Sieben Analystenhäuser beobachten BioNTech, ihre Kursziele reichen von rund 93 bis rund 124 Euro und liegen damit sämtlich über dem aktuellen Kurs. Uneins sind sie vor allem darüber, wie viel die neuen Überlebensdaten zu Gotistobart wert sind, solange der zulassungsrelevante Teil der Studie aussteht und das Impfstoffgeschäft weiter schrumpft. Markiert diese Spanne eine Chance, oder verdeckt sie ein Risiko? Die Frage geht direkt an Dieter Jaworski.

BioNTech (US09075V1026) — Schlusskurse 10.04.2026 bis 07.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 07.10.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: BioNTech schliesst drei Werke, und der Gründer verkauft seit Wochen Tag für Tag Aktien. So sieht ein Unternehmen auf dem Rückzug aus. Warum sollte man da noch an eine Onkologie-Zukunft glauben?
Dieter Jaworski: Was Sie beschreiben, stimmt. Marburg, Tübingen und Idar-Oberstein gehen bis Ende 2028 vom Netz, bis zu 1.860 Stellen sind betroffen. Den Schluss „Rückzug“ ziehe ich daraus trotzdem nicht. Diese Werke waren Kapazität für eine Pandemie-Nachfrage, die nicht wiederkommt, und es fand sich nicht einmal ein Käufer für sie.
Wer so etwas weiterbetreibt, verbrennt Geld aus Sentimentalität. Bei den Verkäufen lohnt der Blick aufs Datum. Der Handelsplan stammt vom 3. Juni, also aus einer Zeit, in der weder die Daten aus Seoul noch der Abbruch der Darmkrebsstudie bekannt waren. Als Stimmungsbarometer taugt das wenig.
Mich beschäftigt ohnehin etwas anderes, nämlich der Fall, in dem ich falsch liege. Enttäuscht Gotistobart im zulassungsrelevanten Teil so, wie BNT122 im Darmkrebs enttäuscht hat, dann bleibt ein Impfstoffhersteller mit gekappter Prognose und einer teuren Forschungsmaschine übrig. Das wäre ein harter Aufprall.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Die Gründer ziehen sich Ende 2026 zurück, mit Guido Oelkers übernimmt ein Manager von aussen. Verliert BioNTech damit nicht genau die wissenschaftliche Seele, auf die Sie setzen?
Dieter Jaworski: Etwas geht verloren, keine Frage. Die beiden haben diese Firma nach innen wie nach aussen getragen. Für die nächsten Jahre braucht es allerdings jemanden, der Medikamente auf den Markt bringt und Kosten zählt, und genau so jemanden hat man geholt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Dann einmal ohne Pipeline-Fantasie gerechnet: Was ist BioNTech wert, wenn die Onkologie leer ausgeht?
Dieter Jaworski: Weniger, als die meisten hören wollen. Die Umsatzprognose für 2026 wurde im August auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gesenkt. Selbst dieser Rest hängt an einer US-Zulassung der neuen Comirnaty-Formel, die nur Ältere und Risikogruppen abdeckt; alles darüber hinaus ist Off-Label-Gebrauch.
Meine Rechnung ruht auf einer einzigen tragenden Annahme: Der zulassungsrelevante Teil von PRESERVE-003 muss das Überlebensplus aus Seoul im Kern bestätigen. Fällt diese Annahme weg, bleibt ein Impfstoffgeschäft im Sinkflug.
Dazu kämen vierzehn zulassungsrelevante Studien, denen der Markt dann keinen Vorschuss mehr gibt, und ein Rückkaufprogramm über bis zu einer Milliarde Dollar, das eher nach Kurspflege als nach Strategie aussähe. In diesem Fall zählt nur noch Substanz. Und die ist dünn.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie sagen: „Der zulassungsrelevante Teil von PRESERVE-003 muss das Überlebensplus aus Seoul im Kern bestätigen.“ Die Seoul-Daten stammen aber aus einem Studienteil, der genau das nicht ist. Und BNT122 hat gerade gezeigt, wie schnell Hoffnung kippt. Bauen Sie da nicht auf Sand?
Dieter Jaworski: Ein bisschen Sand ist dabei, das gebe ich zu. Frühe Studienteile fallen oft freundlicher aus als das, was danach kommt. Trotzdem ist der Abstand gross: 18,5 Monate medianes Gesamtüberleben gegenüber 10 Monaten unter Chemotherapie, bei vorbehandeltem Plattenepithelkarzinom der Lunge.
Der Wert darf in der grossen Studie spürbar schrumpfen und taugt dann immer noch etwas. BNT122 lese ich nicht als Vorboten, denn dort ging es um die individualisierte Impfplattform, also einen ganz anderen Ansatz. Getroffen hat mich das trotzdem, weil genau diese Nische als besonders schwer kopierbar galt.
Was mir bei Gotistobart mehr Kopfzerbrechen macht, ist die Konzentration. Mit Bristol Myers Squibb als Partner bei Pumitamig werden Kosten und Risiko geteilt, und das schont die Kasse. Im Erfolgsfall wird dann allerdings auch der Gewinn geteilt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Ihr faires Niveau deckt sich praktisch mit dem Median der sieben Häuser. Wo ist da Ihr eigener Beitrag, ausser zuzustimmen?
Dieter Jaworski: Beim Ziel bin ich mir mit dem Konsens einig. Beim Weg dorthin weniger. Ich komme auf rund 121 Euro, genau dort liegt auch der Median. Mich stört an der Konsensspanne ihre Enge: Selbst das vorsichtigste Haus liegt mit 93 Euro über dem heutigen Kurs.
Der Analysten-Konsens modelliert das Scheitern der Onkologie überhaupt nicht. Er rechnet nur mit unterschiedlich viel Erfolg. Das ist bequem, und für meinen Geschmack zu bequem. Mein Verlustszenario liegt deutlich unter dieser Spanne. Warum ich bei der Asymmetrie trotzdem auf der positiven Seite lande?
Mehrere Programme laufen unabhängig voneinander, die teuerste Entwicklung wird mit einem grossen Partner geteilt, und mit einer Short-Quote von rund 6,5 Prozent des Streubesitzes ist die Gegenwette längst eingegangen. Viel Euphorie steckt im Kurs nicht mehr.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie hängen Ihre ganze Rechnung an eine Bedingung: Der zulassungsrelevante Teil von PRESERVE-003 muss das Überlebensplus aus Seoul bestätigen. Ist BioNTech mit dieser einen Abhängigkeit für Sie eine tragfähige Wette oder eine zu riskante?
Dieter Jaworski: Tragfähig. Aber nur, wenn man weiss, worauf man sich einlässt. An Gotistobart hängt der grösste Teil der Fantasie. Darunter liegen ein zugelassenes, wenn auch schrumpfendes Impfstoffgeschäft und ein Partner, der einen Teil der Entwicklungslast trägt.
Am schwersten wiegt für mich, dass keine der sieben Zielmarken den Absturz abbildet, obwohl er nach BNT122 niemandem mehr hypothetisch vorkommen sollte. Ich halte das Verhältnis von Chance zu Verlust trotzdem für günstig. Nur mit weniger Abstand, als die Spanne der Häuser vermuten lässt.
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