ASML erzielte im dritten Quartal 2026 mit Service und Upgrades 3,289 Milliarden Euro Umsatz. Welche Bedeutung bekommt dieses Geschäft, wenn die geplante Lieferkapazität nach Unternehmensangaben auch 2027 und 2028 hinter der Kundennachfrage zurückbleibt? Darüber spricht die Redaktion mit Dieter Jaworski, der bei ASML besonders auf den wirtschaftlichen Zusammenhang zwischen knappen Neuanlagen und produktiveren Bestandsanlagen schaut.

ASML Holding (NL0010273215) — Schlusskurse 27.04.2026 bis 23.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 23.10.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Der Analysten-Konsens traut ASML bereits erhebliches Potenzial zu. Auch Ihre Bewertung liegt ungefähr auf dieser Linie. Was übersehen die anderen überhaupt?
Dieter Jaworski: Bei der starken Nachfrage liegen sie richtig. Darüber muss man keinen weiteren Aufsatz schreiben. Zu wenig gewichtet wird meines Erachtens, wie der Lieferengpass das Geschäft innerhalb von ASML verschiebt: Wer auf zusätzliche Anlagen warten muss, hat einen stärkeren Anreiz, aus vorhandenen Maschinen mehr herauszuholen.
Service und Upgrades können dadurch einen Teil des Wachstums tragen, für das zunächst keine komplett neue Anlage ausgeliefert werden muss. Im dritten Quartal 2026 haben Produktivitätsverbesserungen bestehender Anlagen die über Plan liegende Marge unterstützt. Das ist für mich der interessantere Befund als die nächste Bekundung großer KI-Nachfrage. Wie viel davon die Börse bereits berücksichtigt, lässt sich allerdings nicht sauber herausrechnen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Ihre Summe der geschätzten Segmentwerte liegt unter dem Börsenwert. Welche Substanz rechtfertigt dann überhaupt einen Bewertungsaufschlag?
Dieter Jaworski: Für den Hebel im Bestandsgeschäft ist ein Aufpreis vertretbar. ASML kommt nach der Installation weiter an der Wertschöpfung seiner Kunden zum Zug, wenn bessere Leistung vorhandener Anlagen zusätzliche Erlöse ermöglicht.
Die Bruttomarge, also der Umsatzanteil nach Abzug der direkten Umsatzkosten, erreichte im dritten Quartal 2026 konzernweit 57,5 Prozent. Das zeigt die Ertragskraft; es belegt noch keine dauerhaft erreichbare Marge. Zumal wir daraus keine gesonderte Profitabilität des Servicegeschäfts ablesen können.
Die Segmentrechnung mahnt deshalb zur Disziplin. Ihre geschätzten Unternehmenswerte lassen sich ohne belastbare Nettoverschuldung auch nicht einfach mit dem Börsenwert des Eigenkapitals gleichsetzen. ASML verdient einen Qualitätsaufschlag. Einen beliebig großen verdient auch dieses Geschäft nicht.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie sagen: „Für den Hebel im Bestandsgeschäft ist ein Aufpreis vertretbar.“ Fehlende Neuanlagen begrenzen aber doch die künftige Basis für Service und Upgrades. Bezahlen Sie da nicht für eine Schwäche?
Dieter Jaworski: Sie lesen die knappe Lieferfähigkeit hier ausschließlich als Schwäche. Für das Geschäft mit bereits installierten Anlagen erhöht sie gerade den wirtschaftlichen Anreiz zur Verbesserung. Fehlende neue Anlagen stärken das Geschäft mit vorhandenen Anlagen.
Auf längere Sicht sitzt Ihr Einwand: Ohne zusätzliche Installationen wächst auch die Grundlage für spätere Folgeerlöse langsamer. Ich gewichte zunächst den bereits belegten Produktivitätshebel stärker als diesen späteren Bremseffekt.
Die Meldung über beschleunigte Terafab-Lieferungen passt dazu. Nach Musks Angaben kann ASML dort früher liefern; eine zusätzliche Bestellung ist damit nicht belegt. Solche Terminverschiebungen lösen die grundsätzliche Kapazitätsfrage noch nicht.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Wie gefährlich ist dabei die Abhängigkeit von Zeiss als einzigem Lieferanten kritischer Optiken? ASML kann den Ausbau schließlich nicht allein beschleunigen.
Dieter Jaworski: Sehr gefährlich. ASML kann fehlende Teile nicht mit gut gefüllten Auftragsbüchern ersetzen. Mehr Geld allein macht den Ausbau noch nicht schneller.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Angenommen, ASML baut seine Kapazität weiter aus und Kunden verschieben ihre Fabrikprojekte: Welche Entwicklung würde Ihre positive Rechnung kippen?
Dieter Jaworski: Wenn die Kunden ihre Investitionen verschieben und zugleich weniger für die Verbesserung vorhandener Anlagen ausgeben, bricht meine Rechnung an ihrer wichtigsten Stelle. Dann fehlen sowohl zusätzliche Auslieferungen als auch die von mir erwartete Stütze im Bestandsgeschäft. Bei steigenden Ausbaukosten wäre das besonders unangenehm.
Ich würde deshalb auf die Entwicklung von Service und Upgrades zusammen mit der Konzernmarge achten. Lässt deren Beitrag nach und erweist sich die Stärke des dritten Quartals 2026 überwiegend als günstiger Produktmix, hätte ich den wiederholbaren Ertrag überschätzt.
Auch das Kundeninteresse für 2029 und 2030 darf diese Lücke nicht überdecken. ASML nimmt entsprechende Bestellungen vorerst nicht an. Interesse bezahlt keine zusätzliche Fertigung.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Die 57,5 Prozent Bruttomarge aus dem dritten Quartal 2026 sind also Ihr greifbarer Ertragsbeleg. Rechtfertigt das zusammen mit dem Bestandsgeschäft den Qualitätsaufschlag der Aktie?
Dieter Jaworski: Ja, für mich rechtfertigt es einen anspruchsvollen Aufschlag. Ich bin bei ASML zuversichtlich, weil die Verbesserung vorhandener Anlagen einen belegten Ertragshebel bietet, während zusätzliche Auslieferungen begrenzt bleiben. Die Aktie ist damit noch lange kein Schnäppchen. Meine positive Einschätzung hängt stärker an der Wiederholbarkeit dieses Geschäfts als an weiteren Bekundungen hoher Nachfrage.
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