BioNTech-Aktien geben am Donnerstag nach, der Kurs fällt auf 95,05 Euro. Das sind 1,8 Prozent weniger als der Schlusskurs vom Mittwoch. Der Rückzug folgt auf eine außergewöhnliche Rally — ausgelöst nicht von BioNTechs eigener Pipeline, sondern vom klinischen Erfolg eines Konkurrenten.
Moderna und Merck lösen den Kurssprung aus
Am Mittwoch schoss die Aktie um 22 Prozent nach oben. Grund war eine ermutigende Phase-3-Studie von Moderna und Merck. Die beiden Unternehmen testen eine individualisierte Krebstherapie namens Intismeran Autogene in Kombination mit Keytruda.
Die Rally erfasste den gesamten Sektor für mRNA- und Krebsimmuntherapien. Anleger spekulierten darauf, dass die Validierung des personalisierten Impfstoffansatzes auch BioNTechs eigenen Onkologie-Ambitionen zugutekommen würde.
Analysten von der Wall Street warnen jedoch vor voreiligen Schlüssen. Daina Graybosch von Leerink Partners ordnet den klinischen Erfolg klar Moderna und Merck zu. BioNTech betreibe zwar eigene mRNA-basierte Krebsprogramme, sei im Vergleich zur Konkurrenz aber zurückgefallen.
Eigenes Krebsimpfstoff-Programm stockt
BioNTechs Onkologie-Strategie basiert auf der iNeST-Plattform. Das Unternehmen entwickelt sie gemeinsam mit Genentech, einer Tochter von Roche. Der Fokus liegt auf individualisierten Impfstoffen gegen solide Tumore, zugeschnitten auf spezifische genetische Mutationen.
Ganz reibungslos läuft das nicht. Ende 2025 stoppte BioNTech die Arbeit an BNT111, einem Kandidaten gegen fortgeschrittenes, therapieresistentes Melanom. Die Entscheidung fiel nach einer Phase-2-Studie in Kombination mit Regenerons Immuntherapie Libtayo.
Leerink zieht daraus einen deutlichen Schluss: BioNTechs Chancen, sich als Vorreiter in der Krebsimmuntherapie zu positionieren, seien erheblich gesunken. So stark, dass dieses Potenzial in aktuellen Bewertungen praktisch keine Rolle mehr spielt.
Andere Analysten suchen deshalb woanders im Portfolio nach dem nächsten Kurstreiber. Asad Haider von Goldman Sachs hebt Pumitamig hervor und bezeichnet die Ergebnisse bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs als „ermutigend“ — räumt aber ein, dass eine konkurrierende Therapie bereits weiter fortgeschritten ist.
Führungswechsel mitten in der Rally
Der Kurssprung durch Moderna trifft BioNTech in einer heiklen Phase. Das Gründerpaar plant, das Unternehmen noch vor Jahresende zu verlassen und ein eigenes Biotech-Unternehmen zu gründen. Im Gegenzug erhält die neue Firma Zugang zur mRNA-Plattform von BioNTech — gegen Kapitalbeteiligung, Meilensteinzahlungen und Produktlizenzgebühren.
Der Führungswechsel folgt auf einen durchwachsenen zweiten Quartalsbericht. Die Umsätze hängen weiterhin stark an den rückläufigen Covid-19-Impfstoffverkäufen. Die Jahresprognose des Managements verfehlte zudem die Erwartungen der Wall Street.
Überhitzter Kurs nach dem Sprung
Die technischen Indikatoren zeigen, wie heftig die jüngste Bewegung war. Der 14-Tage-RSI liegt bei 74,6 — tief im überkauften Bereich. Auf Sicht von sieben Tagen legte die Aktie um 19 Prozent zu, über 30 Tage um 17 Prozent.
Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 64 Prozent unterstreicht das erhöhte Risiko, das den Handel in diesem Wert derzeit prägt. Kein Wunder, dass ein Teil der Marktteilnehmer nach dem starken Anstieg wieder Gewinne mitnimmt.
Ausblick: Geliehener Schwung trifft auf reale Fundamentaldaten
Der aktuelle Rückzug deutet darauf hin, dass der Markt beginnt, BioNTechs eigene Fundamentaldaten von der geliehenen Euphorie eines Konkurrenzerfolgs zu trennen. Leerink und andere Analysten betonen, dass Modernas Erfolg wenig über BioNTechs spezifische Pipeline aussagt. Ob sich die Rally halten lässt, entscheidet sich an den eigenen späten Onkologie-Studienergebnissen und daran, wie reibungslos der künftige CEO den Übergang nach der Pandemie gestaltet.
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