Ein Automobilkonzern, der im Ausland reüssiert und daheim strauchelt, dazu ein neues Modell mit 1.008 Kilometern Reichweite und obendrein ein humanoider Roboter in der Pipeline – BYD liefert derzeit genug Schlagzeilen für mehrere Unternehmen. Für mich drängt sich dennoch die Frage auf, ob die Substanz mit dem Tempo der Ankündigungen mithält. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Antwort ist komplizierter, als es die Erfolgsmeldungen aus Übersee vermuten lassen.
Die Rechnung, die BYD noch aufgehen muss
Im Juli verkaufte BYD rund 420.000 Fahrzeuge, ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Klingt nach Aufbruchstimmung – ist aber, gemessen am eigenen Jahresziel, zu wenig. Nach 1,81 Millionen verkauften Autos im ersten Halbjahr müsste der Konzern für den Rest des Jahres im Schnitt monatlich 530.000 Einheiten absetzen, um wenigstens die untere Marke des Zielkorridors von 5 bis 5,5 Millionen Fahrzeugen zu erreichen. Von Januar bis Juli kamen kumuliert 2.227.722 Neuenergiefahrzeuge zusammen, ein Rückgang von 10,54 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Immerhin: Im ersten Halbjahr lag das Minus noch bei 15,72 Prozent, der Trend dreht sich also langsam. Für mich bleibt die Kernbotschaft trotzdem unverändert – BYD müsste im zweiten Halbjahr eine Schippe drauflegen, die bislang nicht erkennbar ist.
Das Auslandsgeschäft als eigentliche Story
Wer BYD nur über die heimischen Verkaufszahlen bewertet, verpasst meiner Ansicht nach den spannenderen Teil der Geschichte. Die Auslandsverkäufe von Pkw und Pickups summierten sich von Januar bis Juli auf 969.208 Einheiten, das entspricht 43,5 Prozent der Konzernverkäufe. Allein im Juli stiegen die Exporte um 124,3 Prozent auf 179.841 Fahrzeuge. In Europa hat BYD im ersten Halbjahr Tesla erstmals bei den Neuzulassungen überholt, mit 174.144 gegenüber 170.351 Fahrzeugen. Bemerkenswert daran: Das gelingt trotz eines EU-Strafzolls von rund 27 Prozent. Matthias Schmidt von Schmidt Automotive Research ordnete Ende Juli ein, dass die Zölle bislang keine große Wirkung entfaltet hätten, weil chinesische Hersteller stark auf Nicht-BEV-Modelle wie Hybride setzen – über die Hälfte der BYD-Auslieferungen entfällt inzwischen auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Ab dem vierten Quartal 2026 will BYD zudem im ungarischen Szeged produzieren, zunächst mit dem Dolphin Surf, der dann als europäisches Fahrzeug gilt und den Zöllen entgeht. Die für Europa zuständige Managerin Stella Li nennt als Ziel, bis 2028 alle in Europa verkauften Elektrofahrzeuge auch lokal zu bauen. Für mich ist das der eigentliche Wachstumshebel des Konzerns – nicht der gesättigte Heimatmarkt.
Modelloffensive und ein Roboter als Ablenkung?
Parallel zum Verkaufsdruck fährt BYD sein Produktprogramm auf Hochtouren. Der Da Han soll mit bis zu 1.008 Kilometern Reichweite als BEV-Flaggschiff am 21. August auf der Auto Show in Chengdu debütieren, die Denza-Marke bringt ab dem 3. August den Z9S mit bis zu 920 Kilometern Reichweite in den Vorverkauf. In Tokio startete Ende Juli zudem der Kleinwagen Racco, umgerechnet für rund 13.100 Dollar, der nach Abzug japanischer Subventionen unter zwei Millionen Yen fällt. Dass BYD obendrein für August die Vorstellung seines ersten humanoiden Roboters in den eigenen „Di Space“-Erlebniszentren angekündigt hat, passt ins Bild eines Konzerns, der auf möglichst vielen Feldern gleichzeitig Präsenz zeigen will. Ich sehe darin eher ein Zeichen von Ambition als von Fokus – ein Roboterprojekt löst nicht das Problem der Absatzlücke im Kerngeschäft.
Der Kurs spiegelt die Zweifel
Die Börse jedenfalls bleibt skeptisch. Am Donnerstag schloss die Aktie bei 10,05 Euro, ein Minus von 1,72 Prozent, und notiert damit 24,06 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Auch zum 200-Tage-Durchschnitt liegt der Kurs mit 4,54 Prozent im Rückstand. Dazu passen die harten Fakten aus dem ersten Quartal, als der Nettogewinn im Jahresvergleich um 55 Prozent auf 4,08 Milliarden Yuan einbrach – Zahlen, die inzwischen einige Monate alt sind, aber die Erwartungshaltung für den anstehenden Halbjahresbericht prägen dürften, der Medienberichten zufolge für Ende August erwartet wird. Zusätzlich strich Südkoreas Umweltministerium BYD für das zweite Halbjahr aus seinem Förderprogramm für Elektrofahrzeuge, einem der zuletzt am schnellsten wachsenden Exportmärkte des Konzerns.
Unterm Strich sehe ich bei BYD ein Unternehmen mit zwei Geschwindigkeiten: außerhalb Chinas expandiert der Konzern mit beeindruckendem Tempo, während das Heimatgeschäft schrumpft und das Jahresziel zunehmend ambitioniert wirkt. Die Kursschwäche der vergangenen Monate erscheint mir vor diesem Hintergrund nicht unbegründet, auch wenn die Exportdynamik und die bevorstehende lokale Fertigung in Europa durchaus für strukturelles Potenzial sprechen. Ob das reicht, um die Wachstumsrechnung für 2026 doch noch zu retten, wird sich frühestens mit den Zahlen zum zweiten Halbjahr zeigen.
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