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Anleihenmärkte in Aufruhr

Steigende Rohölpreise treiben Inflation und Anleiherenditen weltweit auf neue Höchststände. Aktienmärkte, besonders Technologiewerte, geraten unter Druck.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Renditen erreichen Mehrjahres- und Allzeithochs
  • Krieg im Iran treibt Ölpreise und Inflation
  • Fed-Zinserhöhung wird zunehmend wahrscheinlicher
  • Tech-Aktien leiden unter steigenden Kapitalkosten

Die globalen Rentenmärkte sind unter Dauerdruck. Der anhaltende Krieg im Iran treibt die Rohölpreise in die Höhe, heizt die Inflation an — und zwingt Anleger weltweit, ihre Annahmen über Zinsen und Bewertungen neu zu kalibrieren. Was an den Aktienmärkten als vorübergehende Verschnaufpause aussieht, könnte sich als etwas Grundlegenderes entpuppen.

Renditen auf Jahrzehnte-Hochs

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Rendite 30-jähriger japanischer Staatsanleihen kletterte auf ein Allzeithoch von 4,20 %, während 30-jährige Bundesanleihen den höchsten Stand seit 2011 erreichten. Britische Gilts verzeichneten ihren schlechtesten Wert seit 1998. In den USA stieg die richtungsweisende 10-jährige Rendite zeitweise auf 4,631 % — das höchste Niveau seit Februar 2025.

Der Auslöser ist bekannt, die Wirkung aber nimmt an Tiefe zu. Seit Kriegsbeginn Ende Februar ist der durchschnittliche Zinssatz, zu dem sich G7-Staaten für zehn Jahre verschulden, von rund 3,2 % auf knapp 4 % gestiegen. Für dreißigjährige Laufzeiten liegt der Anstieg bei rund 60 Basispunkten. „Es fühlt sich wie ein perfekter Sturm an“, sagt Tom Ross, Leiter Hochzinsanleihen bei Janus Henderson, das rund 493 Milliarden Dollar verwaltet. „Der Rentenmarkt kämpft gleichzeitig mit Inflationsrisiken aus dem Nahen Osten und der Angst vor Nachfragezerstörung durch hohe Rohstoffpreise.“

Die Inflationsdaten der vergangenen Woche haben diese Befürchtungen genährt. In den USA stiegen die Verbraucher- und Erzeugerpreise im April stärker als erwartet — ähnliche Signale kamen aus China, Deutschland und Japan. Händler bepreisen mittlerweile eine mehr als 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen bis Dezember anhebt. Vor dem Kriegsbeginn waren mindestens eine Zinssenkung eingepreist.

Aktien unter Druck — besonders Tech

Die Nervosität überträgt sich auf die Börsen. Der Nasdaq schloss am Montag 0,52 % im Minus, der technologielastige Halbleiterindex Philadelphia fiel um 2,5 %. Micron Technology verlor rund 6 %, Nvidia gab 1,3 % nach — ausgerechnet vor dem mit Spannung erwarteten Quartalsbericht des KI-Chipherstellers am Mittwoch.

Der Zusammenhang ist direkt: Wachstumsaktien und KI-Titel werden auf Basis künftiger Gewinne bewertet. Steigen die Renditen, sinkt ihr Gegenwartswert. „Renditen sind der entscheidende Faktor. Das ist das Kernproblem für den Markt“, erklärt Robert Pavlik, leitender Portfoliomanager bei Dakota Wealth. Burns McKinney von NFJ Investment Group ergänzt: Höhere Renditen seien „besonders schlecht für Langfristaktien wie den Technologiesektor und die hochbewerteten Chipwerte.“

Der S&P 500 hatte seit seinem Tief Ende März zeitweise um mehr als 18 % zugelegt, der Nasdaq sogar um 28 %. Diese Rallye war von KI-Euphorie und soliden Technologiequartalen getragen. Nun folgt die Pause — und Anleger wägen ab, wie belastbar die Bewertungen angesichts steigender Kapitalkosten wirklich sind. Walmart, das noch diese Woche Ergebnisse vorlegen wird, könnte dabei aufzeigen, wie die US-Verbraucher die Belastung durch höhere Energie- und Inflationskosten verkraften.

Fed-Politik im Dilemma

Die Zentralbanken befinden sich in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite eine sich festigende Inflation, auf der anderen Seite negative Realzinsen — also Leitzinsen unterhalb der Inflationsrate —, die ihrerseits stimulierend wirken und die Teuerung weiter befeuern könnten. Für die Fed unter dem designierten Vorsitzenden Kevin Warsh, dessen Amtseinführung für Freitag erwartet wird, beginnt das Mandat unter schwierigen Vorzeichen.

Erfahrene Fed-Veteranen mahnen zur Differenzierung. Der frühere Fed-Gouverneur Jeremy Stein von der Harvard University warnte auf einer Konferenz der Atlanta Fed, Warsh drohe sich in der Frage der Bilanzsumme — aktuell rund 6,7 Billionen Dollar — politisch zu verrennen. „Die Größe der Bilanz ist zu einem optischen politischen Spielball geworden“, sagte Stein. Wichtiger als das pure Volumen sei die Zusammensetzung: weg von langfristigen Anleihen, hin zu kurzfristigen Papieren. Der frühere Chicago-Fed-Präsident Charles Evans zeigte sich skeptisch gegenüber Warsh‘ Zielvorgaben für eine Bilanzreduktion um 2,5 Billionen Dollar — und nannte die dafür nötigen Schritte „ambitiös wie ein Manhattan-Projekt“.

Unternehmenskosten steigen, Kapitalmärkte reagieren

Der Druck manifestiert sich auch auf Unternehmensebene. Eine Reuters-Auswertung von 279 Unternehmensberichten aus den USA, Europa und Asien zeigt: Die direkten Kosten des Iran-Kriegs für die Wirtschaft haben bereits mindestens 25 Milliarden Dollar erreicht — Tendenz steigend.

Gleichzeitig werden die Kapitalmärkte rege genutzt, solange das Fenster noch offen ist. Merck & Co. emittierte am Montag Anleihen im Volumen von 6 Milliarden Dollar in sieben Tranchen — unter anderem einen 30-jährigen Titel mit einem Aufschlag von 73 Basispunkten gegenüber US-Staatsanleihen, deutlich weniger als die ursprünglich anvisierten 105 Basispunkte. Der Erlös soll die Finanzierung der 6,7 Milliarden Dollar teuren Übernahme von Terns Pharmaceuticals refinanzieren. Insgesamt wurden am Montag acht Investment-Grade-Anleihen mit einem Gesamtvolumen von 12,2 Milliarden Dollar begeben — ein Zeichen, dass Emittenten die aktuellen Bedingungen trotz allem noch als akzeptabel erachten.

Was bleibt

US-Präsident Trump deutete an, einen für Dienstag geplanten Militärschlag auf Iran vorerst aufzuschieben — die Märkte reagierten kurz aufatmend, die Ölpreise gaben nach. Aber Trump ließ keinen Zweifel: Ohne Einigung wären Angriffe wieder auf dem Tisch.

Ob die Renditen nachhaltig zurückkommen, hängt an wenigen Variablen: einem Rückgang der Ölpreise, wachsenden Rezessionsängsten, die Anleger in Sicherheit treiben — oder schlicht einem Preisniveau, das neue Käufer anlockt. Bis dahin bleibt der Druck auf Staatsanleihen, Aktienbewertungen und Zentralbankentscheidungen bestehen. Die Frage ist nicht mehr, ob der Markt die Lage ernst nimmt. Die Frage ist, wie ernst sie wirklich wird.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.