Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Eine News mit Reichweite: FuriosaAI meldete eine strategische Partnerschaft mit Broadcom. Das koreanische KI-Startup und der US-Technologieriese wollen gemeinsam einen KI-Beschleuniger der dritten Generation entwickeln. Das Ziel: eine Plattform für die größten Rechenzentren der Welt, ausgelegt für sogenannte agentenbasierte KI-Systeme. Gemeint sind KI-Anwendungen, die eigenständig komplexe Aufgaben übernehmen und im industriellen Maßstab betrieben werden. FuriosaAIs aktuell in Serienproduktion befindlicher Beschleuniger RNGD wird im Fünf-Nanometer-Verfahren bei TSMC gefertigt und ist als PCIe-basierter Chip für rechenintensive Sprachmodell-Workloads ausgelegt. Diese technische Basis bildet das Fundament für die nächste gemeinsame Generation. Die Meldung ist keine Überraschung. Sie fügt sich in ein Bild, das sich seit Monaten verdichtet: Broadcom hat sich als einer der zentralen Architekten der globalen KI-Infrastruktur etabliert.
Zwei Standbeine, ein Konzern
Broadcom operiert mit zwei strukturell verschiedenen Geschäftsbereichen, die sich strategisch ergänzen. Auf der einen Seite steht das Halbleitergeschäft mit maßgeschneiderten KI-Chips, sogenannten ASICs. Das Kürzel steht für Application-Specific Integrated Circuits, also Chips, die nicht für den Massenmarkt produziert werden, sondern exklusiv für einzelne Großkunden. Auf der anderen Seite steht das Infrastruktursoftwaregeschäft, das nach der 69-Milliarden-Dollar-Übernahme von VMware im Jahr 2023 eine neue Dimension gewonnen hat.
Genau im ASIC-Modell liegt ein entscheidender Unterschied zu Nvidia. Während Nvidia standardisierte Grafikprozessoren an den Markt bringt, co-designt Broadcom individuelle Chips für Hyperscaler wie Google, Meta, OpenAI und Anthropic. Wer einmal auf ein maßgeschneidertes Chipdesign setzt, wechselt nicht einfach den Anbieter. Dieser Wechsel würde Jahre dauern und Milliarden kosten. Das erzeugt eine strukturell tiefe Kundenbindung, die in der Halbleiterbranche kaum zu replizieren ist. Marktbeobachter schätzen die typische Laufzeit solcher Designpartnerschaften auf fünf bis sieben Jahre. In dieser Zeit entwickelt Broadcom die Chiparchitektur gemeinsam mit dem Kunden weiter, optimiert den zugehörigen Software-Stack und baut die Netzwerkinfrastruktur aus. Das ergibt eine Tiefe der Zusammenarbeit, die weit über einen klassischen Lieferantenvertrag hinausgeht.
KI-Umsatz mit dreistelligem Wachstum
Die Zahlen des ersten Quartals des Geschäftsjahres 2026 lassen wenig Interpretationsspielraum. Im KI-Segment erzielte Broadcom einen Umsatz von 8,4 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für das zweite Quartal 2026 peilt das Management KI-Halbleiterumsätze von rund 10,7 Milliarden Dollar an, ein Plus von 140 Prozent im Jahresvergleich. Der erwartete Gesamtumsatz liegt für das zweite Quartal bei rund 22 Milliarden Dollar, was einem Wachstum von 47 Prozent entspricht. Der KI-Bereich wächst damit deutlich schneller als der Konzern insgesamt.
Entscheidend für die langfristige Einschätzung ist der Blick auf 2027. CEO Hock Tan kommunizierte auf der Analystenkonferenz zum ersten Quartal 2026, dass Broadcom im Geschäftsjahr 2027 mehr als 100 Milliarden Dollar KI-Chip-Umsatz anstrebt, exklusive Softwareumsätze. Die dafür notwendige Produktionskapazität ist laut Unternehmensangaben bis 2028 gesichert. Google plant, seine TPU-Deployments bis 2027 auf mehr als drei Gigawatt Rechenleistung zu skalieren. Meta verfolgt eigene Multi-Gigawatt-Pläne, OpenAI hat den Aufbau von über einem Gigawatt eigener Chips bis 2027 angekündigt. Broadcom steht bei all diesen Projekten als Designpartner im Zentrum.
