Innerhalb einer Woche haben Plug Power, Nel ASA, ITM Power, AFC Energy und PowerCell Sweden zwischen 21 und 30 Prozent an Wert verloren. Die Verkaufswelle trifft den Wasserstoff-Sektor in einer Phase, in der gleich mehrere binäre Entscheidungen anstehen — von staatlichen Förderzusagen über Aktionärsabstimmungen bis hin zum ersten Halbjahresbericht unter neuem Firmennamen. Die operative Realität hinter den Kursen zeigt dabei ein zweigeteiltes Bild: Einige Unternehmen verbessern ihre Margen deutlich, andere kämpfen weiterhin damit, volle Auftragsbücher in tatsächlichen Umsatz umzuwandeln.
Sektorweite Ansteckung verschärft den Abverkauf
Die Kursrückgänge der vergangenen Tage lassen sich nicht allein durch unternehmensspezifische Nachrichten erklären. Ein Vorfall bei Clean Power Hydrogen — ein Pilot-Elektrolyseur wurde irreparabel beschädigt, der Handel mit der Aktie ausgesetzt — hat Zweifel an der technologischen Reife der gesamten Branche neu entfacht. Ballard Power Systems verlor in der Folge 19 Prozent. Die Sogwirkung erfasste praktisch alle börsennotierten H2-Werte.
Gleichzeitig stehen im Juni mehrere wegweisende Entscheidungen an:
- Chronos-Förderzusage für ITM Powers automatisierte Fertigungslinie in Sheffield
- HAR2-Ergebnisse der zweiten britischen Wasserstoff-Allokationsrunde
- Unipers finale Investitionsentscheidung für ein Großprojekt
- Plug Powers Aktionärsversammlung am 11. Juni mit Abstimmung über neue Aktienoptionen
- AFC Energys Halbjahresbericht unter dem neuen Namen H-Power
Diese Katalysatoren werden in den kommenden Wochen darüber entscheiden, ob die jüngsten Kursverluste als Einstiegschance oder als Warnsignal zu bewerten sind.
Plug Power: Verwässerungsrisiko vor Aktionärsvotum
Plug Power notiert aktuell bei 2,65 Euro — ein Minus von knapp 25 Prozent innerhalb einer Woche. Die Aktie hat sich damit deutlich von ihrem Anfang Juni erreichten 52-Wochen-Hoch bei 3,72 Euro entfernt.
Der unmittelbare Belastungsfaktor: Am 11. Juni steht die virtuelle Jahreshauptversammlung an. Aktionäre stimmen dort unter anderem über eine Erweiterung des Aktienoptionsplans um 25 Millionen neue Anteile ab. Sollten diese Papiere später ausgegeben werden, droht eine spürbare Verwässerung bestehender Beteiligungen. Kein Wunder, dass Anleger im Vorfeld Positionen abbauen.
Operativ sieht das Bild konstruktiver aus. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 22 Prozent auf 163,5 Millionen Dollar. Die Bruttomarge verbesserte sich massiv — von minus 55 auf minus 13 Prozent. Zusätzliche Liquidität sicherte sich das Unternehmen durch den Verkauf einer bundesstaatlichen Steuergutschrift im Wert von rund 39 Millionen Dollar, verknüpft mit der Wasserstoff-Verflüssigungsanlage in Louisiana.
Susquehanna und Canaccord hoben ihre Kursziele auf 3,75 beziehungsweise 4,00 Dollar an. Beide verweisen auf Margenerfolge durch das Kostensenkungsprogramm „Project Quantum Leap“ und erwartete Erlöse aus Vermögensverwertungen von 275 Millionen Dollar. CEO Jose Luis Crespo hält am Ziel fest: positives EBITDAS im vierten Quartal 2026, operativer Gewinn Ende 2027, volle Profitabilität Ende 2028. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 4,3 Milliarden Dollar — ein ambitionierter Vorschuss auf diese Versprechen.
Nel ASA: Neue Technologie, null Kaufempfehlungen
Nel ASA wird aktuell bei 0,26 Euro gehandelt und hat allein heute über 7 Prozent verloren. Auf Wochensicht beträgt das Minus mehr als 23 Prozent.
