Die Farnborough International Airshow hat sich in dieser Woche zum Deal-Marathon für Europas Verteidigungsindustrie entwickelt. Rheinmetall kämpft sich zurück in einen Werft-Bieterwettstreit, Hensoldt und Leonardo steigen bei Boeings Kampfdrohne Ghost Bat ein, OHB startet eine Mondmission mit kanadischer Beteiligung. Die Kursreaktionen fallen trotz der Nachrichtenflut überraschend verhalten aus.
Rheinmetall: Kieler Werft rückt in Reichweite
Der Rückzug von TKMS aus dem Bieterverfahren um German Naval Yards Kiel öffnet Rheinmetall eine Tür. Nachdem der Konkurrent laut eigener Aussage keine Einigung über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erzielen konnte, bleibt der Düsseldorfer Konzern als einziger ernsthafter Interessent übrig. Rheinmetall hatte bereits im Mai ein unverbindliches Angebot für die traditionsreiche Werft eingereicht und will sein noch junges Marinegeschäft zügig ausbauen.
Die Wunde aus dem verlorenen Fregattenprogramm F126 sitzt trotzdem tief. Der Konzern hatte den geplanten Personalaufbau bei seiner Sparte Naval Systems gestoppt, wo ursprünglich 1.000 zusätzliche Stellen vorgesehen waren. Sollten sich keine kurzfristigen Ersatzaufträge finden, drohen laut einer Ad-hoc-Meldung von Anfang Juli Umsatzausfälle von bis zu 300 Millionen Euro im laufenden Jahr.
Immerhin gibt es operative Lichtblicke: Ein weiterer Abruf aus dem Bundeswehr-Rahmenvertrag zur Digitalisierung landbasierter Operationen brachte dem Konsortium aus Rheinmetall Electronics und Partner blackned einen Auftrag über 100 Millionen Euro ein. An der Börse zeigt sich die Aktie zuletzt erholt: Der Kurs stieg heute um 1,44 Prozent auf 1.017,60 Euro, nach einem Plus von 5,07 Prozent auf Wochensicht. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Minus von 34,45 Prozent zu Buche. Analyst Benjamin Heelan senkte sein Kursziel von 1.770 auf 1.300 Euro, beließ die Kaufempfehlung aber unverändert – er verweist auf einen strukturellen Wandel der Kriegsführung hin zu Drohnen und Präzisionswaffen, der die langfristigen Erwartungen an das klassische Munitionsgeschäft dämpft.
Hensoldt: Ghost Bat als Diversifizierungscoup
Hensoldt hat sich in Farnborough einen strategisch wichtigen Platz gesichert. Der Sensorspezialist unterzeichnete mit Boeing eine Absichtserklärung und ist damit offiziell Teil des deutschen Industrieteams für das MQ-28 Ghost Bat, gemeinsam mit Rheinmetall, Diehl Defence und Rohde & Schwarz. Hensoldt liefert plattformunabhängige Technologie und Integrationsunterstützung für das Angebot an die deutsche Luftwaffe.
Die Aktie honoriert das mit spürbarem Rückenwind: Der Kurs kletterte heute um 2,53 Prozent auf 78,70 Euro, auf Wochensicht summiert sich das Plus auf 6,67 Prozent. Bei den Analysten geht die Einschätzung weit auseinander. Jefferies erhöhte sein Kursziel jüngst von 90 auf 94 Euro und bestätigte die Kaufempfehlung, während DZ Bank ihre Kaufeinstufung zwar beibehielt, den fairen Wert nach der Fachmesse Eurosatory aber von 98 auf 90 Euro senkte. Deutlich skeptischer ist mwb research: Die Analysten stuften die Aktie kurz vor der Jefferies-Studie von „Halten“ auf „Verkaufen“ herab und sehen nur 62 Euro als angemessen – das Papier notiere bei einem hohen Vielfachen des erwarteten operativen Gewinns 2026 bereits über seinem fairen Wert. Am 31. Juli stehen die Quartalszahlen an, der erste harte Beleg dafür, ob sich die Auftragsdynamik nach dem F126-Rückschlag der Branche in Zahlen niederschlägt.
OHB SE: Mondmission neben Kapitalerhöhung
Während die übrigen Namen im Artikel militärische Hardware-Schlagzeilen produzieren, macht OHB im Weltraumgeschäft von sich reden. Der Bremer Konzern erhielt von MDA Space UK eine Vorab-Freigabe im Rahmen der europäischen Argonaut-Mondmission der ESA. Die Vereinbarung wurde während der Airshow besiegelt, an der neben OHB und MDA auch Thales Alenia Space beteiligt war. MDA soll zwei Flugeinheiten seines LEIA-LiDAR-Sensors für die erste Mondmission liefern, OHB verantwortet im Gegenzug drei zentrale Subsysteme: Lageregelung und Navigation, Telemetrie sowie die elektrische Energieversorgung.
An der Börse hat sich die spektakuläre Rally der vergangenen Monate deutlich abgekühlt. Der Kurs notiert aktuell bei 249,50 Euro, nach einem Anstieg um 1,22 Prozent im heutigen Handel. Über die vergangenen 30 Tage steht dennoch ein Rückgang von 35,94 Prozent zu Buche – seit Jahresbeginn bleibt mit einem Plus von 113,25 Prozent aber ein außergewöhnlicher Gewinn übrig. Der Rücksetzer folgt auf eine milliardenschwere Kapitalmaßnahme: OHB platzierte neue Aktien im Rahmen einer Kapitalerhöhung privat zu je 300 Euro und nahm dabei rund 484 Millionen Euro brutto ein, was die Aktienzahl spürbar erhöhte.
