Die Bundesregierung gibt ihren Widerstand gegen eine Übernahme der Commerzbank durch UniCredit auf. Medienberichten zufolge lädt das Bundesfinanzministerium unter Lars Klingbeil UniCredit-Chef Andrea Orcel für den 14. September zu einem ersten offiziellen Spitzengespräch nach Berlin ein. Damit endet eine monatelange Blockadehaltung Berlins – und der Übernahmepoker um die drittgrößte deutsche Bank tritt in eine neue Phase.
Ein Regierungssprecher dämpfte am Freitag zugleich die Erwartungen an einen schnellen Durchbruch. Bundeskanzler Friedrich Merz plane derzeit keine eigenen Gespräche mit der UniCredit-Führung, hieß es.
Zentrale Bedingung für weitere Verhandlungen bleibe die Sicherstellung der Mittelstandsfinanzierung durch die Commerzbank. Berlin signalisiert damit Gesprächsbereitschaft, ohne die Kernforderung aufzugeben – ein diplomatischer Balanceakt, der die Aktie in den vergangenen Wochen gestützt hat.
UniCredit rückt näher an die Mehrheit
Verstärkt wird der Druck auf Berlin durch eine rein technische Verschiebung der Machtverhältnisse. Die Commerzbank schloss die Einziehung von gut 46,6 Millionen eigener Aktien ab, was etwa 4,14 Prozent des bisherigen Grundkapitals entsprach.
Die Gesamtzahl der Stimmrechte sank dadurch auf 1.080.847.095. Weil UniCredit seine absolute Aktienzahl nicht veränderte, kletterte der rechnerische Zugriff der Italiener auf Commerzbank-Anteile inklusive Derivate von 47,59 auf 49,65 Prozent – ohne einen einzigen zusätzlichen Kauf. Orcel steht damit praktisch vor der Mehrheitsschwelle, ohne formal ein neues Übernahmeangebot vorlegen zu müssen.
Parallel dazu belastet ein juristisches Verfahren die Nachrichtenlage. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt erhob Anklage gegen vier ehemalige Commerzbank-Mitarbeiter wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung.
Die Vorwürfe betreffen Cum-Ex-Geschäfte aus dem Jahr 2008 mit einem geschätzten Steuerschaden von über 20 Millionen Euro. Das Verfahren richtet sich gegen frühere Mitarbeiter, nicht gegen das Institut selbst, dürfte aber die politische Debatte um die Zukunft der Bank zusätzlich aufladen.
Kurs nahe am Jahreshoch
An der Börse spiegelt sich die veränderte Gemengelage in robuster Kursentwicklung. Die Aktie schloss am Freitag bei 40,30 Euro und liegt damit nur noch 1,7 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 41,00 Euro.
Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 12 Prozent zu Buche, auf Sicht von zwölf Monaten summiert sich der Anstieg auf 25 Prozent. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt 13 Prozent – ein Zeichen dafür, dass der Aufwärtstrend breit angelegt ist und nicht nur von kurzfristigen Nachrichtenimpulsen getragen wird.
Bei J.P. Morgan sah Analystin Delphine Lee die Entwicklung Mitte August aus einem anderen Blickwinkel: Sie hob das Kursziel für UniCredit von 93 auf 94 Euro an und verwies dabei ausdrücklich auf die positiven Effekte einer möglichen Konsolidierung der Commerzbank-Beteiligung für den italienischen Konkurrenten.
Der Fahrplan bis zum Herbst
Für Anleger markiert der 14. September den nächsten konkreten Termin im Übernahmepoker. Am 26. September tritt das Management zudem auf der Bank of America Financials CEO Conference auf, im November folgen die Zahlen zum dritten Quartal.
Bis dahin bleibt die Grundkonstellation unverändert: UniCredit nähert sich der Mehrheitsschwelle, Berlin verhandelt, ohne sich festzulegen, und die Commerzbank selbst muss beweisen, dass sie als eigenständiges Institut die Mittelstandsfinanzierung sichern kann – die Bedingung, an der Berlin sein Wohlwollen weiterhin knüpft.
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