VMware: Vom Sorgenkind zur Gewinnmaschine
Als Broadcom VMware 2023 übernahm, zweifelten viele an der Logik dieser Akquisition. Der Kaufpreis erschien manchen überzogen, die Integrationskomplexität hoch. Zwei Jahre später sieht die Rechnung anders aus. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2025 erzielte das Infrastruktursoftwaresegment einen Umsatz von 6,9 Milliarden Dollar, ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Bruttomarge im Softwarebereich lag bei 93 Prozent, die operative Marge bei 78 Prozent. Im ersten Quartal 2026 übertrafen die VMware-Buchungen die Marke von 9,2 Milliarden Dollar, der wiederkehrende Jahresumsatz wuchs um 19 Prozent. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Broadcom Softwareumsätze von mehr als 30 Milliarden Dollar.
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Hinter diesen Zahlen steckt eine strategische Transformation. VMware Cloud Foundation entwickelt sich zum Software-Rückgrat für Unternehmen, die private KI-Infrastruktur aufbauen wollen. Die Plattform integriert Prozessoren, Grafikprozessoren, Speicher und Netzwerkkomponenten in einer einheitlichen Umgebung. Mehr als 300.000 Unternehmenskunden sind von Einzellizenzmodellen auf wiederkehrende Abonnements umgestellt worden. Das verwandelt einen einstmals unregelmäßigen Umsatzstrom in planbare, hochmargige Einnahmen.
Starke Kennzahlen, komplexe Bewertungsfrage
Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Broadcom einen Gesamtumsatz von 63,9 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 24 Prozent. Das bereinigte EBITDA, also der Betriebsgewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, stieg um 35 Prozent auf 43 Milliarden Dollar. Der freie Cashflow betrug 26,9 Milliarden Dollar, ein Plus von rund 40 Prozent. Allein im ersten Quartal 2026 flossen 10,9 Milliarden Dollar durch Dividenden und Aktienrückkäufe an Aktionäre zurück. Der Vorstand genehmigte zudem ein weiteres Rückkaufprogramm über 10 Milliarden Dollar bis Ende 2026.
Die Bewertungsfrage ist komplex. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der zurückliegenden zwölf Monate liegt bei rund 81, was auf den ersten Blick hoch wirkt. Auf Basis der erwarteten Gewinne sinkt dieses Verhältnis auf etwa 48. Aussagekräftiger ist der PEG-Wert von 0,88. Der PEG setzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis ins Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum. Ein PEG unter 1,0 gilt klassisch als Hinweis, dass das Wachstumspotenzial einer Aktie noch nicht vollständig eingepreist ist. Der Sektormedian liegt vergleichsweise bei 1,39.
Risiken nicht ausblenden
Die Abhängigkeit von wenigen Großkunden ist ein strukturelles Risiko. Die fünf größten Kunden stehen für rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes. Entscheidet sich ein Hyperscaler langfristig gegen eine Verlängerung der Chipkooperation, hätte das spürbaren Einfluss auf die Gewinnentwicklung. Ein weiteres Risiko liegt in der Margenentwicklung. KI-Halbleiter weisen strukturell niedrigere Bruttomargen auf als Softwareprodukte. Mit steigendem Anteil des Chipgeschäfts am Gesamtumsatz könnte die Konzernmarge unter Druck geraten. Bisher zeigen die Zahlen, dass Skalierung diesen Effekt kompensiert. Ob das dauerhaft gilt, bleibt eine offene Frage.
Der nächste Bewährungstest kommt mit den Quartalszahlen im Juni 2026. Bestätigt Broadcom die Umsatzerwartungen, bleibt der KI-Umsatz im Zielkorridor, und gibt das Management konkrete Signale zur Kundennachfrage für 2027, dürfte der Markt das honorieren.
Fazit: Zwei Motoren, ein Ziel
Broadcom zeigt, wie ein Technologiekonzern gleichzeitig im Hardwaregeschäft wachsen und im Software-Segment verlässlich hohe Margen erzielen kann. Der Halbleiterbereich liefert dynamisches Wachstum durch eine strukturell einzigartige Kundenbasis. Die Softwaresparte produziert stabile, planbare Cashflows mit Margen, die in der Branche ihresgleichen suchen. Zusammen bilden sie ein Geschäftsmodell mit zwei sich gegenseitig verstärkenden Wettbewerbsvorteilen.
Das Ziel von mehr als 100 Milliarden Dollar KI-Umsatz bis 2027 ist ambitioniert. Gesicherte Produktionskapazitäten, langfristige Kundenverträge und eine wachsende Partnerschaftsliste sind die Grundlage dafür. Ob Broadcom dieses Ziel erreicht, werden die nächsten Quartale zeigen.
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