BYD verkauft mehr Elektroautos als jeder andere Hersteller der Welt. Trotzdem notiert die Aktie am Mittwoch bei 9,82 Euro und damit rund 34 Prozent unter ihrem Rekordhoch vom Juli 2025. Diese Lücke erzählt weniger über das operative Geschäft als über das Misstrauen der Anleger.
Mit einem Plus von 2,29 Prozent liegt der Kurs nun etwa 22 Prozent über dem Jahrestief von 8,03 Euro, das erst am 30. Juni erreicht wurde. Der Titel bewegt sich damit knapp über dem 50-Tage-Durchschnitt von 9,67 Euro, aber immer noch fast 8 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 10,66 Euro. Auf Jahressicht steht ein Minus von gut 10 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar fast 28 Prozent.
Größer als Tesla, kleiner in der Wahrnehmung der Börse
Im ersten Halbjahr 2026 hat BYD Tesla bei den weltweiten Auslieferungen batterieelektrischer Fahrzeuge überholt. Am 8. Juli feierte der chinesische Autobauer zudem die Produktion des 17-millionsten Neuenergiefahrzeugs. Allein im Juni verkaufte BYD 403.472 Fahrzeuge, ein Plus von 5,46 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das zweite Quartal brachte 1,1 Millionen Auslieferungen, ein Sprung von 58 Prozent zum Vorquartal.
Das sind Größenordnungen, die kein Wettbewerber erreicht. Und trotzdem handelt die Aktie zu weniger als der Hälfte ihres Jahreshochs. Genau hier liegt die Spannung, die diesen Titel gerade definiert: Der Markt belohnt Stückzahlen nicht mehr. Er verlangt Beweise für Profitabilität.
Die Margen-Rechnung, die Anleger verschreckt
Der Grund liegt in den Zahlen. Im ersten Quartal 2026 verzeichnete BYD den stärksten Gewinneinbruch seit Jahren. Der Preiskrieg im Heimatmarkt frisst die Margen auf. Der Nettogewinn fiel um 55,4 Prozent auf 4,08 Milliarden Yuan, der Umsatz sank um 11,82 Prozent auf 150,23 Milliarden Yuan.
Auch das Gesamtjahr 2025 zeigt das Muster: Der Umsatz wuchs nur um 3,46 Prozent, der Nettogewinn brach um 19 Prozent auf 32,6 Milliarden Yuan ein. Die Nettomarge schrumpfte von 5,2 auf 4,1 Prozent.
Ein Unternehmen verkauft mehr Autos als fast jeder andere Hersteller auf der Welt – und verdient an jedem einzelnen weniger. Das ist der Kern der aktuellen Bewertungsdebatte. Chinas Autohersteller meldeten für das erste Quartal 2026 branchenweit einen Gewinnrückgang von 18 Prozent, die durchschnittliche Marge dünnte auf 3,2 Prozent aus. Selbst Xiaomi, das starkes Auslieferungswachstum zeigt, macht dabei Verlust: umgerechnet rund 5.600 Dollar pro verkauftem Fahrzeug. BYD steht mit diesem Problem nicht allein da. Als größter Player hat der Konzern aber am meisten zu verlieren in einem Preiskampf, den er mit angestoßen hat.
Das Exportventil hat seinen eigenen Preis
BYDs Antwort: mehr Druck ins Ausland, wo Verkaufspreise und Margen höher liegen. Im Juni verkaufte BYD 175.349 Fahrzeuge außerhalb Chinas, fast 95 Prozent mehr als im Vorjahr. Das entspricht über 43 Prozent der monatlichen Gesamtauslieferungen.
Europa ist die Hauptbühne. Die Verkäufe stiegen dort 2025 um 270 Prozent auf knapp 188.000 Fahrzeuge, bis Mai 2026 kamen nochmal 144 Prozent Wachstum hinzu.
Aber auch diese Fluchtroute wird enger. Die EU baut Mauern: Die im Juli 2024 eingeführten Zölle auf chinesische Elektroautos addieren für BYD rund 17 Prozentpunkte auf den Basiszoll. Das ist nicht so erdrückend wie der amerikanische Zoll von 100 Prozent, drückt aber auf Margen, die ohnehin schon knapp sind.
Problematischer für BYDs europäisches Portfolio, das stark auf Hybride setzt: Die EU-Kommission bereitet Ausgleichszölle auf chinesische Plug-in-Hybride vor. Das würde genau die Schlupflöcher schließen, die BYD bisher genutzt hat. Hybride sind für BYD in Europa kein Nebenschauplatz – sie waren das Fahrzeugsegment, mit dem der Konzern das ursprüngliche Zollregime umgangen hat.
Die langfristige Lösung heißt lokale Produktion. Auch die kostet Zeit und Geld. Eine Fabrik in Ungarn für 4 Milliarden Euro soll im vierten Quartal 2026 die Produktion aufnehmen, zunächst aber nur einige zehntausend Fahrzeuge liefern – weit entfernt von dem, was die europäische Nachfrage decken würde. Ein türkisches Werk liegt derweil auf Eis.
Risse im Heimatmarkt hinter dem Exportglanz
Während die Exportgeschichte glänzt, zeigt der Heimatmarkt Risse. Die Einzelhandelsverkäufe von Pkw in China brachen im Juni um 23,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein – der achte Rückgang in Folge. Gleichzeitig kletterte der Marktanteil von Neuenergiefahrzeugen auf 62,8 Prozent.
BYD gewinnt also ein größeres Stück von einem schrumpfenden Kuchen. Das schmeichelt den Marktanteilsdiagrammen, hilft aber kaum der Bilanz.
Eine Aktie zwischen zwei Fronten
Mit einer annualisierten Volatilität von über 40 Prozent und einem RSI von knapp 59 ist der Titel weder überverkauft noch überkauft – nur unruhig. Das spiegelt ein Geschäft, das rekordhohe globale Stückzahlen mit einem Heimatpreiskrieg vereinbaren muss, dem der Konzern nicht so leicht entkommt, während Exportmärkte immer höhere Eintrittsgebühren verlangen.
BYD bleibt vorerst der größte Elektroautoverkäufer der Welt nach Stückzahlen. Ob sich das in einem Aktienkurs niederschlägt, der diesem Titel gerecht wird, hängt weniger davon ab, wie viele Autos vom Band laufen. Entscheidend wird sein, ob der Konzern verteidigen kann, was er an jedem einzelnen Fahrzeug verdient – zu Hause und zunehmend auch in den Märkten, die eigentlich seine Margen retten sollten.
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