Zwei Belastungsfaktoren trafen diese Woche fast zeitgleich auf den Kryptomarkt: eine Leitzinserhöhung der Fed und das Scheitern des Clarity Act im US-Senat. Trotzdem hält sich Bitcoin bemerkenswert stabil. Genau das wirft die Frage auf, ob die Regulierungslogik am Kryptomarkt gerade neu geschrieben wird.
Der US-Senat verfehlte am Dienstag mit 49 von nötigen 60 Stimmen die Verfahrensabstimmung zum Clarity Act, dem zentralen Regulierungsgesetz für digitale Vermögenswerte. Einen Tag später hob die Fed ihren Leitzins erstmals seit 2023 um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent an — einstimmig beschlossen und von Fed-Chef Kevin Warsh mit anhaltend erhöhter Inflation begründet.
Beide Ereignisse gelten grundsätzlich als Belastung für Bitcoin: höhere Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten unverzinster Anlagen, ein fehlender Rechtsrahmen verlängert die regulatorische Unsicherheit.
Der Markt reagiert anders als erwartet
Bitwise-Investmentchef Matt Hougan hatte den Clarity Act noch vor Kurzem als eine Art Bärometer für den Kryptomarkt beschrieben — sein Scheitern sollte mehrere Wochen schwierige Bedingungen auslösen. Diese Einschätzung revidiert er nun.
Sein Argument: Seit Bitcoin am 1. Juli bei rund 57.950 Dollar seinen Tiefpunkt markierte, ist die Kryptowährung bis Anfang September auf über 80.000 Dollar gestiegen — während die von Polymarket gehandelten Wahrscheinlichkeiten für eine Verabschiedung des Gesetzes im gleichen Zeitraum von 39 auf 14 Prozent fielen. Fielen die Chancen auf das Gesetz, hätte man auch fallende Kurse erwarten müssen. Stattdessen passierte das Gegenteil.
Hougan sieht den Grund darin, dass große Finanzhäuser längst nicht mehr auf Washington warten. Robinhood hat eine eigene Blockchain gestartet, Morgan Stanley bringt einen Solana-ETF, die DTCC hat erste tokenisierte Aktien abgewickelt. Diese Institute verlassen sich stattdessen auf eine SEC und CFTC, die bis 2029 als vergleichsweise kryptofreundlich gelten und eigene Regelwerke in Aussicht gestellt haben.
Kursziele weit auseinander
Unmittelbar nach der Fed-Entscheidung bewegte sich Bitcoin in einer engen Handelsspanne, während Ethereum, XRP und Solana leicht zulegten. Wie unsicher der weitere Weg eingeschätzt wird, zeigt die Bandbreite der Analystenmeinungen: Citigroup hat sein Kursziel für Bitcoin in zwei Schritten auf 82.000 Dollar gesenkt, während Coinbase-Chef Brian Armstrong langfristig Kursziele von bis zu 400.000 Dollar für möglich hält. Zwischen beiden Polen liegt etwa das Fünffache — ein Ausdruck dafür, wie gespalten das Bild derzeit ist.
Hougan selbst bleibt vorsichtig optimistisch, rechnet aber kurzfristig mit weiterer Schwäche, bis SEC und CFTC ihre nächsten Regelvorschläge konkretisieren. Bitcoin fiel nach seiner Einschätzung zuletzt um rund vier Prozent, wofür er neben regulatorischer Unsicherheit auch Sorgen um Zinsen und Ölpreise verantwortlich macht.
Ob die Fed im weiteren Jahresverlauf erneut an der Zinsschraube dreht, hängt an den kommenden Inflationsdaten. Ob der Clarity Act erneut zur Abstimmung kommt oder SEC und CFTC mit eigenen Regeln vorpreschen, bleibt ebenfalls offen. Beide Fragen dürften den Kurs in den kommenden Wochen stärker prägen als das gescheiterte Gesetz selbst.
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