Der Irankrieg hat die globalen Finanzmärkte in eine neue Phase katapultiert. Anleihenrenditen klettern auf Jahres- oder Jahrzehnthochs, Zinserhöhungen werden von Investoren neu eingepreist — und was zunächst als regionaler Konflikt begann, entpuppt sich als systemischer Inflationsschock mit weltweiter Sprengkraft.
Der Kern des Problems liegt im Strait of Hormuz. Die faktische Blockade der wichtigsten Öllieferstrecke der Welt hat den Rohölpreis um über 50 Prozent in die Höhe getrieben. Was das für Verbraucher, Unternehmen und Notenbanken bedeutet, lässt sich an einem einzigen Datenpunkt ablesen: In Japan stiegen die Großhandelspreise im April um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr — der stärkste Anstieg seit drei Jahren, weit über den Markterwartungen von 3,0 Prozent. Die Importpreise legten sogar um 17,5 Prozent zu.
Notenbanken unter Zugzwang
Die Botschaft der Märkte ist eindeutig: Zinssenkungen sind vom Tisch. Im Gegenteil.
In den USA hat sich die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung in diesem Jahr innerhalb einer Woche mehr als verdoppelt — auf 45 Prozent. Die 30-jährige US-Staatsanleihe rentiert erstmals seit 2007 bei 5 Prozent, die zehnjährige Laufzeit bei 4,53 Prozent, nahe dem höchsten Stand seit einem Jahr. Schwache Auktionen diese Woche signalisierten nachlassendes Investoreninteresse — ausgerechnet in einem Moment, in dem der Staat mehr Geld braucht.
Japan steht vor einer noch schwierigeren Konstellation. Die Bank of Japan (BOJ) hielt den Leitzins im April noch bei 0,75 Prozent, drei der neun Ratsmitglieder stimmten jedoch bereits für eine Erhöhung auf 1,0 Prozent. Jetzt rechnen rund 65 Prozent der von Reuters befragten Ökonomen mit einer Zinserhöhung im Juni. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen kletterte auf ein 29-Jahres-Hoch von 2,665 Prozent.
Das eigentliche Dilemma liegt im politischen Umfeld. Premierministerin Sanae Takaichi, bekennende Befürworterin lockerer Geldpolitik, erwägt ein Zusatzbudget zur Entlastung der Haushalte — fiskalische Expansion also, genau dann, wenn die Geldpolitik eigentlich straffen müsste. „Es reicht nicht mehr für die BOJ, nur verbal vor Inflationsrisiken zu warnen“, sagte Naomi Muguruma von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities. „Es gibt tiefe Zweifel, ob die Regierung die Gefahren unkontrollierter Inflation wirklich versteht.“
Anleihenverkäufe auf breiter Front
Europa bleibt von der Verkaufswelle nicht verschont. Italienische Zehnjahresrenditen stiegen um fast 9 Basispunkte auf rund 3,87 Prozent, ein Wochenanstieg von knapp 14 Basispunkten. Deutsche Bundesanleihen rentierten mit rund 3,11 Prozent. Zweijahreszinsen, die am sensibelsten auf veränderte Zinserwartungen reagieren, legten am stärksten zu — inzwischen folgen aber auch die langen Laufzeiten, was auf Sorgen vor einem länger anhaltenden Inflationsumfeld hindeutet.
„Nicht nur die Inflation, sondern auch höhere Staatsdefizite sollten im Fokus stehen“, betonte Jefferies-Stratege Mohit Kumar. Die Regierungen weltweit dürften Treibstoffsubventionen ankündigen — das treibt die Verschuldung und hält die Renditen am langen Ende unter Druck.
In Großbritannien sorgte zusätzlich zur globalen Bondkrise die innenpolitische Lage für Verwerfungen. Die Gilts erlebten nach herben Verlusten der Labour-Partei bei Kommunalwahlen und wachsendem Druck auf Premier Keir Starmer eine echte Achterbahnfahrt — Renditen stiegen auf Jahrzehnt-Hochs.
Währungsmärkte: Carry Trades feiern ein Comeback
Während Anleihen bluten, profitiert eine andere Strategie: Der sogenannte Carry Trade — also das Ausnutzen von Zinsdifferenzen zwischen Währungen — erlebt das beste Jahr seit der globalen Finanzkrise. Citi berechnet, dass ein ungehebeltes Portfolio aus den fünf zinsstärksten G10-Währungen gegen die fünf zinsschwächsten in diesem Jahr rund 4 Prozent Rendite erzielt hat.
Der australische Dollar legte gegenüber dem Greenback knapp 9 Prozent zu, die norwegische Krone sogar 10 Prozent — beides Länder mit Leitzinsen über 4 Prozent. Der Yen dagegen schwächte sich ab, belastet durch niedrige Zinsen und hohe Energiekosten. Japan und die Schweiz fungieren weiterhin als klassische Finanzierungswährungen im Carry-Geschäft.
Was das Comeback begünstigt: Die Devisenmarktvolatilität bleibt trotz Krieg und Inflation überraschend niedrig. Die Dreimonatsvolatilität bei Euro/Dollar liegt bei rund 5,6 Prozent — weit unter dem Schock von April 2025, als Handelszölle die Nerven blanklegten. Eine tech-getriebene Aktienrally dämpft die Schwankungen.
Doch UBS-Stratege Alvise Marino differenziert: Was den Aussie antreibt, ist nicht unbedingt klassisches Carry-Trading. Australische Pensionsfonds, die US-Vermögenswerte halten, sichern ihr Dollar-Risiko nun verstärkt ab — und verdienen dabei dank hoher heimischer Zinsen sogar positiv. „Das ist eine andere Art von Carry Trade“, so Marino.
Trump, China und das Öl
Auf diplomatischer Ebene deutet sich derweil eine Bewegung an. Beim Staatsbesuch in Peking vereinbarte US-Präsident Donald Trump mit Xi Jinping nach eigenen Angaben den Kauf von 200 Boeing-Jets sowie US-Öl durch China. GE-Aerospace-Chef Larry Culp wurde am Freitag beim chinesischen Staatsplaner NDRC gesichtet — Boeing ist ein Profiteur des Deals, wenngleich Märkte enttäuscht reagierten, da rund 500 Jets erwartet worden waren.
Beim Thema Iran zeigte sich Trump ungeduldig: „Ich werde nicht viel mehr Geduld aufbringen“, sagte er in einem Fox-News-Interview. Die Meerenge von Hormuz bleibt ein Nadelöhr — nach aktuellen Angaben passieren nur rund 30 Schiffe täglich, ein Bruchteil des normalen Volumens.
Solange die Straße von Hormuz nicht wieder frei fließt, bleibt der Druck auf Energiepreise, Inflation und Zinsen bestehen. Was für Anleihen ein Alptraum ist, zwingt Notenbanken weltweit zu schmerzhaften Entscheidungen — und das Ende dieser Woche könnte erst der Anfang gewesen sein.
