Die Transformation vom Pandemie-Gewinner zum breit aufgestellten Krebsspezialisten verlangt Anlegern bei BioNTech enorm viel Geduld ab. Zwar lieferten die Mainzer gemeinsam mit OncoC4 mit Gotistobart (BNT316/ONC-392) ermutigende klinische Signale: In der Phase-3-Studie PRESERVE-003 bei vorbehandeltem Plattenepithel-NSCLC zeigte sich ein medianes Gesamtüberleben von 18,5 Monaten gegenüber 10,0 Monaten unter Docetaxel. Doch solche klinischen Lichtblicke können die strukturellen Bremsklötze im Geschäftsmodell derzeit nur teilweise überdecken.
Für mich zeigt sich hier das klassische Dilemma einer Biotech-Firma in der Übergangsphase. Auf der einen Seite demonstrieren Wirkstoffkandidaten wie Gotistobart das wissenschaftliche Potenzial der Pipeline.
Auf der anderen Seite schreitet die Erosion der Einnahmen aus dem Covid-19-Impfstoff Comirnaty unerbittlich voran. Die Erlöse, die einst die Kassen füllten und teure Forschungsprogramme finanzierten, schmelzen schneller ab, als neue Blockbuster marktreif werden können.
Rückschläge dämpfen die Pipeline-Euphorie
Dass der Weg zur Zulassung eigener Krebsmedikamente steinig bleibt, unterstrich der Dämpfer vor rund zwei Wochen: BioNTech beendete eine Mid-Stage-Studie mit Autogene Cevumeran bei Darmkrebs. Ein unabhängiges Gremium hatte festgestellt, dass die Behandlung den Patienten wahrscheinlich keinen Überlebensvorteil bringt.
Zwar betonte das Unternehmen laut Reuters, dass diese Entscheidung die separate Studie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Genentech nicht berühre. Dennoch hinterlässt ein solcher Abbruch Spuren im Vertrauen in das individualisierte mRNA-Programm iNeST.
Genau diese Gemengelage veranlasste BMO Capital Markets am 8. September zu einer Herabstufung der Aktie von Outperform auf Market Perform bei einem gesenkten Kursziel von USD 105. Das Analysehaus verwies neben der unerwartet starken Erosion von Comirnaty auch auf gesunkene Erwartungen an das iNeST-Programm.
Zudem fehlen bis 2028 belastbare Daten zur Risikominimierung für den Hoffnungsträger Pumitamig. Aus meiner Sicht trifft diese Einschätzung den Kern des Problems: Die zeitliche Lücke bis zur kommerziellen Reife der nächsten Generation ist schlicht sehr groß.
Geduldsprobe für Investoren
Der Markt spiegelt diese Skepsis wider. Am Freitag schloss das Papier bei 83,65 Euro. Damit notiert der Titel rund 21 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro. Zwar verfügt BioNTech über eine solide finanzielle Basis, um die Forschung voranzutreiben, doch Anleger müssen sich auf eine mehrjährige Durststrecke einstellen.
Unterm Strich überwiegen kurzfristig die Fragezeichen. Daten wie die von Gotistobart zeigen zwar, dass BioNTech mehr ist als ein reiner Impfstoffhersteller. Doch bis klinische Teilerfolge zu kommerziellen Umsätzen werden, dürfte die Belastung durch wegbrechende Altumsätze dominieren. Für Anleger bleibt die Aktie vorerst ein Wert für den langen Atem, bei dem Rückschläge in der Pipeline jederzeit wieder auf die Stimmung drücken können.
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