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Cisco: Rekordjahr mit einem Haken

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Cisco hat im August das stärkste Quartal seit Jahren vorgelegt. Der Umsatz stieg im vierten Geschäftsquartal um 18 Prozent auf 17,3 Milliarden Dollar. Der Konzern übertraf damit die eigene Prognose am oberen Rand. Die Aktie hat aus diesen Zahlen seither wenig gemacht. Der Markt traut dem Rekord offenbar nicht ganz. Diese Skepsis hat einen konkreten Grund, und sie lohnt eine genaue Prüfung. Denn Wachstum ist nicht gleich Wachstum.

Cisco liefert ein Rekordjahr

Das Geschäftsjahr 2026 endete für Cisco am 25. Juli. Der Jahresumsatz erreichte 63,3 Milliarden Dollar und legte um 12 Prozent zu. Es war das umsatzstärkste Jahr der Konzerngeschichte. Das Schlussquartal fiel mit 18 Prozent Wachstum noch deutlich besser aus.

Auch die Ertragsseite überzeugte. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg im vierten Quartal um 23 Prozent auf 1,22 Dollar. Nach den strengeren US-Bilanzregeln kletterte der Gewinn je Aktie sogar um 52 Prozent auf 0,97 Dollar. Die bereinigte operative Marge erreichte 35,9 Prozent. Das Management verwies auf die höchste Produktivität seit dreißig Jahren, gemessen an Umsatz und Ergebnis je Mitarbeiter.

Der operative Cashflow lag im Schlussquartal bei 5,4 Milliarden Dollar, ein Plus von 27 Prozent. Im Gesamtjahr blieb er mit 14,2 Milliarden Dollar allerdings unverändert. Die Quartalsdividende beträgt 0,42 Dollar je Aktie.

Woher das Wachstum bei Cisco wirklich kommt

Interessanter als der Umsatz ist der Auftragseingang. Er läuft dem Umsatz voraus und zeigt, was in den nächsten Quartalen ankommt. Hier fielen die Zahlen ungewöhnlich stark aus. Die Produktbestellungen legten im vierten Quartal um 35 Prozent zu. Ohne die großen Cloud-Konzerne blieb immer noch ein Plus von 25 Prozent.

Im Netzwerkgeschäft, dem Kern des Unternehmens, wuchsen die Bestellungen um 40 Prozent. Es war das achte Quartal in Folge mit zweistelligen Zuwachsraten. Das Management spricht inzwischen offen von einem Superzyklus im Netzwerkmarkt.

Besonders dynamisch entwickelte sich das Geschäft mit KI-Infrastruktur für Hyperscaler. Allein im Schlussquartal buchte Cisco hier Aufträge über vier Milliarden Dollar. Im Gesamtjahr summierten sich die Bestellungen auf 9,3 Milliarden Dollar. Ein Jahr zuvor waren es rund zwei Milliarden. Umsatzwirksam wurden davon bislang etwa vier Milliarden Dollar. Für das laufende Geschäftsjahr stellt der Konzern 7,5 Milliarden in Aussicht.

Nun zum Haken. Rund fünf Prozentpunkte des Umsatzwachstums im Schlussquartal stammten aus Preiserhöhungen. Der mengenmäßige Zuwachs lag also näher bei 13 Prozent als bei 18. Diese Preiseffekte fallen im laufenden Geschäftsjahr aus dem Vergleich heraus. Wer die 18 Prozent ungeprüft fortschreibt, überschätzt die Dynamik.

Die Bruttomarge bleibt Ciscos Schwachstelle

Die Bruttomarge zeigt, wie viel vom Umsatz nach Herstellungskosten übrig bleibt. Bei Cisco sank sie im vierten Quartal von 68,4 auf 66,3 Prozent. Der Rückgang betraf vor allem das Produktgeschäft. Im Servicebereich legte die Marge sogar leicht zu.

Zwei Ursachen sind dafür verantwortlich. Erstens sind die Preise für Speicherchips kräftig gestiegen. Diese Bauteile stecken in nahezu jedem Switch und Router. Zweitens verschiebt sich der Produktmix. Große Aufträge von Cloud-Konzernen bringen hohe Volumina, aber geringere Margen als klassische Unternehmensnetze.

Für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres stellt Cisco eine bereinigte Bruttomarge von 65 bis 66 Prozent in Aussicht. Der Trend zeigt also weiter nach unten. Aufgefangen wird das bislang durch Kostendisziplin. Die operative Marge stieg trotz schwächerer Bruttomarge. Dieser Puffer ist allerdings endlich. Sparsamkeit lässt sich nicht beliebig wiederholen.

Nvidia greift Cisco im Rechenzentrum an

Der Wettbewerb verschärft sich an einer empfindlichen Stelle. Der weltweite Markt für Ethernet-Switches wuchs im ersten Kalenderquartal 2026 um knapp 40 Prozent auf 15,4 Milliarden Dollar. Das Rechenzentrumssegment legte um 61 Prozent auf zehn Milliarden Dollar zu.

Den größten Sprung machte Nvidia. Der Konzern steigerte seinen Umsatz mit Rechenzentrums-Switches um 193 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar. Damit übernahm Nvidia in diesem Segment erstmals die Spitzenposition, vor Arista Networks und vor Cisco. Noch zwei Jahre zuvor lag der Anteil unter vier Prozent.