Die Diskrepanz zwischen Technologiefortschritt und Analystenbewertung könnte kaum größer sein. Im Mai stellte das norwegische Unternehmen einen neuen druckbeaufschlagten alkalischen Elektrolyseur vor, der speziell für die kostengünstige Produktion von grünem Wasserstoff im industriellen Maßstab entwickelt wurde. Ein potenziell bedeutender Schritt.
Die Quartalszahlen erzählen allerdings eine andere Geschichte. Der Umsatz aus Kundenverträgen sank im ersten Quartal um 5 Prozent auf 148 Millionen NOK. Das EBITDA blieb mit minus 100 Millionen NOK tiefrot, wenn auch 15 Millionen NOK besser als im Vorjahr. Der Auftragseingang lag bei nur 85 Millionen NOK, der Auftragsbestand schrumpfte um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
Mit einer Kassenlage von rund 1,4 Milliarden NOK ist die Liquidität gesichert. Das Management erwartet 2026 mehr finale Investitionsentscheidungen als im Vorjahr und sieht steigendes Momentum für 2027 und 2028. Die Sell-Side teilt diesen Optimismus nicht: Sieben Analysten empfehlen den Verkauf, kein einziger den Kauf. Das durchschnittliche Kursziel von 2,12 NOK signalisiert weiteres Abwärtspotenzial. Der nächste Quartalsbericht am 15. Juli wird zeigen, ob die neue Elektrolyseur-Plattform nennenswerte Bestellungen anzieht.
ITM Power: Drei Entscheidungen, ein Schicksal
ITM Power ist der volatilste Wert im Sektor — und steht vor der entscheidendsten Phase seiner Unternehmensgeschichte. Die Aktie notiert bei 1,52 Euro, ein Einbruch von fast 29 Prozent in nur sieben Tagen. Vom 52-Wochen-Hoch bei 2,58 Euro trennen den Kurs inzwischen 41 Prozent.
Drei Entscheidungen im Juni werden die Richtung vorgeben. Die wichtigste betrifft die Chronos-Fertigungslinie in Sheffield. Die Anlage soll PEM-Elektrolyseure mit doppelter Leistungsdichte zu deutlich niedrigeren Kosten herstellen — Zielkapazität: ein Gigawatt bis 2028. Preisschild: 120 Millionen Pfund. Die britische Regierung hat 46,5 Millionen Pfund an Fördermitteln zugesagt, die finale Freigabe steht nach einer Überprüfung im Juni aus. Great British Energy hat bereits 40 Millionen Pfund investiert und hält nun 10,4 Prozent der Anteile.
Parallel dazu laufen die Ergebnisse der zweiten Hydrogen Allocation Round (HAR2) und Unipers Investitionsentscheidung für ein separates Projekt. Jefferies beziffert das Abwärtsrisiko bei einer negativen Chronos-Entscheidung auf 52 Prozent — hat aber gleichzeitig das Kursziel von 115 auf 200 Pence angehoben. Morgan Stanley erwartet nun EBITDA-Breakeven bereits im Geschäftsjahr 2028, ein Jahr früher als zuvor prognostiziert, sofern ITM rund 200 MW an Neuaufträgen verbucht. UBS bleibt neutral mit einem Fair Value von 60 Pence.
Operativ zeigt ITM Fortschritte. Der Umsatz erreichte im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 einen Rekord von 18 Millionen Pfund, die Jahresprognose liegt bei 40 bis 43 Millionen. Vom Auftragsbestand in Höhe von 152 Millionen Pfund gelten 71 Prozent als profitabel. Die bereinigten EBITDA-Verluste schrumpften auf 11,9 Millionen Pfund. Eine neue Partnerschaft mit Protium für ein Projekt in den schottischen Highlands soll den britischen Markt beschleunigen.
AFC Energy: Neuer Name, alte Baustellen
Das Unternehmen heißt jetzt H-Power plc und handelt unter dem Ticker HPOW an der Londoner AIM. Die Aktie notiert bei 0,15 Euro — ein Wochenminus von gut 21 Prozent. Der Namenswechsel soll den strategischen Fokus auf ammoniakbasierte Wasserstoffproduktion und Brennstoffzellen-Stromlösungen unterstreichen. Modulare, dezentrale Systeme als Alternative zu Dieselgeneratoren in Industrie, Transport und netzfernen Märkten bilden den Kern des Geschäftsmodells.
