Die Übernahmefront bei der Commerzbank hat sich in dieser Woche entscheidend verschoben. UniCredit-Chef Andrea Orcel hat sich Zugriff auf 49,65 Prozent der Anteile gesichert, wie Reuters und das Manager Magazin berichten. Damit steht der italienische Bankkonzern kurz vor der faktischen Kontrolle über das deutsche Institut.
Klingbeil lädt Orcel nach Berlin
Der bislang deutlichste Kurswechsel kommt aus dem Bundesfinanzministerium. Finanzminister Lars Klingbeil hat seine bisherige Blockadehaltung gegen die Übernahme faktisch aufgegeben und Orcel für den 14. September nach Berlin eingeladen.
Regierungskreise bestätigten laut Reuters, dass es bei dem Treffen um die künftige Finanzierung des deutschen Mittelstands im Fall einer Fusion gehen soll. Bundeskanzler Friedrich Merz plant nach jetzigem Stand keine eigenen Gespräche mit UniCredit, was zeigt, dass die Verhandlungslinie klar beim Finanzministerium liegt.
Bemerkenswert ist dabei die Statik der Beteiligungsverhältnisse: Laut Manager Magazin hat Orcel seine Position über komplexe Finanzinstrumente aufgebaut und ist damit nicht mehr auf die verbliebenen 12 Prozent Staatsanteile des Bundes angewiesen. Berlin verliert damit einen erheblichen Teil seines Verhandlungshebels, noch bevor die eigentlichen Gespräche überhaupt begonnen haben.
Solide operative Basis stützt die Verhandlungsposition
Die Commerzbank tritt in diese Gespräche mit einer gestärkten operativen Bilanz. Vor rund einem Monat hatte das Institut für das zweite Quartal einen Nettogewinn von 898 Millionen Euro gemeldet, ein Anstieg von 94 Prozent gegenüber dem Vorjahr und deutlich über der Analystenschätzung von 845 Millionen Euro.
Der operative Gewinn kletterte um 17 Prozent auf 1,27 Milliarden Euro, während die Provisionserträge um 7 Prozent zulegten. Das Management bestätigte zugleich das Jahresziel von mindestens 3,4 Milliarden Euro Nettogewinn und kündigte weitere Aktienrückkäufe von bis zu 1,2 Milliarden Euro an.
Seit der Zahlenvorlage hat die Aktie um 6,8 Prozent zugelegt. Der Kurs notiert aktuell bei 40,30 Euro und liegt damit nur noch 1,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 41,00 Euro, das Ende August markiert wurde. Auf Sicht von zwölf Monaten steht ein Plus von 25 Prozent zu Buche, ein Beleg dafür, dass der Markt die Übernahmefantasie und die operative Stärke bereits weitgehend einpreist.
Ausblick: Terminreigen bis zum Herbst
Die kommenden Wochen bringen mehrere Gelegenheiten, an denen sich die Lage weiter klären könnte. Bereits am 1. September tritt die Bank auf der Commerzbank and Oddo BHF Corporate Conference in Frankfurt auf, gefolgt von der Barclays-Konferenz in Boston am 8. September.
Den vorläufigen Höhepunkt markiert das Treffen zwischen Klingbeil und Orcel am 14. September in Berlin. Weitere Investorentermine folgen am 21. September in München, bevor am 10. November die Zahlen zum dritten Quartal anstehen.
Für Anleger bleibt die zentrale Frage, ob Berlin bei den Gesprächen noch substanzielle Zugeständnisse durchsetzen kann oder ob die faktische Mehrheit von Orcel bereits vollendete Tatsachen geschaffen hat. Die kommenden zwei Wochen dürften darauf erste Antworten liefern.
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