Die ASML-Aktie ist unter Druck. Seit dem 52-Wochen-Hoch von 1.748,00 Euro hat das Papier 15 Prozent verloren, und der jüngste Rückgang von 1,1 Prozent auf 1.478,60 Euro passt ins Bild einer Aktie, die derzeit unter ihrem eigenen 50-Tage-Durchschnitt von 1.543,88 Euro notiert.
Für mich ist das kein Signal einer sich verschlechternden Geschäftslage, sondern eine Bewertungskorrektur nach einem außergewöhnlichen Lauf – seit Jahresbeginn steht immer noch ein Plus von 60 Prozent.
Ein Rating, das die Marktstimmung konterkariert
Bank of America Global Research hat am Dienstag ihre „Buy“-Einschätzung mit dem Zusatz „Top Pick“ bekräftigt und das Kursziel von 2.452 Euro unverändert gelassen.
Die Analysten bezeichneten den jüngsten Kursrückgang explizit als „unjustified“ – unbegründet – und verwiesen auf einen Bewertungsabschlag von 7,7 Multiplikatorpunkten gegenüber dem historischen EV/EBIT-Schnitt. Das ist eine bemerkenswert klare Ansage in einem Marktumfeld, in dem viele Beobachter die Aktie längst für ausgereizt halten.
Bernstein zog bereits einen Tag zuvor nach und hob das Kursziel von 1.971 auf 2.623 Dollar an, mit Verweis auf eine nach eigener Einschätzung „unprecedented“ – beispiellose – KI-getriebene Expansion bei fortschrittlicher Logik- und DRAM-Kapazität.
Zwei der einflussreichsten Häuser der Branche sehen also erheblichen Spielraum nach oben, während der Kurs seitwärts bis abwärts tendiert. Diese Diskrepanz ist für mich der eigentliche Kern der aktuellen Geschichte – nicht die Kursbewegung selbst.
Kapazität als stille Machtquelle
Dass ASML kaum unter einem Nachfrageproblem leidet, hat Finanzvorstand Roger Dassen bereits vor gut einer Woche deutlich gemacht: Die Fertigungskapazität für EUV-Lithografiesysteme sei bis Ende 2027 nahezu ausgebucht. Das ist keine neue Randnotiz, sondern der strukturelle Hintergrund, vor dem die aktuellen Preisverhandlungen mit Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. stattfinden, die bereits im Sommer bekannt wurden und laut Berichten bis heute nicht abgeschlossen sind – TSMC soll sich gegen höhere Preise für fortschrittliche EUV-Systeme sperren, während chinesische Chiphersteller mit einer geplanten Preiserhöhung von 10 Prozent für DUV-Systeme konfrontiert sind.
Wer hier verhandelt, tut das nicht aus einer Position der Schwäche. Ein Anbieter mit ausgebuchten Kapazitäten bis 2027 kann sich Preisdurchsetzung leisten – selbst gegenüber seinem größten Kunden. Das spricht strukturell für die Marge, auch wenn Verhandlungen naturgemäß zäh verlaufen können.
China-Konkurrenz: Symbolik statt Substanz
Vor rund einem Monat sorgte die Meldung für Aufsehen, ein staatlich unterstützter Hersteller in Shanghai habe mit der Serienproduktion eigener Immersions-DUV-Systeme begonnen. Die Aktie reagierte kurzzeitig nervös, hat den Rücksetzer seither aber mit einem Plus von 4,1 Prozent mehr als ausgeglichen.
Analysten verwiesen damals auf einen technologischen Rückstand von mehreren Generationen – eine Einschätzung, die ich nach wie vor für den entscheidenden Punkt halte. Symbolische Fortschritte chinesischer Wettbewerber sind kein Ersatz für EUV-fähige Fertigung.
Auch die Nachfrageseite bestätigt das Bild ungebrochenen Bedarfs: SK Hynix kündigte an, Erlöse aus seinem geplanten US-Börsengang gezielt für den Ausbau der Fertigung und den Kauf von ASML-EUV-Scannern zu verwenden. Das ist kein Nebensatz, sondern ein weiterer Beleg dafür, dass die Investitionszyklen der Speicherhersteller ungebrochen laufen.
Fazit
Unterm Strich sehe ich eine Aktie, deren fundamentale Story – ausgebuchte Kapazitäten, Preissetzungsmacht, ungebrochene KI-Nachfrage – intakt bleibt, während der Kurs eine technische Verdauungspause einlegt. Die jüngsten Analystenstimmen von Bank of America und Bernstein untermauern diese Lesart mit konkreten, frisch bekräftigten Kurszielen deutlich über dem aktuellen Niveau.
Wer die Baisse der vergangenen Wochen als Vorboten einer strukturellen Schwäche deutet, dürfte damit vorschnell urteilen. Die nächste echte Standortbestimmung liefert ASML ohnehin erst mit den Zahlen zum dritten Quartal am 20. Oktober.
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