Canaan hat einen klaren Termin, bis zu dem der Aktienkurs steigen muss. Sonst droht eine Maßnahme, die Aktionäre verwässert. Der Bitcoin-Miner aus Singapur bekommt von der Nasdaq zwar mehr Zeit — die technischen Schäden am Kursverlauf lassen sich davon aber nicht wegwischen.
Die American Depositary Shares von Canaan notieren aktuell bei 0,1762 Euro, ein Plus von 4,63 Prozent gegenüber dem Dienstagsschluss. Der Sprung kommt nur zwei Tage nachdem das Papier am 3. August ein neues 52-Wochen-Tief von 0,1372 Euro markiert hatte. Trotz der Erholung liegt die Aktie noch 33,33 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt und satte 66,56 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt.
Die entscheidende Frist
Im Zentrum steht eine simple Frage: Schafft es der ADS-Kurs, dauerhaft über die Nasdaq-Mindestschwelle von einem US-Dollar zu klettern, bevor die verlängerte Frist ausläuft? Oder zwingt die anhaltende Schwäche das Unternehmen zu einem verwässernden Reverse Split, um den Listing-Status zu retten?
Canaan erhielt von der Nasdaq eine zusätzliche Frist von 180 Tagen, die bis zum 11. Januar 2027 läuft. Notiert der Schlusskurs an mindestens zehn aufeinanderfolgenden Handelstagen bei einem Dollar oder darüber, bestätigt die Börse die Rückkehr zur Regelkonformität schriftlich. Aktuell liegt der Kurs in Dollar-Terms weit unter dieser Marke — der Weg dorthin ist die strukturelle Weggabelung, vor der Anleger jetzt stehen.
Das optimistische Szenario
Operativ zeigt Canaan Anzeichen von Stabilisierung statt Kollaps. Das Management bezeichnete den Juni als Monat der Konsolidierung und Erholung und will sich weiter auf eine diszipliniert geführte Mining-Operation konzentrieren. Der Konzern verbuchte im Juni den stärksten monatlichen Zuwachs des Jahres 2026: 49 zusätzliche Bitcoin flossen in die Kryptowährungs-Reserve, die damit einen Rekordstand von 1.915 BTC und 3.952 ETH erreichte.
Auch das Management selbst hat Geld nachgeschossen. CEO Nangeng Zhang und CFO Jin „James“ Cheng kauften am 24. Juni 2026 zusammen 1.065.000 ADS zu einem Durchschnittspreis von 0,35 US-Dollar. Bereits im März hatten die beiden Führungskräfte 1.456.547 ADS zu durchschnittlich 0,51 US-Dollar erworben — Insider-Käufe, die auf Vertrauen in die eigene Aktie hindeuten, auch wenn sie den Kurs bislang nicht dauerhaft gestützt haben.
Neben dem klassischen Mining-Geschäft baut Canaan sein Hash-to-Heat-Fernwärmegeschäft aus und liefert Hardware. Im April 2026 kam eine Folgebestellung von Tether für Hash-Board-Module hinzu, die speziell für immersionsgekühlte Mining-Systeme der nächsten Generation entwickelt wurden. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel von 1,49 Euro impliziert theoretisch erhebliches Aufwärtspotenzial — die Distanz zum aktuellen Kurs spiegelt aber auch, wie viel Skepsis im Markt eingepreist bleibt.
Das Risiko-Szenario
Das bärische Argument dreht sich um die Kluft zwischen technischem Schaden und ablaufender Uhr. Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von 117,07 Prozent und ein RSI von 34,6 sprechen für eine Aktie, die noch nach einem Boden sucht, statt einen zu bestätigen.
Die Umsatzentwicklung hat sich ebenfalls abgeschwächt. Canaan meldete für das erste Quartal 2026 einen unauditierten Umsatz von 62,7 Millionen US-Dollar — im Rahmen der eigenen Prognose, aber niedriger als sowohl im vierten Quartal 2025 als auch im Vorjahresquartal.
Die Nasdaq-Historie des Unternehmens zeigt wiederholte Beinahe-Verfehlungen statt echter Lösung. Die Börse informierte Canaan bereits im Januar 2026, dass der ADS-Schlusskurs an 30 aufeinanderfolgenden Handelstagen unter einem Dollar lag. Das löste eine erste 180-Tage-Frist bis zum 13. Juli 2026 aus. Diese Frist konnte das Unternehmen nicht organisch einhalten. Stattdessen wechselte Canaan das Listing zum Nasdaq Capital Market und beantragte am 6. Juli 2026 eine weitere Verlängerung um 180 Tage.
Bemerkenswert: Canaan muss der Nasdaq während der zweiten Compliance-Periode schriftlich mitteilen, ob es die Schwäche notfalls per Reverse Split beheben will. Ein Reverse Split würde die Nasdaq-Vorgabe zwar technisch erfüllen. Er würde aber nicht automatisch eine verbesserte fundamentale Nachfrage nach der Aktie widerspiegeln — und könnte die Stimmung zusätzlich belasten, sollte der Markt ihn als Eingeständnis werten, dass die organische Kurserholung gescheitert ist.
Ausblick
Solange die Margen im Bitcoin-Mining unter Druck bleiben und das Umsatzwachstum schwach ausfällt, wird der Weg zurück zur Regelkonformität allein über Kursanstieg schwierig. Ein Reverse Split vor dem 11. Januar 2027 bleibt eine reale Möglichkeit, aber keine ausgemachte Sache.
Beschleunigt sich das Wachstum der Bitcoin-Reserve weiter, oder skalieren die Hash-to-Heat- und KI-nahen Hardware-Aufträge zusätzlich, könnte neues Kaufinteresse den ADS-Kurs spürbar anheben — ganz ohne erzwungene Kapitalmaßnahme. Die nächsten konkreten Signale liefern die monatlichen Bitcoin-Produktionsupdates sowie jede Nasdaq-Mitteilung zum Stand der Mindestkurs-Anforderung im Vorfeld der Januar-2027-Frist.
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