Im Gespräch mit Dieter Jaworski geht es um die Spannung zwischen BioNTechs Bewertung als Entwickler künftiger Krebsmedikamente und den jüngsten Ergebnissen seiner Studien. Bei BNT113 steht nach dem verfehlten ersten Wirksamkeitsziel die Auswertung des Gesamtüberlebens aus; bei Trastuzumab Pamirtecan bezeichnen die Partner den möglichen Patientennutzen trotz erreichtem Studienziel als begrenzt.

BioNTech (US09075V1026) — Schlusskurse 04.05.2026 bis 29.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 29.10.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Welche belegte Substanz trägt BioNTechs Bewertung heute, wenn die Krebsprogramme noch keine zugelassenen Produkte hervorgebracht haben?
Dieter Jaworski: Einen Teil tragen das zugelassene Impfstoffgeschäft, die geschützten Technologien und die Partnerschaften. Einen erheblichen weiteren Teil muss die Krebsentwicklung erst verdienen. Ich sehe die Aktie deshalb vorsichtig positiv, mit einem ausdrücklichen Vorbehalt bei der Bewertung der Studienchancen.
Die Kooperation mit Bristol Myers Squibb ist dabei besonders wichtig: Geteilte Entwicklungskosten begrenzen BioNTechs finanzielle Belastung bei Pumitamig. Dafür werden auch spätere Gewinne geteilt. Das ist eine belastbarere Grundlage als die bloße Hoffnung auf einen großen Markt.
Die am 4. August gemeldeten 14 laufenden zulassungsrelevanten Studien eröffnen mehrere Erfolgsmöglichkeiten. Ihre Zahl sagt allerdings wenig darüber aus, welcher wirtschaftliche Wert am Ende übrig bleibt. Auch der positive Analysten-Konsens nimmt diese Unsicherheit niemandem ab.
Kapitalmarktexperten Redaktion: BNT113 hat in AHEAD-MERIT keine statistisch signifikante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens erreicht. Ist Ihr vorsichtig positives Urteil damit nicht bereits zu großzügig?
Dieter Jaworski: Für BNT113 rechtfertigt das einen höheren Risikoabschlag, also einen niedrigeren angesetzten Wert wegen der gestiegenen Unsicherheit. Für ein negatives Gesamturteil über BioNTech müssten Sie begründen, weshalb dieses Ergebnis auch die andersartigen Krebsprogramme entwertet. Welcher gemeinsame Wirksamkeitsnachweis wäre durch diese Studie widerlegt?
BNT113 bleibt ein belasteter Wertbaustein. Das unabhängige Überwachungskomitee hat jedoch die Fortführung zur Auswertung des Gesamtüberlebens empfohlen. Nach dem vorab festgelegten Studiendesign kann dieses zweite primäre Ziel weiterhin ein positives Gesamtergebnis begründen. Die mögliche Verzögerung einer Immunwirkung ist dafür eine Erklärung, noch kein Beleg.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie nennen BNT113 einen „belasteten Wertbaustein“. Trotzdem führen Sie die weitere Auswertung als Grund für Zuversicht an. Wann wird aus dieser offenen Möglichkeit eine Ausrede für eine zu hohe Bewertung?
Dieter Jaworski: Sobald ich die Fortführung der Studie wie einen Erfolg behandle. Sie erhält eine Chance aufrecht, mehr nicht. In meiner Bewertung verdient BNT113 nach dem verfehlten ersten Ziel entsprechend weniger Gewicht.
Der eine Datenpunkt, dessen Ausbleiben mich zum Umdenken über mein vorsichtig positives Gesamturteil zwingen würde, ist eine statistisch signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens in AHEAD-MERIT.
Bliebe sie aus, wäre ein wichtiger Teil der erhofften mRNA-Onkologie-Substanz schwächer belegt. Dann müsste ich auch meinen Bewertungsansatz für BioNTech neu prüfen. Die übrigen Programme würden dadurch nicht automatisch wertlos; sie müssten allerdings deutlich mehr tragen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Bei DYNASTY-Breast02 steht einem erreichten Studienziel ein von den Partnern als begrenzt bezeichneter Patientennutzen gegenüber. Wie schwer wiegen die häufiger beobachteten interstitiellen Lungenerkrankungen für den wirtschaftlichen Wert?
Dieter Jaworski: Schwer, weil Nutzen und Sicherheit gemeinsam darüber entscheiden, welchen Platz eine Therapie überhaupt bekommen kann. Eine moderate Verbesserung des progressionsfreien Überlebens – der Zeit ohne Fortschreiten der Erkrankung – lässt wenig Raum für zusätzliche Sicherheitsbelastungen.
Dass BioNTech und DualityBio den möglichen Patientennutzen im bestehenden Behandlungsumfeld selbst als begrenzt bezeichnen, wiegt für mich stärker als die Überschrift vom erreichten Studienziel. Ich würde diesem Ergebnis keinen pauschalen Bewertungsaufschlag geben. Der nächste Entwicklungsschritt braucht eine überzeugende medizinische Begründung.
Auch die bestätigte Ansprechrate von 36,7 Prozent bei einer Lungenkrebs-Kombination mit Pumitamig liefert dafür keine Entlastung. Sie stammt aus einer kleinen Untersuchung und betrifft einen anderen Wirkstoff in einer anderen Behandlungssituation. Die Ergebnisse lassen sich nicht miteinander verrechnen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Angenommen, die nächsten Ergebnisse bleiben ähnlich uneindeutig: Was müsste die neue Führung tun, damit Ihr Vertrauen erhalten bleibt?
Dieter Jaworski: Sie müsste aussichtsarme Vorhaben beenden und erklären, warum andere weiter Geld bekommen. Vertrauen wächst auch durch ein begründetes Nein. Jede Hoffnung weiterzubezahlen wäre mir zu bequem.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie machen Ihr vorsichtig positives Gesamturteil von einer statistisch signifikanten Verbesserung des Gesamtüberlebens abhängig. Rechtfertigt diese offene Bedingung, sich dem positiven Analysten-Konsens anzuschließen?
Dieter Jaworski: Ja, ein vorsichtig positives Urteil halte ich für vertretbar. Die Partnerschaften und die geschützten Technologien tragen genügend Substanz dafür; bei den klinischen Erfolgsaussichten bleibe ich deutlich zurückhaltender. Meine Nähe zum Analysten-Konsens ist kein zusätzlicher Beleg. Bleibt die Verbesserung des Gesamtüberlebens aus, müsste mein Bewertungsansatz strenger werden.
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