Die nächste Generation des flüssigkeitsgekühlten Brennstoffzellengenerators S+30 soll noch 2026 ausgeliefert werden. Die Produktionskosten sollen 85 Prozent unter denen des Vorgängermodells liegen. Ein enormer Sprung — sofern er gelingt.
Finanziell bleibt die Lage angespannt. Der Nettoverlust im letzten Halbjahr lag bei 12,05 Millionen Pfund, nach 10,15 Millionen im Vorjahreszeitraum. Der bevorstehende Halbjahresbericht wird zeigen, ob die kommerzielle Wende unter neuem Namen tatsächlich Substanz hat. Ein einzelner Analyst bewertet die Aktie mit Kauf und einem Kursziel von 0,30 Pfund. Automatisierte Bewertungsmodelle sind skeptischer und verweisen auf den anhaltenden Cash-Burn bei schrumpfenden Erlösen.
PowerCell Sweden: EBITDA-Meilenstein unter Bewährungsprobe
PowerCell Sweden notiert bei 2,25 Euro — ein Minus von über 30 Prozent in einer Woche. Von allen fünf Werten hat das schwedische Unternehmen die schärfste Korrektur erlebt. Die Aktie handelt inzwischen mehr als 50 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch und ist der einzige Titel im Quintett, der seit Jahresbeginn im Minus liegt.
Im ersten Quartal 2026 gingen Umsatz und Gewinn zurück, primär wegen niedrigerer IP- und Lizenzeinnahmen. Die Bruttomarge verbesserte sich allerdings dank eines früheren Bosch-Deals. Marine- und Stromerzeugungssegmente zeigen solide Nachfrage, auch wenn Marktungewissheit und Infrastrukturlücken bremsen.
Der längerfristige Trend gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Im Gesamtjahr 2025 stieg der Umsatz um rund 15 Prozent auf 385 Millionen SEK. Die Verluste schrumpften um fast 38 Prozent. Das EBITDA verbesserte sich um etwa 79 Millionen SEK gegenüber dem Vorjahr. PowerCell hat keinen formalen Umsatzausblick für 2026 gegeben, aber klare Prioritäten gesetzt: positives EBITDA halten, Liquidität straff managen, skalierungsbereit bleiben.
Analysten sind deutlich zuversichtlicher als bei den meisten Sektorwerten. Das Konsens-Kursziel liegt bei 33 SEK — ein erhebliches Aufwärtspotenzial. Die Einstufung tendiert in Richtung „Strong Buy“. Disziplinierte Kosten, operative Hebeleffekte und validierte Nachfrage von großen OEM-Partnern bilden die Basis für diese Einschätzung.
Wasserstoff-Sektor zwischen Margenerfolgen und Bewährungsproben
Die fünf Aktien spiegeln einen Sektor wider, der die Phase reiner Zukunftsvisionen hinter sich gelassen hat, aber noch nicht in der breiten kommerziellen Reife angekommen ist. Die Trennlinie verläuft klar: Plug Powers 22-Prozent-Umsatzwachstum mit massiver Margenverbesserung und PowerCells erstes positives Geschäftsjahres-EBITDA stehen Nel ASAs schrumpfendem Auftragsbestand und AFC Energys wachsenden Verlusten gegenüber. ITM Power sitzt am schärfsten Wendepunkt — spektakuläre Rally, aber die Chronos-Entscheidung dieses Monats wird zeigen, ob die Neubewertung verfrüht war oder berechtigt ist.
Die kommenden 90 Tage bringen eine ungewöhnliche Dichte an Katalysatoren. Bis September werden alle drei ITM-Entscheidungen gefallen sein. Plug Power wird die Aktionärsabstimmung hinter sich haben. Nel ASAs Juli-Bericht wird den Markt über die kommerzielle Traktion der neuen Plattform informieren. Und AFC Energys Halbjahresbericht unter dem H-Power-Label wird offenlegen, ob der Namenswechsel mehr als Kosmetik war. Die Ära der reinen Erzählung ist vorbei — Auftragsumwandlung, Margenentwicklung und der Weg zum EBITDA-Breakeven entscheiden jetzt über Gewinner und Verlierer.
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