Leonardo: Indonesien-Auftrag und Ghost-Bat-Rolle
Auch Leonardo hatte in Farnborough gleich zwei Erfolge zu vermelden. Indonesien bestellte zwölf leichte Kampfflugzeuge vom Typ M-346F Block 20, die künftige Piloten des Landes sowohl trainieren als auch im Mehrzweckeinsatz unterstützen sollen. Erste Auslieferungen sind ab 2030 geplant, damit wird Indonesien zur 23. Nation, die den Flugzeugtyp betreibt – von dem mittlerweile mehr als 170 Exemplare bestellt wurden.
Parallel wurde Leonardos Rolle im Ghost-Bat-Programm formalisiert: Nach acht Jahren als Zulieferer für elektronische Systeme ist der Konzern nun offizieller internationaler Partner von Boeing. An der Börse hat sich die Aktie von ihren Höchstständen entfernt und befindet sich in einer Konsolidierungsphase. Der Kurs liegt aktuell bei 51,35 Euro, ein Plus von 1,06 Prozent im heutigen Handel, während sich das Jahresplus auf 5,07 Prozent beläuft. Gestützt wird die Bewertung von einem Rekord-Auftragsbestand von 57 Milliarden Euro sowie einem starken ersten Quartal mit neuen Aufträgen von 9 Milliarden Euro. JPMorgan bestätigte zwar die Übergewichten-Einstufung, senkte das Kursziel aber von 77 auf 70 Euro – Grund ist ein Bewertungsabschlag wegen Governance-Bedenken nach dem Wechsel an der Konzernspitze. Am 31. Juli, einen Tag nach der Hauptversammlung, folgen die Quartalszahlen.
AeroVironment: Armee-Auftrag trotz Kursdelle
AeroVironment beendete eine schwierige Phase mit einem neuen Produktionsauftrag der US-Armee. Der Konzern soll 82 Exemplare seiner P550-Drohne für das Langstrecken-Aufklärungsprogramm der Armee liefern – der Auftrag markiert die erste Serienbeschaffung des Systems für die entsprechende Bataillonsaufklärung.
Trotz der guten Nachricht bleibt die Aktie unter Druck. Der Kurs notiert bei 130,80 Euro, nur wenig über dem 52-Wochen-Tief, das erst kürzlich markiert wurde. Auf Wochensicht steht immerhin ein Plus von 6,04 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn bleibt jedoch ein deutliches Minus von 38,56 Prozent. Raymond James stufte die Aktie von „Marktentsprechend“ auf „Outperform“ hoch und begründete den Schritt mit einem verbesserten Chance-Risiko-Verhältnis sowie einer positiven Wende bei Auftragseingang und Auftragsbestand.
Sektordynamik: Aufträge und Kurse laufen auseinander
Der gemeinsame Nenner der Woche ist die Airshow selbst – fast jedes Unternehmen nutzte Farnborough für neue Partnerschaften oder Programmmeilensteine, ohne dass sich das durchgehend in den Kursen niederschlägt.
- Rheinmetall: Neuer Werft-Ansatz und D-LBO-Auftrag, aber Jahresverlust von über einem Drittel nach dem F126-Rückschlag
- Hensoldt: Ghost-Bat-Einstieg als Diversifizierungserfolg, Analystenmeinungen zwischen 62 und 94 Euro Kursziel
- OHB SE: Mondsensor-Kooperation trifft auf Verdauung einer großen Kapitalerhöhung
- Leonardo: Rekordauftragsbestand und Indonesien-Deal stoppen die Konsolidierung unter dem März-Hoch nicht
- AeroVironment: Armeeauftrag kommt bei Kursen nahe dem 52-Wochen-Tief an, erst jetzt drehender Analystentrend
Die anstehenden Quartalsberichte werden zum eigentlichen Prüfstein dafür, ob sich die vollen Auftragsbücher endlich in Gewinnwachstum übersetzen lassen.
Ausblick: Quartalszahlen als nächster Härtetest
Die kommenden Wochen bringen einen dichten Berichtskalender, der Klarheit darüber schaffen dürfte, ob die Auftragsdynamik der Branche tragfähiges Ertragswachstum erzeugt. Hensoldt und Leonardo legen beide am 31. Juli ihre Zahlen zum zweiten Quartal vor – der erste harte Beleg nach einem Sommer, der von Programmankündigungen statt Finanzdaten geprägt war. Bei Rheinmetall bleibt die Situation um German Naval Yards Kiel offen, eine bindende Einigung wäre ein bedeutender Schritt in der Marinestrategie nach dem F126-Dämpfer. Die Rollen von Hensoldt und Leonardo im Ghost-Bat-Programm sowie OHBs Mondsensor-Partnerschaft deuten auf einen breiteren Diversifizierungstrend hin, der die Wachstumsgeschichte der europäischen Verteidigungs- und Raumfahrttechnik über klassische Land- und Munitionsprogramme hinaus prägen könnte. Bei AeroVironment dürfte der Blick als Nächstes auf weitere Beschaffungsentscheidungen der US-Armee fallen, einschließlich möglicher Aufträge im Bereich gerichteter Energiewaffen und Lasersysteme.
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