Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
seit Anfang Juni hat die Aktie von Celestica rund 27 Prozent verloren. Der breite US-Markt legte im selben Zeitraum leicht zu. Im gleichen Zeitfenster hob der kanadische Konzern seine Jahresprognose erneut an. Außerdem rückte er zum Systempartner für den ersten eigenen KI-Beschleuniger von OpenAI auf. Fallender Kurs und steigende Geschäftszahlen passen hier nicht zusammen. Diese Diskrepanz lohnt einen zweiten Blick.
Celestica übertrifft die eigene Prognose deutlich
Im zweiten Quartal erzielte Celestica einen Umsatz von 4,70 Milliarden US-Dollar. Das waren 62 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg von 1,39 auf 2,54 US-Dollar. Beide Werte lagen über dem oberen Ende der eigenen Prognosespanne.
Wichtiger als die absoluten Zahlen ist die Marge. Die bereinigte operative Marge kletterte von 7,4 auf 8,2 Prozent. Auftragsfertiger arbeiten traditionell mit sehr dünnen Margen. Sie bauen Hardware nach den Vorgaben ihrer Kunden und haben wenig Preissetzungsmacht. Steigende Margen bei gleichzeitig explodierenden Stückzahlen deuten deshalb auf eine veränderte Verhandlungsposition hin. Celestica liefert offenbar Komponenten, für die es kurzfristig kaum Ersatz gibt. Der Konzern verdient also nicht nur mehr, sondern auch besser.
Das Management hat die Erwartungen für das Gesamtjahr entsprechend angehoben. Statt 19 Milliarden US-Dollar sollen nun 20,5 Milliarden Umsatz erreicht werden. Das entspricht einem Plus von rund 65 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll bei 11,30 US-Dollar landen, nach zuvor 10,15 US-Dollar. Auch der freie Cashflow wurde von 500 auf 600 Millionen US-Dollar heraufgesetzt. Für das laufende dritte Quartal stellt Celestica einen Umsatz zwischen 5,25 und 5,55 Milliarden US-Dollar in Aussicht.
Interessanter ist der Ausblick auf 2027. Das Management erwartet dort ein Wachstum oberhalb der 65 Prozent dieses Jahres. Der Gewinn soll schneller steigen als der Umsatz. Die Zahlen für das dritte Quartal folgen Ende Oktober.
Die Kapitalerhöhung erklärt den Kursrutsch bei Celestica
Am 5. August kündigte Celestica eine Kapitalerhöhung über drei Milliarden US-Dollar an. Ausgegeben wurden knapp 9,7 Millionen neue Aktien. Die begleitenden Banken zogen zusätzlich ihre Option über rund 1,45 Millionen Stück. Der Ausgabepreis lag etwa 15 Prozent unter dem vorherigen Schlusskurs. Die Aktie gab am Tag der Ankündigung ähnlich stark nach.
Das Geld soll in das Working Capital fließen, in Investitionen und in allgemeine Unternehmenszwecke. Working Capital bezeichnet das Kapital, das im laufenden Betrieb gebunden ist. Dazu zählen vor allem Lagerbestände und offene Kundenrechnungen. Wer seinen Umsatz binnen eines Jahres um zwei Drittel steigert, muss zuvor massiv Material einkaufen. Bei Bauteilen mit langen Lieferzeiten bindet das erhebliche Summen.
Für Altaktionäre ist eine solche Maßnahme trotzdem unangenehm. Ihr Anteil am Unternehmen sinkt, der Gewinn verteilt sich auf mehr Aktien. Zudem signalisiert der Abschlag beim Ausgabepreis, dass die Papiere zügig platziert werden mussten. Der Markt hat diese Verwässerung eingepreist. Die operative Entwicklung hat sich dadurch jedoch nicht verschlechtert. Parallel investiert Celestica rund eine Milliarde US-Dollar in eigene Kapazitäten.
Celestica baut die Racks für den OpenAI-Chip
Den strategisch wichtigsten Schritt machte Celestica im Sommer. OpenAI und Broadcom stellten mit Jalapeño den ersten selbst entwickelten Beschleuniger von OpenAI vor. Der Chip ist ausschließlich für Inferenz ausgelegt, also für das Beantworten von Anfragen durch fertig trainierte Modelle. Broadcom verantwortet die Silizium-Umsetzung und die Netzwerktechnik. Celestica liefert Boards, Racks und die Systemintegration.
