Es ist eine jener Beobachtungen, die Börsianer aufhorchen lassen: Firmenlenker verkaufen eigene Aktien meist dann, wenn sie selbst am besten wissen, was im Unternehmen passiert. Bei BioNTech kamen solche Verkäufe zuletzt kurz hintereinander – und ausgerechnet in einer Woche, in der die Pipeline einen empfindlichen Rückschlag erlitt. Zufall oder Signal?
Konkret verkaufte Vorstandschef Ugur Sahin an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Aktienpakete: 36.000 Stück zu einem Durchschnittspreis von 97,78 Dollar sowie in einer separaten Transaktion 37.000 Stück zu 99,20 Dollar.
Zusammengenommen kamen dabei rund 7,2 Millionen Dollar zusammen. Solche Verkäufe laufen bei US-notierten Führungskräften häufig nach vorab festgelegten Plänen ab und sind für sich genommen kein Alarmsignal. Doch der Zeitpunkt lädt zur Einordnung ein.
Ein Rückschlag mit Symbolkraft
Nur wenige Tage zuvor hatten BioNTech und Genentech die Entwicklung ihres personalisierten mRNA-Krebsimpfstoffs autogene cevumeran in einer Phase-2-Studie bei operiertem Darmkrebs beendet.
Ein unabhängiges Überwachungskomitee kam zu dem Schluss, dass eine Fortsetzung der Studie kaum noch aussagekräftige Wirksamkeitsdaten liefern würde. Zusätzlich fiel den Prüfern ein zahlenmäßiges Ungleichgewicht beim Gesamtüberleben zwischen den Studiengruppen auf – ein Detail, das in der Onkologie besonders schwer wiegt.
Für BioNTech ist das mehr als eine gescheiterte Studie unter vielen. Autogene cevumeran galt lange als Aushängeschild dafür, dass sich die mRNA-Technologie, die dem Unternehmen mit dem Corona-Impfstoff den Durchbruch brachte, auch in der Krebstherapie beweisen kann. Immerhin: Die parallele Phase-2-Studie desselben Wirkstoffs bei Bauchspeicheldrüsenkrebs läuft nach Unternehmensangaben unverändert weiter und ist von dem Rückschlag nicht betroffen.
Die größere Geschichte hinter der Aktie
Genau hier liegt die eigentliche Frage, die BioNTech-Anleger derzeit umtreibt: Wie tragfähig ist die Wette auf personalisierte Krebsimpfstoffe als nächstes großes Kapitel nach Corona? Das Unternehmen hatte seine Zukunftserzählung stark auf die Onkologie-Pipeline gestützt, während das Kerngeschäft mit Covid-Impfstoffen schrumpft.
Erst kürzlich musste BioNTech seine Umsatzprognose für das laufende Jahr auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro kappen, nachdem die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen schwächer ausfiel als erwartet und Lagerbestände in Deutschland abgebaut wurden.
BMO Capital Markets zog daraus bereits Konsequenzen und stufte die Aktie von „Outperform“ auf „Market Perform“ herab, das Kursziel senkte das Analysehaus von 128 auf 105 Dollar. Als Begründung nannten die Analysten die schwächere Nachfrage nach Covid-Impfstoffen sowie eine geringere Sichtbarkeit bei der Risikominderung der Krebs- und mRNA-Programme – eine Einschätzung, die den jüngsten Studienabbruch fast vorwegnahm.
Was bleibt für Anleger
An der Börse zeigt sich diese Gemengelage in einer Aktie, die seit ihrem 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro rund ein Fünftel eingebüßt hat, sich vom Jahrestief bei 68,35 Euro aber wieder deutlich erholt hat. Mit einem Schlusskurs von 83,45 Euro notiert das Papier fast exakt auf seinem 200-Tage-Durchschnitt – ein Bild der Unentschlossenheit, das die fundamentale Gemengelage gut widerspiegelt.
Die eigentliche Lehre aus dieser Woche liegt nicht in den Verkaufszahlen des Vorstandschefs, sondern in der Frage, wie viel von BioNTechs Bewertung noch auf dem Versprechen der personalisierten Krebsmedizin ruht.
Ein Programm ist gescheitert, ein anderes läuft weiter. Für ein Unternehmen, das sich als Pionier der mRNA-Onkologie versteht, ist das kein Beinbruch – aber ein Warnsignal, wie fragil selbst vielversprechende Pipelines in der Praxis sein können.
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