Visa um. Betroffene Kunden erhalten Post mit einer Wechselaufforderung, ohne Zustimmung droht die Kündigung der bisherigen Karte zum Ablaufdatum. Das Mastercard-Angebot bleibt künftig nur noch im Premium-Konto für 12,90 Euro monatlich bestehen.
Mit einem RSI von 60,8 und einem Abstand von 12,03 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt von 34,40 Euro zeigt sich das charttechnische Bild der Aktie derzeit robust, auch wenn die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 22,52 Prozent auf anhaltende Nervosität rund um den Übernahmepoker hindeutet.