Diese Rolle ist mehr als eine Fußnote. Ein Rack ist der Schrank, in dem Rechenleistung, Speicher und Netzwerk zusammenwachsen. Wer ihn baut, sitzt an einer Schnittstelle, die sich nicht schnell austauschen lässt. Die erste Auslieferung ist für das Ende dieses Jahres geplant. Die Serienfertigung soll 2027 anlaufen. Der Hochlauf fällt damit exakt in das Jahr, für das Celestica eine Beschleunigung des Wachstums angekündigt hat. Jalapeño ist dabei nur die erste Generation einer Plattform, die bis 2029 laufen soll.
Daneben wächst das klassische Netzwerkgeschäft. Celestica verkauft Ethernet-Switches mit 1,6 Terabit Bandbreite an Betreiber großer Rechenzentren. Die Nachfrage im Segment Enterprise stieg im zweiten Quartal um 39 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Treiber war der Hochlauf eines KI-Rechenprogramms für einen Hyperscaler.
Die Bewertung von Celestica im Vergleich zur Konkurrenz
Auf Basis der Gewinnschätzungen für 2027 wird Celestica mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 18 gehandelt. Zum Vergleich: Der optische Spezialist Coherent kommt auf rund 33, der Auftragsfertiger Jabil auf etwas über 18. Celestica ist damit der günstigste Wert dieser Gruppe.
Bei den Wachstumsraten dreht sich das Bild. In den vergangenen zwölf Monaten steigerte Celestica den Umsatz um 47 Prozent. Coherent kam auf rund 23 Prozent, Jabil auf etwa 18 Prozent. Beim Gewinn je Aktie liegt der Abstand noch deutlicher. Ein Wachstumsvorsprung dieser Größenordnung bei gleichzeitig niedrigerer Bewertung ist ungewöhnlich.
Auffällig ist zudem das Verhalten institutioneller Investoren. Deren Bestand stieg im Verlauf des Sommers von rund 77 auf etwa 92 Millionen Aktien. Große Adressen haben die Schwäche also zum Aufbau genutzt. Diese Kennzahl kann kippen, liefert aber derzeit ein klares Signal.
Die Risiken bei Celestica bleiben erheblich
Die Abhängigkeit vom Rechenzentrumsgeschäft ist groß. Das Segment Connectivity and Cloud Solutions steuert rund 81 Prozent des Konzernumsatzes bei. Das zweite Standbein wächst dagegen nur im niedrigen zweistelligen Bereich. Fällt ein großer Auftrag weg, trifft das den Konzern unmittelbar.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von wenigen Kunden. Celestica arbeitet für eine überschaubare Zahl von Hyperscalern. Deren Investitionsbudgets entscheiden über das Wachstum. Sollte einer dieser Konzerne seine Ausgaben drosseln, dürfte die Stimmung in der gesamten Branche drehen. Die Bewertung der Aktie würde dann sehr schnell unter Druck geraten.
Auch die Marge birgt Risiken. Der aktuelle Wert liegt über dem Branchendurchschnitt. Ein Rückschlag wäre bei einem ungünstigeren Produktmix jederzeit möglich. Schließlich bleibt das Ausführungsrisiko. Die Kapazitäten müssen schnell wachsen, ohne dass die Qualität leidet. Und die Aktie schwankt stark. Sie eignet sich nicht für Anleger mit schwachen Nerven. Rücksetzer von 15 Prozent an einem einzigen Handelstag hat es in diesem Jahr bereits gegeben.
Was der Kurs derzeit nicht abbildet
Der Abschlag von 27 Prozent spiegelt zwei Ereignisse wider: eine verwässernde Kapitalerhöhung und die allgemeine Nervosität rund um KI-Investitionen. Er spiegelt nicht die Auftragslage wider. Die Prognosen wurden angehoben, die Margen steigen, und mit dem OpenAI-Projekt ist ein mehrjähriges Programm hinterlegt.
Wer das Geschäftsmodell verstanden hat, erkennt den Unterschied zwischen einer Finanzierungsfrage und einem Nachfrageproblem. Bei Celestica liegt bislang nur Ersteres vor. Wie lange die Nachfrage trägt, bleibt die offene Größe in dieser Rechnung. Ende Oktober wird sich zeigen, ob die Zahlen diese Einschätzung bestätigen.
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