Die Produktionszentren Asiens erleben einen bemerkenswerten Aufschwung. Während geopolitische Spannungen und Handelskonflikte die Weltwirtschaft belasten, verzeichnen die Fertigungssektoren in Indien, Japan, Taiwan und Vietnam im Februar 2026 kräftige Wachstumsraten – ein klares Signal, dass die Region ihre Position als globale Produktionsdrehscheibe weiter festigt.
Indien setzt auf Binnenmarkt-Stärke
Indiens verarbeitendes Gewerbe erreichte im Februar mit einem PMI-Wert von 56,9 den höchsten Stand seit vier Monaten. Die Dynamik speist sich vor allem aus robusten Inlandsnachfrage: Neuaufträge stiegen mit dem stärksten Tempo seit Oktober, die Produktion legte mit dem schnellsten Wachstum seit vier Monaten zu. „Die Outputexpansion wurde von stärkeren inländischen Aufträgen getragen“, erklärt Pranjul Bhandari, Chefökonomin für Indien bei HSBC.
Die Schattenseite: Exportaufträge wuchsen nur im langsamsten Tempo seit 17 Monaten. Ein deutliches Zeichen, dass die US-Zollpolitik unter Präsident Trump Spuren hinterlässt – trotz der jüngsten Einigung, die effektive Zölle auf Indien auf 18 Prozent senkte. Die Unsicherheit bleibt: Trump kündigte zuletzt pauschale Zölle von 10 Prozent auf alle Nationen an, mit einer geplanten Erhöhung auf 15 Prozent.
Die indische Volkswirtschaft wuchs im vierten Quartal 2025 um 7,8 Prozent – langsamer als die 8,4 Prozent im Vorquartal, aber immer noch das stärkste Wachstum aller großen Volkswirtschaften weltweit. Für das Haushaltsjahr 2025/26 prognostiziert die Regierung ein BIP-Wachstum von 7,6 Prozent. Besonders bemerkenswert: Der Fertigungssektor expandierte im Berichtszeitraum um 13,3 Prozent.
Ostasiens Tech-Giganten auf Höhenflug
Taiwan verzeichnete mit einem PMI von 55,2 die stärkste Fertigungsexpansion seit Ende 2021 – getrieben von explodierender Nachfrage nach Halbleitern und KI-Technologie. Die Produktion stieg mit dem schärfsten Tempo seit über viereinhalb Jahren, Neuaufträge expandierten so schnell wie zuletzt im Juli 2021. Besonders eindrucksvoll: Exportbestellungen aus Europa, Japan, Festland-China und den USA legten kräftig zu.
Japan meldete mit einem PMI von 53,0 die beste Fertigungsleistung seit 45 Monaten. Produktion, Neuaufträge und Beschäftigung wuchsen jeweils mit dem stärksten Tempo seit Januar 2022. Exportgeschäfte erreichten das höchste Niveau seit Juni 2021, angetrieben von stärkerer Kundennachfrage aus Europa und anderen asiatischen Regionen.
Vietnam rundete das Bild ab: Der PMI kletterte auf 54,3 – den achten Monat in Folge mit verbesserten Geschäftsbedingungen. Die Produktion erreichte ein 19-Monats-Hoch, wobei Unternehmen Produkte vorzeitig fertigten, um Liefertermine einzuhalten.
Lieferketten unter Druck, Kostenbelastung steigt
Der Boom hat seinen Preis. Quer durch Asien intensivieren sich Lieferkettenprobleme. In Taiwan verlängerten sich die Lieferzeiten am stärksten seit Juli 2024, Zulieferer konnten mit der gestiegenen Nachfrage nicht mithalten. Japan meldete beschleunigte Verschlechterungen bei der Lieferantenperformance, ausgelöst durch Personal- und Materialmangel sowie Verzögerungen beim Versand.
Die Kostenbelastung nimmt zu: Taiwans Inputkosten stiegen mit dem schärfsten Tempo seit April 2022, Lieferanten erhöhten flächendeckend die Preise für Rohstoffe. Auch in Vietnam schnellten die Betriebskosten nach oben – am stärksten seit Juni 2022 – bedingt durch höhere Transport- und Lieferantenpreise. Indische Hersteller verzeichneten moderate, aber anhaltende Kostensteigerungen bei Arbeitskräften, Material und Transport.
Die Unternehmen geben diese Kosten weiter: In Taiwan kletterte die Teuerungsrate bei Verkaufspreisen auf den höchsten Stand seit Mitte 2022. Vietnam hielt die Inflationsrate auf dem 45-Monats-Hoch vom Januar. Indien erhöhte die Verkaufspreise mit dem schnellsten Tempo seit vier Monaten – ein Zeichen, dass starke Nachfrage Preismacht verleiht.
Beschäftigungsdynamik bleibt verhalten
Trotz boomender Auftragsbücher hinkt das Beschäftigungswachstum hinterher. Während Indien die Belegschaft mit dem stärksten Tempo seit vier Monaten aufstockte, blieb der Zuwachs insgesamt bescheiden. In Japan wuchs die Beschäftigung zwar den 15. Monat in Folge und mit dem schnellsten Tempo seit über vier Jahren – dennoch konnte das Einstellungstempo nicht mit der Produktionsexpansion mithalten.
