Bayer galt jahrelang als Synonym für hausgemachte Krisen. Glyphosat-Klagen, Schuldenberg, ein Aktienkurs im Dauerabwärtstrend. Jetzt zeigt der Leverkusener Konzern ein anderes Gesicht. Am heutigen Handelstag legt die Aktie um 2,76 Prozent zu, binnen zwölf Monaten steht ein Plus von 76,67 Prozent zu Buche. Das ist keine Randnotiz mehr, sondern eine handfeste Erholungsgeschichte.
Die Agrarsparte trägt den Konzern
Der Auslöser sitzt im zweiten Quartal. Pharma und Consumer Health verzeichneten beim bereinigten operativen Ergebnis Rückgänge. Die Agrarsparte Crop Science lieferte dagegen deutlich mehr, als Analysten erwartet hatten. Getragen wurde das Plus von starker Nachfrage nach Glyphosat und Dicamba.
Für Bayer ist das mehr als ein gutes Quartal. Es verschafft dem Management unter Bill Anderson finanziellen Spielraum. Und genau diesen Spielraum nutzt der Konzern gerade für die beiden größten Baustellen: Schulden und US-Rechtsrisiken.
Der Apollo-Deal als Befreiungsschritt
Bayer treibt den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung am Verhütungsmittelgeschäft an den Investor Apollo voran. Die Milliardentransaktion erlaubt dem Konzern, seine Prognose für die Nettofinanzverschuldung zum Jahresende deutlich nach unten zu korrigieren. In einem Marktumfeld, das jede Zinslast genau beobachtet, ist das ein starkes Signal. Gläubiger und Aktionäre reagieren entsprechend positiv.
Parallel dazu bewegt sich die juristische Front. Nach einem Urteil des Supreme Courts Ende Juni blickt Bayer mit neuer Zuversicht auf die ausstehenden Glyphosat-Vergleiche. Am 19. August steht eine Anhörung an, die weitere Klarheit bringen könnte. Eine endgültige Entscheidung erwarten Beobachter allerdings erst im kommenden Jahr.
Kein Wunder, dass der Markt diese Kombination aus operativer Stärke und strategischem Schuldenabbau honoriert. Beide Baustellen gleichzeitig anzugehen, gelang Bayer in den vergangenen Jahren selten.
Was der Chart über die Nachhaltigkeit sagt
Die Aktie hat sich von ihrem Jahrestief spürbar gelöst und nähert sich wieder ihrem Jahreshoch. Bemerkenswert ist dabei der RSI von 58,9. Er liegt trotz der jüngsten Gewinne noch nicht im überkauften Bereich. Das spricht dafür, dass die Rallye technisch noch Luft nach oben hat, statt bereits heiß gelaufen zu sein.
Ganz ausgeräumt sind die Risiken damit nicht. Die US-Rechtslage bleibt bis zur endgültigen Entscheidung im kommenden Jahr eine offene Flanke. Und die Frage, ob Apollo-Deal und Agrarschub reichen, um Bayer dauerhaft aus dem Schatten der Vergangenheit zu holen, lässt sich heute noch nicht abschließend beantworten.
Was sich aber sagen lässt: Das Fundament wirkt stabiler als seit Jahren. Die Kombination aus einer operativ liefernden Agrarsparte, einem beschleunigten Schuldenabbau und einer sich abzeichnenden juristischen Perspektive gibt der Erholung erstmals eine breitere Basis. Die Anhörung am 19. August dürfte zeigen, ob sich dieser Trend fortsetzt oder ob die alten Unsicherheiten zurückkehren.
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