Der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly greift nach einem Unternehmen, das erst im November 2025 aus dem Zusammenschluss von atai Life Sciences und Beckley Psytech entstanden ist. Für bis zu 3,8 Milliarden Dollar sichert sich Lilly damit Zugang zu einem der am weitesten fortgeschrittenen Wirkstoffe der psychedelischen Medizin. Die Nachricht hat den Kurs von AtaiBeckley in den vergangenen Handelstagen kräftig nach oben katapultiert.
Der Kaufpreis im Detail
Eli Lilly zahlt 6,75 Dollar je Aktie in bar als Sofortzahlung, was einem Volumen von rund 2,8 Milliarden Dollar entspricht. Hinzu kommt ein bedingter Zahlungsanspruch (Contingent Value Right) von bis zu 2,50 Dollar je Aktie, der weitere rund eine Milliarde Dollar in Aussicht stellt, sollten definierte Meilensteine erreicht werden. Der Angebotspreis liegt damit rund 26 Prozent über dem vorherigen Kursniveau von AtaiBeckley. Die Transaktion soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden.
Im Zentrum des Deals steht BPL-003, ein Nasenspray auf Basis von 5-MeO-DMT, das gegen therapieresistente Depression entwickelt wird und sich in Phase 3 befindet. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat dem Kandidaten den Status einer Breakthrough Therapy verliehen. In einer Phase-2a-Studie besserten sich bei zwölf Patienten nach einer Einzeldosis die Symptome deutlich, in der 10-Milligramm-Gruppe hielt der Effekt bei 83 Prozent der Teilnehmer noch nach zwölf Wochen an. Neben BPL-003 bringt AtaiBeckley mit VLS-01, einem DMT-Wangenfilm in Phase 2, und EMP-01, einem R-MDMA-Kandidaten in Phase 2a gegen soziale Angststörung, zwei weitere Pipeline-Projekte in die Ehe mit Lilly ein.
Analysten sehen in dem Wirkstoff erhebliches kommerzielles Potenzial. Jefferies-Analyst Andrew Tsai beziffert die Marktchance bei einem Phase-3-Erfolg, der frühestens Anfang 2029 erwartet wird, auf ein bis zwei Milliarden Dollar. Canaccord Genuity hat seine US-Umsatzprognose für BPL-003 sogar auf 3,7 Milliarden Dollar bis 2036 angehoben, bei einer angenommenen jährlichen Behandlungskosten-Größenordnung von 30.000 Dollar pro Patient. Zur strategischen Begründung äußerte sich Carole Ho aus der Neurowissenschaftssparte von Lilly zu dem Zukauf.
Kurs schießt hoch, Analysten uneins über weiteres Potenzial
Am Handelsplatz hat der Deal für einen der größten Kurssprünge des Jahres gesorgt. Am Freitag schloss die Aktie bei 6,30 Euro, nachdem sie innerhalb von sieben Handelstagen um 43,84 Prozent zugelegt hatte. Auf Sicht von 30 Tagen beträgt das Plus sogar 77,97 Prozent. Trotz dieser Rally notiert der Titel noch 19,75 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 7,85 Euro, das erst am 16. Juli 2026 erreicht wurde – ein Hinweis darauf, dass ein Teil der ersten Kaufeuphorie bereits wieder verpufft ist.
Nicht alle Analysten sehen nach der Übernahmeankündigung noch Luft nach oben: TD Cowen stufte die Aktie von AtaiBeckley auf Hold zurück, Cantor Fitzgerald setzte das Rating auf Neutral. Die Begründung liegt nahe: Mit einem fixen Übernahmepreis ist der Kurs faktisch gedeckelt, sofern der Deal wie geplant vollzogen wird. Cathie Wood von Ark Invest bezeichnete die Transaktion dennoch als „wohlverdiente“ Rendite für die Aktionäre. Ihr Fonds hatte zuvor 1,12 Millionen Aktien verkauft, hält aber weiterhin 3,19 Millionen Anteile im Wert von rund 22,78 Millionen Dollar.
Pharmariesen entdecken Psychedelika als Wachstumsfeld
Der Zukauf reiht sich in eine Serie ähnlicher Deals ein. AbbVie hatte 2025 bis zu 1,2 Milliarden Dollar für Gilgamesh und dessen Wirkstoff Bretisilocin gezahlt. Auch der Wettbewerber Compass Pathways treibt mit COMP360, einem Psilocybin-Präparat gegen therapieresistente Depression, seine eigene Phase-3-Entwicklung voran. Als Vergleichsgröße für die kommerzielle Reife des Feldes dient Johnson & Johnsons bereits zugelassenes Nasenspray Spravato, das im zweiten Quartal 2026 einen Umsatz von 584 Millionen Dollar erzielte, ein Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Politisch begünstigt wird die Entwicklung durch eine im April 2026 unterzeichnete Anordnung von US-Präsident Trump, die beschleunigte FDA-Prüfungen für psychedelische Wirkstoffe vorsieht. Im Juli 2026 veröffentlichte die FDA zudem eine eigene Leitlinie für klinische Studien in diesem Bereich. Branchenschätzungen zufolge könnte der globale Markt für psychedelische Medikamente von 4,08 Milliarden Dollar im Jahr 2025 auf 8,75 Milliarden Dollar im Jahr 2031 wachsen. Für AtaiBeckley-Aktionäre bedeutet der Lilly-Deal nun vor allem, dass sich diese langfristige Wette in einen konkreten, terminierten Auszahlungsplan verwandelt hat.
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