Erst der Schock, dann die Kehrtwende: ASML hat binnen weniger Wochen einen Kursrutsch von 18 Prozent im Juli in eine kräftige Erholung verwandelt. Für mich zeigt dieser Verlauf exemplarisch, wie nervös der Markt auf jede Schlagzeile rund um Chinas Chipambitionen reagiert – und wie schnell sich das Bild dreht, sobald handfeste Fundamentaldaten wieder in den Vordergrund rücken. Am Freitag schloss die Aktie bei 1.508,20 Euro, ein Plus von 1,45 Prozent auf Tagesbasis. Vom 52-Wochen-Hoch trennen das Papier damit noch rund 13,72 Prozent – ein Abstand, der angesichts der jüngsten Nachrichtenlage kleiner werden könnte, wenn sich die Stimmung weiter aufhellt.
Die China-Angst und ihr Nachspiel
Ende Juli hatten Berichte von The Information und CNBC über ein staatlich unterstütztes chinesisches Konsortium – darunter Huawei und SiCarrier – für Aufsehen gesorgt: Die Gruppe soll mit der Massenproduktion von Immersion-DUV-Lithografiemaschinen begonnen haben. Die Nachricht ließ die ASML-Aktie an einem einzigen Handelstag um 8 Prozent einbrechen. Das ist kein Detail, das man kleinreden sollte – Wettbewerb im DUV-Segment berührt tatsächlich einen Teil des Geschäfts. Doch die Reaktion des Marktes wirkte auf mich überzogen, wenn man bedenkt, wie stark ASMLs Position im EUV-Bereich bleibt. Am Donnerstag stufte die DZ Bank die Aktie von „Hold“ auf „Strong Buy“ hoch, während JPMorgan sein Kursziel auf 2.400 Dollar anhob. Beide Schritte lassen sich als Signal lesen, dass der Ausverkauf fundamental nicht gerechtfertigt war.
Kapazität als Trumpf
Die eigentliche Substanz der Bullen-These liegt für mich in der Kapazitätsstory. Bernstein rief ASML am Montag zum „Top Pick“ für das dritte Quartal 2026 aus, bestätigte die Einstufung „Outperform“ und nannte ein Kursziel von 2.500 Euro – begründet mit einer bis 2027 ausverkauften EUV-Produktion. Am selben Tag setzte Goldman-Analyst Alex Duval das Papier auf die „European Conviction List“ und rechnet für die Geschäftsjahre 2027 bis 2029 mit einem Gewinn pro Aktie, der 5 bis 18 Prozent über dem Konsens liegen könnte. Die Kombination beider Einstufungen trieb die Aktie am Dienstag um 4,3 Prozent nach oben. Wer an ASML zweifelt, muss erklären, warum zwei Häuser mit derart unterschiedlicher Methodik zum selben Schluss kommen.
Untermauert wird das Bild durch die Lieferkette: Zeiss, exklusiver Zulieferer der optischen Systeme, bestätigte am Dienstag den langfristigen Ausbau der Kapazitäten in Oberkochen – nötig, um ASMLs Plan zu stützen, 2026 mindestens 60 EUV-Maschinen zu produzieren. Auch die zuletzt angehobene Umsatzprognose für das laufende Jahr auf 43 bis 45 Milliarden Euro passt in dieses Muster: Ein Unternehmen, das seine Kapazitäten ausweitet und gleichzeitig die Guidance erhöht, sendet kein Signal der Schwäche.
Kapitalrückflüsse trotz Nervosität
Während Analysten optimistischer wurden, zeigte sich ein institutioneller Investor skeptischer: Professional Advisory Services Inc. reduzierte seine ASML-Position im zweiten Quartal um 22,4 Prozent und hält nun noch 4.350 Aktien im Wert von rund 8,65 Millionen Dollar. Solche Einzelbewegungen sind Rauschen, kein Trend – zumal ASML selbst zwischen dem 27. und 31. Juli 273.335 eigene Aktien für 390.969.826 Euro zurückkaufte. Am 5. August schloss das Unternehmen zudem die Auszahlung seiner Zwischendividende von 2,1507 Dollar pro Aktie ab, nach dem Ex-Tag am 28. Juli. Wer Kapital zurückgibt und gleichzeitig eigene Anteile einsammelt, signalisiert Vertrauen ins eigene Geschäft.
Mein Fazit
Ganz ausblenden sollte man die Warnsignale trotzdem nicht. Eine bärisch positionierte Analystengruppe namens „Bears of Wall Street“ stufte ASML am Montag auf „Sell“ und argumentiert, die Bewertung preise den KI-Superzyklus bereits vollständig ein – ohne Sicherheitspuffer für Rückschläge. Ein automatisiertes Bewertungsmodell kam wenige Tage zuvor zu einem versöhnlicheren, aber keineswegs eindeutigen Urteil und bescheinigte der Aktie nur bei zwei von sechs Kriterien eine klare Unterbewertung. Unterm Strich überwiegen für mich die Argumente der Optimisten: sold-out EUV-Kapazität bis 2027, eine angehobene Guidance und gleich zwei prominente Analystenhäuser, die ihre Überzeugung mit konkreten Kurszielen unterlegen. Die China-Risiken bleiben real und rechtfertigen Vorsicht bei der Positionsgröße – ein Freifahrtschein ist diese Erholung nicht. Aber ein reines Strohfeuer sieht anders aus.
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