Ausgangslage
Der Rhein führt so wenig Wasser wie seit Beginn der Aufzeichnungen 1880 nicht mehr. Für BASF ist das keine abstrakte Wetternotiz: Das Stammwerk Ludwigshafen bezieht laut Reuters rund 40 Prozent seiner Rohstoffe über den Fluss. Am Montag räumte der Konzern ein, erste Produkte nicht mehr im vollen Umfang liefern zu können.
CEO Markus Kamieth betonte zwar, es gebe bislang keine signifikanten Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis 2026 – zugleich warnte er, dass mit jeder weiteren Dürrewoche das Risiko von Produktionsunterbrechungen steige. Einzelne Produktionen wurden bereits gedrosselt.
Das trifft BASF in einer Phase, in der die Aktie ohnehin unter erhöhter Beobachtung steht. Seit der vor über einem Monat angehobenen Jahresprognose hat das Papier rund 8,8 Prozent zugelegt, seit dem Start des Aktienrückkaufs am vergangenen Donnerstag kamen weitere 1,8 Prozent hinzu.
Mit einem Schlusskurs von 52,28 Euro notiert die Aktie 5,0 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 55,05 Euro, aber deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 48,68 Euro. Der positive Trend ist also intakt – die Frage ist, ob das Niedrigwasser ihn bremst.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine Kennzahl: Wie lange hält der Pegel? BASF kompensiert den Ausfall regulärer Rheinschiffe bereits mit speziellen Niedrigwasser-Schiffen sowie verstärktem Lkw- und Bahnverkehr.
Doch diese Alternativen sind teuer. Die Frachtpreise auf der Route Rotterdam–Karlsruhe sind laut WirtschaftsWoche von 45 Euro pro Tonne Ende Juni auf bis zu 160 Euro Mitte August gestiegen – das Dreifache des regulären Niveaus.
Jede zusätzliche Dürrewoche verschiebt damit nicht nur Liefermengen, sondern frisst über höhere Logistikkosten an der Marge. Ob die 2026 angehobene EBITDA-Guidance von 6,9 bis 7,7 Milliarden Euro Bestand hat, entscheidet sich also weniger an der Chemie-Nachfrage als am Wetter der kommenden Wochen.
Bullisches Szenario
Sollte sich die Wasserführung des Rheins in den nächsten Wochen normalisieren, dürfte das Niedrigwasser-Thema schnell aus dem Fokus geraten. BASF hat mit alternativen Transportwegen bereits gezeigt, dass es kurzfristig gegensteuern kann, ohne dass Kamieth von signifikanten Ergebniseffekten spricht.
Parallel liefert der Konzern operative Fortschritte: Das Q2-EBITDA vor Sondereinflüssen stieg um 54 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Verkauf des Coatings-Geschäfts an Carlyle brachte einen Nachsteuergewinn von 3,5 Milliarden Euro und rund 5,8 Milliarden Euro an Barmitteln. Das gibt Spielraum für das bis Ende April 2027 laufende Rückkaufprogramm über bis zu 1,0 Milliarde Euro, eingebettet in das Gesamtvolumen von 4 Milliarden Euro bis Ende 2028. Hält die Free-Cash-Flow-Guidance von 1,5 bis 2,3 Milliarden Euro, bleibt die Kapitalrückführung finanziert – ein Signal, das Anleger honorieren dürften.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Dauer, nicht im Ausmaß des aktuellen Zustands. Historisch niedrige Pegel seit 1880 sind kein Randphänomen, sondern deuten auf eine strukturelle Belastung hin, die sich über Wochen hinziehen kann.
Steigen die Frachtkosten weiter oder müssen ganze Produktionslinien gedrosselt werden, gerät die im Juli angehobene Guidance unter Druck – ausgerechnet die Kennzahl, die den jüngsten Kursanstieg getragen hat. Hinzu kommt strukturelle Unsicherheit: Die Ausgliederung von Agricultural Solutions ist in Nord- und Südamerika sowie Europa laut Vorstandsmitglied Livio Tedeschi weitgehend abgeschlossen, für Asien aber erst bis Ende 2026 geplant.
Ein möglicher Börsengang der Sparte bleibt vage – CFO Dirk Elvermann sprach lediglich davon, Zeitpunkt und Umfang kurzfristig entscheiden zu wollen, Tedeschi nannte Mitte 2027 als Zielhorizont für die nötigen Voraussetzungen. Verzögert sich dieser Prozess zusätzlich zur Rhein-Problematik, könnten Anleger zwei ungelöste Fragen gleichzeitig einpreisen müssen.
Ausblick
Solange BASF das Niedrigwasser über alternative Logistik auffangen kann, ohne dass Kamieths Warnung vor „signifikanten Auswirkungen“ Realität wird, bleibt der seit Jahresbeginn aufgebaute Aufwärtstrend von 18 Prozent intakt.
Kippt die Lage am Rhein jedoch in eine mehrwöchige Dauerkrise, rückt die im Juli angehobene EBITDA-Spanne von 6,9 bis 7,7 Milliarden Euro in Gefahr – und mit ihr die Bewertungsbasis der jüngsten Kursgewinne.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die Entwicklung der Pegelstände in den kommenden Wochen, gefolgt vom weiteren Fortschritt bei der Agrar-Ausgliederung in Asien bis Ende 2026. Bis dahin bleibt die Aktie ein Abwägen zwischen strukturellen Portfolio-Fortschritten und einem Wetterrisiko, das sich kaum vorhersagen lässt.
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