Im Gesamtmarkt für Ethernet-Switches bleibt Cisco klar die Nummer eins. Der Umsatz stieg dort um 24 Prozent auf 4,5 Milliarden Dollar, der Marktanteil liegt bei rund 29 Prozent. Die Verschiebung findet also dort statt, wo das Geld gerade am schnellsten wächst.

Die Art des Verkaufs verändert sich ebenfalls. Nvidia liefert Netzwerktechnik als Bestandteil einer kompletten KI-Fabrik. Rechenleistung, Verbindung und Software kommen aus einer Hand. Cisco verkauft Netzwerke traditionell als eigene Ebene. Wer diesen Kampf gewinnen will, muss mehr bieten als schnellere Ports und bessere Preise. Das setzt Ciscos künftige Preissetzungsmacht unter Druck.

Was die Prognose für Cisco 2027 verspricht

Der Ausblick fiel dennoch selbstbewusst aus. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Cisco einen Umsatz zwischen 72,2 und 73,4 Milliarden Dollar. In der Mitte der Spanne entspricht das einem Plus von rund 15 Prozent. Nach 12 Prozent im Vorjahr wäre das eine Beschleunigung.

Beim bereinigten Gewinn je Aktie nennt der Konzern 5,05 bis 5,11 Dollar. Das entspricht einem Zuwachs von etwa 17 Prozent. Der Gewinn soll also schneller wachsen als der Umsatz. Für das erste Quartal werden 18,0 bis 18,2 Milliarden Dollar Umsatz erwartet.

Zwei Einschränkungen gehören zum Bild. Das Servicegeschäft stagnierte im Schlussquartal und soll im neuen Jahr nur im niedrigen einstelligen Bereich wachsen. Und die Prognose unterstellt eine spürbare Abschwächung im zweiten Halbjahr. Dann treffen die Zahlen auf deutlich anspruchsvollere Vorjahreswerte.

Wie Anleger Cisco jetzt einordnen können

Die Bewertung hat sich über den Sommer merklich entspannt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnschätzungen fiel von rund 28 auf etwa 21. Ein Teil der Euphorie ist damit aus dem Kurs verschwunden. Gemessen am IT-Sektor notiert die Aktie mittlerweile mit einem leichten Abschlag.

Das ist für einen Konzern mit diesem Auftragsbuch ungewöhnlich. Es zeigt aber auch, dass der Markt die Margenfrage ernst nimmt. Die Schwäche der vergangenen Monate war keine Laune. Sie war eine Reaktion auf zwei Punkte weniger Bruttomarge und auf einen Wettbewerber, der im wichtigsten Wachstumssegment vorbeigezogen ist.

Für die kommenden Quartale zählen deshalb zwei Größen mehr als die Schlagzeilen zum Umsatz. Die erste ist die bereinigte Bruttomarge im Verhältnis zur eigenen Prognose von 65 bis 66 Prozent. Bestätigt sich dieser Korridor, trägt die Kostendisziplin. Fällt die Marge darunter, wird der Superzyklus teuer bezahlt.

Die zweite Größe ist der Auftragseingang ohne die Hyperscaler. Solange dieser Wert zweistellig wächst, steht das Geschäft auf breiter Basis. Schwächt er sich ab, hängt Cisco an wenigen Großkunden mit starker Verhandlungsmacht. Ein Auftragsbuch von 9,3 Milliarden Dollar ist ein starkes Argument. Es entscheidet aber nicht darüber, wie viel davon am Ende als Gewinn übrig bleibt.

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Carsten Müller

Senior Kapitalmarktanalyst & Finanzpublizist

Expertise: Fundamentalanalyse globaler Kapitalmärkte | Zukunftstechnologien | Strategische Asset-Allokation

Profil

Mit drei Jahrzehnten Kapitalmarkterfahrung gehört Carsten Müller zu den führenden Finanzanalysten im deutschsprachigen Raum. Der Berliner Kapitalmarktexperte verfügt über fundierte Kenntnisse in der Bewertung internationaler Aktien- und Anleihemärkte und hat sich insbesondere auf die Identifikation langfristiger Megatrends spezialisiert.

Seine Analysemethodik basiert auf einem bewährten Zweisäulenmodell: Fundamentale Unternehmensanalyse kombiniert mit präzisen Timing-Strategien. Dieser integrative Ansatz ermöglicht es ihm, strukturelle Wachstumschancen frühzeitig zu identifizieren und optimal zu nutzen.

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Nach seinem Einstieg in die Finanzbranche bei der n-tv Telebörse prägte er maßgeblich die redaktionelle Ausrichtung führender Börsenpublikationen. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet er heute mehrere Fachpublikationen, darunter den renommierten Börsendienst "Future Money", der sich auf disruptive Technologien und deren Kapitalmarktpotenzial fokussiert.

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Neben seiner analytischen Tätigkeit vermittelt Carsten Müller Kapitalmarktwissen in verschiedenen Formaten. Sein Podcast "Papa, erklär mal Börse" überbrückt generationenübergreifend die Kluft zwischen komplexer Finanztheorie und praktischer Anwendung. Diese Kombination aus tiefgreifender Expertise und verständlicher Kommunikation macht ihn zu einem gefragten Experten für institutionelle und private Anleger.