Der KI-Handel an der Börse tritt in eine neue, unbequemere Phase ein. „Baue es, und sie werden kommen“ reicht als Anlagethese nicht mehr. Wall Street will jetzt Renditen sehen, nicht nur Ankündigungen. Applied Digital steht mitten in diesem Stimmungswandel.
Am Freitag brach die Aktie um 6,57 Prozent ein und schloss bei 24,46 Euro. Das ist kein isoliertes Ereignis. Erst kürzlich wurden Tech-Schwergewichte wie Alphabet und Tesla für ihre gigantischen Investitionspläne abgestraft. Für Applied Digital, das Rechenzentren für KI-Workloads baut, wird die neue Skepsis gegenüber hohen Ausgaben zum Problem mit zwei Seiten.
Der Preis der Expansion
Im Zentrum der Geschichte steht ein Widerspruch: explosives Umsatzwachstum trifft auf wachsende Verluste. Applied Digital meldet in den kommenden Tagen seine Zahlen zum vierten Geschäftsquartal. Der Umsatz dürfte sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppeln. Gleichzeitig rechnet der Markt mit deutlich höheren Nettoverlusten.
Diese Spannung zeigt sich auch im Aktienkurs. Binnen zwölf Monaten hat sich der Wert um fast 157 Prozent mehr als verdoppelt – seit dem Rekordhoch von 43,48 Euro Ende Mai ist die Aktie aber um 43,74 Prozent eingebrochen. Die anfängliche KI-Euphorie kühlt spürbar ab.
Der Ausbau kostet Geld, und zwar viel. Mit Projekten wie Polaris Forge 1 und Delta Forge 2 erweitert das Unternehmen seine Kapazitäten in großem Tempo. Parallel dazu hängt ein erheblicher Teil des Umsatzes von wenigen Partnern ab, allen voran CoreWeave. Kritiker verweisen auf steigende Schuldenlast und eine Bewertung, die auf Basis des erwarteten Umsatzes deutlich über dem Branchendurchschnitt liegt. Manche Research-Häuser halten trotz des Wachstums an „Strong Sell“-Einstufungen fest.
Volatilität als Normalzustand
Wer bei Applied Digital investiert, muss starke Nerven mitbringen. Die annualisierte Schwankungsbreite der letzten 30 Handelstage liegt bei fast 70 Prozent – ein Wert, der eher an Kryptowährungen erinnert als an einen Infrastrukturbetreiber. Innerhalb eines Monats verlor die Aktie fast 34 Prozent, ein Beleg dafür, wie schnell die Stimmung kippt, sobald das Wort „Capex-Sorgen“ die Runde macht.
Genau hier liegt der eigentliche Konflikt dieser Aktie. Die Analystengemeinde traut dem Papier im Schnitt ein Kursziel von 67,44 Euro zu – das wäre fast eine Verdreifachung vom aktuellen Niveau. Ist der aktuelle Kursverfall also eine überfällige Korrektur einer überhitzten Bewertung? Oder handelt es sich um eine vorübergehende Delle bei einem Unternehmen, das gerade das Rückgrat der nächsten industriellen Revolution baut?
Diese Frage lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten, und genau das macht Applied Digital zu einem Lackmustest für die gesamte KI-Infrastrukturbranche. Wer an das Narrativ vom unaufhaltsamen Rechenzentrums-Boom glaubt, sieht in der aktuellen Schwäche einen Einstiegspunkt. Wer die wachsenden Verluste und die Kundenkonzentration auf CoreWeave als strukturelles Risiko einstuft, sieht darin eher eine Warnung.
Was die kommenden Wochen zeigen müssen
Technisch betrachtet nähert sich die Aktie mit einem RSI von 36,4 einer überverkauften Zone – ein Signal, das manche Chart-Beobachter als Hinweis auf eine baldige Gegenbewegung deuten. Der gleitende 200-Tage-Durchschnitt von 28,05 Euro bleibt dabei eine Marke, unter der die Aktie derzeit deutlich notiert.
Die „Sorgen um KI-Ausgaben“, die den Nasdaq am Freitag belasteten, treffen die gesamte Branche. Bei einer Marktkapitalisierung von 7,55 Milliarden Euro muss Applied Digital in den kommenden Wochen den Beweis antreten, dass seine Infrastruktur kein teures Nebenprodukt des KI-Booms ist. Sie muss sich als unverzichtbarer Baustein einer Wirtschaft erweisen, die zunehmend auf künstliche Intelligenz angewiesen ist – und die sich früher oder später auch in schwarzen Zahlen niederschlagen muss.
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