Broadcom liefert Zahlen, von denen andere Unternehmen nur träumen können – und wird trotzdem abgestraft. Der Aktienkurs gab im vorbörslichen US-Handel um fast vier Prozent nach, obwohl der Chipkonzern Umsatz und Gewinn im dritten Geschäftsquartal deutlich steigern konnte. Der Umsatz verdreifachte sich im Jahresvergleich auf 29,6 Milliarden Dollar, das Segment Halbleiterlösungen wuchs um 127 Prozent.
Der eigentliche Aufreger liegt woanders: Anleger hatten offenbar auf noch stärkere Signale zur kurzfristigen Umsatzentwicklung gehofft. Die Prognose für das Schlussquartal traf zwar die Schätzungen, wirkte im Vergleich zu Nvidias Zahlen aus der vergangenen Woche aber weniger überzeugend. Kein Wunder, dass sich die Erwartungshaltung am KI-Boom mittlerweile derart aufgeladen hat, dass selbst starke Ergebnisse als Enttäuschung gelten können.
Der Ausblick bis 2028 bleibt beeindruckend
Broadcom rechnet mit einer weiteren Verdopplung des KI-Chip-Geschäfts binnen zwei Jahren. Für das laufende Geschäftsjahr wurde das Ziel leicht auf 58 Milliarden Dollar angehoben, 2027 sollen es 115 Milliarden Dollar werden, 2028 dann 230 Milliarden Dollar. Getragen wird dieser Ausblick von sechs XPU-Kunden, unter ihnen Google, Anthropic, OpenAI und Meta.
Am wichtigsten Kunden Google scheiden sich unter Analysten die Geister. Skeptiker befürchten, dass der Alphabet-Konzern künftig weniger auf Broadcom-Chips setzt und die Ziele stärker von Anthropic und OpenAI abhängen. Optimisten halten dagegen, dass Google auch als drittgrößter Kunde relevant bleibt – eine Einschätzung, der sich auch Bernstein-Analyst Stacy Rasgon anschließt, nicht zuletzt wegen der aus seiner Sicht günstigen Bewertung.
Kursziele weit über dem aktuellen Niveau
Nach den Zahlen justierten mehrere Häuser ihre Kursziele nach oben. Cantor Fitzgerald hob sein Ziel von 525 auf 600 Dollar an und verwies auf die massiv erhöhte KI-Umsatzprognose sowie eine Kapazitätsknappheit bei Substraten, Wafern, CoWoS und HBM. Weitere Anpassungen:
- Morgan Stanley: 505 Dollar
- Baird: 630 Dollar
- Mizuho: 530 Dollar
- Raymond James: 475 Dollar
- Barclays: 500 Dollar
Das durchschnittliche Kursziel unter den von Bloomberg erfassten Analysten liegt bei knapp 530 Dollar – deutlich über dem aktuellen Kursniveau und sogar über dem bisherigen Rekordhoch. 57 von 62 Analysten empfehlen die Aktie zum Kauf.
Die Diskrepanz zwischen Kurszielen und Kursverlauf ist auffällig. Anfang Juni kostete die Aktie noch fast 500 Dollar, vorbörslich wurde sie zuletzt bei gut 350 Dollar gehandelt. Das Jahresplus ist damit auf gut zwei Prozent zusammengeschmolzen – eine deutliche Underperformance gegenüber dem breiteren Halbleiterindex SOX, befeuert auch durch wachsende Konkurrenz von Marvell Technology nach dessen Custom-Chip-Deal mit Google.
Broadcom bleibt mit einem Börsenwert von rund 1,7 Billionen Dollar einer der acht wertvollsten Konzerne der Welt. Ob die für 2027 und 2028 in Aussicht gestellten Wachstumssprünge reichen, um die Bewertungslücke zum Kursziel-Konsens zu schließen, hängt maßgeblich davon ab, wie belastbar die Kundenbasis jenseits von Google tatsächlich ist.
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