Es gibt diese Momente an der Börse, in denen eine Aktie zwei völlig gegensätzliche Geschichten gleichzeitig erzählt. AXT ist gerade so ein Fall. Auf der einen Seite steht eine Branchenmeldung, die eigentlich jubeln lassen müsste: der schwerste Engpass bei Indiumphosphid, den die Halbleiterindustrie je gesehen hat, mit Wafer-Preisen, die im vierten Quartal um mehr als zehn Prozent steigen sollen. Auf der anderen Seite steht ein Kurs, der genau dieses Narrativ gerade wieder verliert.
Am Freitag brach die Aktie um 12 Prozent ein. Medienberichten zufolge traf eine Gewinnmitnahme-Welle die gesamte Gruppe der Optik- und Indiumphosphid-Zulieferer, während Wedbush laut denselben Berichten mögliche Verzögerungen aus China als Belastungsfaktor ins Spiel brachte.
Wer die Aktie seit Jahresbeginn hält, sitzt zwar noch immer auf einem Plus von 298 Prozent. Doch der Blick auf die vergangenen sieben Handelstage zeigt ein Minus von 16 Prozent – ein Tempo, das selbst für einen Titel mit einer annualisierten Volatilität von 188 Prozent ungewöhnlich ist.
Der Rohstoff-Engpass als zweischneidiges Schwert
Genau hier liegt die eigentliche Frage, die dieser Artikel beantworten soll: Ist der Engpass bei Indiumphosphid für AXT ein Segen oder ein Risiko? Am 17. August sprang die Aktie um 18 Prozent, nachdem ein Bericht aus Taipeh genau diesen Engpass thematisiert hatte. Höhere Waferpreise klingen für einen Substrathersteller wie AXT zunächst nach Rückenwind – knappe Ware lässt sich teurer verkaufen.
Doch ein struktureller Engpass ist eben auch ein Symptom für Lieferkettenstress, und Stress in der Lieferkette trifft nicht nur die Preise, sondern auch die Planbarkeit. Wenn Wedbush laut Marktberichten vor möglichen China-Verzögerungen warnt, dann genau deshalb: AXT bezieht seine Wertschöpfung aus einem globalen, politisch sensiblen Netzwerk, in dem Indiumphosphid zum Nadelöhr geworden ist.
Diese Ambivalenz erklärt, warum sich institutionelles Geld und kurzfristige Trader derzeit so unterschiedlich verhalten. BlackRock hat seinen Bestand ausgebaut und hält inzwischen 7,75 Prozent an AXT – ein Zeichen, dass zumindest ein Teil der großen Kapitalsammelstellen an die langfristige Story rund um Indiumphosphid und Galliumarsenid glaubt.
Auch GSA Capital Partners stieg neu ein. Parallel dazu verkaufte Firmendirektor Leonard J. LeBlanc Mitte August einen Teil seiner Aktien – ein Vorgang, der für sich genommen wenig aussagt, aber zeigt, dass nicht alle Insider die aktuellen Kursniveaus für unterbewertet halten.
Spekulation trifft Substanz
Zur Wahrheit gehört auch, dass ein Teil der jüngsten Kursbewegungen wenig mit dem eigentlichen Geschäft zu tun hat. Vor dem Start gehebelter Tradr-ETFs auf AXTI am 18. August positionierten sich Investoren bereits im Vorfeld – ein Muster, das man von anderen volatilen Einzelaktien-Wetten kennt.
Solche Produkte verstärken Ausschläge in beide Richtungen, weil sie täglich neu abgesichert werden müssen. Für einen Titel, der ohnehin schon zu den schwankungsfreudigsten am Markt zählt, ist das wie Öl im Feuer.
Die Analystenlandschaft bleibt gespalten und wenig aussagekräftig: Zacks Research stufte AXT Anfang August auf „Strong Buy“ hoch, während Weiss Ratings praktisch zeitgleich bei einer Verkaufsempfehlung blieb, wenn auch mit leicht verbesserter Note. Solche automatisierten Ratings sagen über die fundamentale Substanz wenig aus.
Was bleibt, ist ein Unternehmen im Auge eines strukturellen Sturms: Ein Rohstoffengpass, der die eigene Marktposition stärken könnte, trifft auf eine Aktie, die nach einer beispiellosen Rally längst überhitzt war.
Der Kurs notiert mittlerweile unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 56,13 Euro – ein Hinweis darauf, dass der kurzfristige Trend gedreht hat, während die langfristige Story um die Materialknappheit unverändert fortbesteht.
Ob sich beide Linien wieder annähern, wird sich zeigen, sobald die nächsten Termine – etwa die Konferenzteilnahmen bei B. Riley Anfang September und bei Morgan Stanley in Asien Ende September – neue fundamentale Informationen liefern.
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