Thailand verzeichnete sogar einen Beschäftigungsrückgang – den zweiten in drei Monaten und den stärksten seit März 2024. Gleichzeitig stiegen unerledigte Aufträge den siebten Monat in Folge. Taiwan meldete ebenfalls moderates Beschäftigungswachstum, während Auftragsrückstände mit dem schärfsten Tempo seit August 2021 zulegten.
Währungsdruck und politische Gegensteuerung
Indiens starke Wirtschaftsperformance bleibt nicht ohne Nebenwirkungen auf den Währungsmärkten. China sah sich gezwungen, die Reserve-Anforderungen für Devisentermingeschäfte auf null zu setzen – ein klarer Versuch, die rasante Yuan-Aufwertung zu bremsen. Die chinesische Währung hat seit April 2025 über sieben Prozent gegenüber dem Dollar zugelegt und erreichte kürzlich ein Drei-Jahres-Hoch.
Der stärkere Yuan belastet chinesische Exporteure schwer. Beijing Ultrapower Software machte die Währungsstärke für einen 28-prozentigen Gewinneinbruch 2025 mitverantwortlich. Auch Suzhou Junchuang Auto Technologies, Ninebot und weitere Unternehmen berichteten von negativen Währungseffekten. Die Netto-Devisenzuflüsse erreichten im Januar 79,9 Milliarden Dollar – der drittgrößte Wert aller Zeiten.
Die People’s Bank of China signalisiert damit: Die Aufwertungsgeschwindigkeit ist zu hoch. Analysten erwarten allerdings nur eine Verlangsamung, keinen Trendwechsel – der Dollar bleibt voraussichtlich schwach.
Europa im Wettlauf um Batterieproduktion
Während Asien seine Fertigungskapazitäten ausbaut, ringt Europa um Wettbewerbsfähigkeit bei Schlüsseltechnologien. Eine Studie der Kampagnenorganisation Transport & Environment zeigt: Durch Skalierung der Produktion könnte Europa die Kostenlücke bei Batterien zu China von derzeit 90 Prozent auf etwa 30 Prozent verringern.
Verbesserte Fertigungseffizienz – niedrigere Ausschussraten, besseres Arbeits-Know-how und Automatisierung – könnten die Kostendifferenz bis 2030 auf 14 Dollar pro Kilowattstunde senken, von potenziell 41 Dollar. Für ein durchschnittliches Elektrofahrzeug entspräche dies einer Preisdifferenz von lediglich 500 Euro.
Die EU-Kommission plant für diese Woche ihren „Industrial Accelerator Act“, der lokale Produkte bei öffentlichen Aufträgen bevorzugen soll. Betroffen wären strategische Sektoren wie Batterien, Solar- und Windenergie, Wasserstoffproduktion sowie Elektrofahrzeuge. „Europa braucht eine heimische Batterieindustrie als Versicherung gegen Waffeneinsatz in Lieferketten“, betont Julia Poliscanova von T&E. „Local-Content-Anforderungen sind die einzige Politik, um ein weiteres Northvolt zu verhindern.“
Geopolitische Risiken werfen Schatten
Die positiven Fertigungsdaten stehen im Kontrast zu eskalierenden geopolitischen Spannungen. Die Straße von Hormus – durch die ein Fünftel des weltweiten Seeöl-Handels, ähnliche Mengen verflüssigten Erdgases und ein Drittel der globalen Düngemittel-Transporte fließen – ist de facto blockiert. Drei Tanker wurden bereits beschädigt, Charter-Raten für sehr große Tanker explodierten.
Präsident Trump kündigte gegenüber der Daily Mail an, die Angriffe könnten vier Wochen andauern. Nach Berichten erfolgten bereits über 1.000 US-Luftschläge quer durch Iran – nicht nur gegen Luftabwehr und Geheimdienste, sondern auch Lagerhäuser und Kasernen. Israel startete neue Angriffswellen auf Teheran, Iran antwortete mit Raketensalven.
Brent-Öl schnellte um fast sechs Prozent auf etwa 77 Dollar hoch, nachdem es zwischenzeitlich 82 Dollar überschritten hatte. Der Jahresgewinn liegt damit bei über 26 Prozent. Einige Analysten nennen 100 Dollar als nächstes Ziel – eine Entwicklung, die Inflationsrisiken neu entfachen und als globale Steuer auf Konsumenten und Unternehmen wirken würde.
Ausblick: Binnenmarkt schlägt Export
Die Fertigungsdaten aus Asien zeichnen ein differenziertes Bild: Starke Binnennachfrage und technologiegetriebenes Wachstum kompensieren schwächelnde Exporte. Geschäftserwartungen verbesserten sich in Vietnam auf den höchsten Stand seit September 2022, in Taiwan auf ein 21-Monats-Hoch, in Indien auf den besten Wert seit vier Monaten.
Doch die Herausforderungen bleiben beträchtlich. Handelsprotektionismus, steigende Inputkosten, angespannte Lieferketten und geopolitische Unsicherheiten könnten das Wachstum bremsen. Die Zentralbank Indiens hält angesichts temporär steigender Inflation vorerst an ihrer restriktiven Geldpolitik fest.
Für europäische Beobachter bleibt die Frage: Kann der Westen mit staatlicher Unterstützung und Local-Content-Regeln die Wettbewerbsfähigkeit bei Zukunftstechnologien zurückgewinnen – oder festigt Asien seine Dominanz weiter? Die kommenden Monate werden zeigen, ob die aktuellen Fertigungsrekorde Vorboten nachhaltigen Wachstums oder Ausdruck kurzfristiger Sondereffekte sind.
