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Symbolbild, KI-generiert

Anleihen diktieren das Tempo: Warsh gerät unter Druck, Europas Banken sortieren sich neu

Höhere Finanzierungskosten belasten Deutsche Bank, Airlines und BMW, während Commerzbank und UniCredit von steigenden Zinsen profitieren.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • US-Renditen erreichen mehrjährige Höchststände
  • Commerzbank profitiert vom Zinsumfeld
  • Deutsche Bank leidet unter Refinanzierungskosten
  • BMW-Aktie nahe ihrem Jahrestief

Sehr geehrte Damen und Herren,

5,033 Prozent. So hoch musste das US-Finanzministerium am Mittwoch bei einer 70-Milliarden-Dollar-Emission fünfjähriger Notes gehen, die höchste Zuteilungsrendite seit 2006 – und selbst dieser Preis fand nur mühsam Käufer. Es folgte ein Ausverkauf, der die zehnjährige US-Rendite bis Donnerstag auf 5,2 Prozent trieb, das höchste Niveau seit 2007, während die Dreißigjährige den höchsten Stand seit 2004 erreichte. Der Markt handelt hier nicht mehr nur Zinsangst. Er handelt die fiskalische Rechnung dahinter. Und diese Rechnung trifft Banken, Versicherer und Autobauer sehr unterschiedlich.

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Die fiskalische Realität unter Kevin Warsh

Der neue Fed-Chef hat seinen ersten Zinsschritt kaum verdaut, da diktiert ihm der Anleihemarkt bereits die Agenda. Am 16. September hob die Fed einstimmig auf 3,75 bis 4,00 Prozent an. Am Donnerstag versuchte das Finanzministerium gegenzusteuern und kaufte für gut 4 Milliarden Dollar 20- und 30-jährige Papiere zurück, angekündigt waren bis zu 6 Milliarden. Es half nichts: Die Renditen kletterten trotzdem auf Tageshochs, und die anschließende Siebenjahres-Auktion wurde bei einer Rekordrendite von 5,085 Prozent erneut schwach nachgefragt.

Das ist der entscheidende Befund der Woche: Interventionen an der langen Kurve verpuffen, solange nominal rund 8 Prozent Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal auf eine Inflation trifft, die seit fünfeinhalb Jahren über dem Ziel liegt – und deren Rückkehr zu 2 Prozent die Fed selbst erst für 2029 erwartet. Dazu kommt politischer Druck: Präsident Trump fordert öffentlich maximal 1 Prozent Leitzins, Warsh verteidigt die Priorität auf Preisstabilität. Die Fed-Bilanz von rund 6,7 Billionen Dollar lässt zusätzlich wenig Spielraum. Für Anleger heißt das nüchtern: Duration am langen Ende ist kein sicherer Hafen mehr, sondern die Risikoklasse dieser Woche. Wer Renten-ETFs mit langer Laufzeit hält, sollte wissen, dass der Markt inzwischen drei weitere Fed-Schritte binnen zwölf Monaten voll einpreist – Zielspanne dann 4,50 bis 4,75 Prozent – mit Absicherungen für einen vierten.

Der Sog erfasst Europa direkt. Die zehnjährige Bundrendite kletterte im Monatsverlauf über 3,6 Prozent, ein 17-Jahres-Hoch, während die Finanzagentur für 2026 eine Rekord-Kreditaufnahme des Bundes von 525,5 Milliarden Euro erwartet. Frankreichs Zehnjährige erreichte mit knapp 4,7 Prozent den höchsten Stand seit 2008; der Abstand zu Deutschland ist so breit wie seit 2012 nicht mehr. Wer den Bund-Future short hält, hatte eine gute Woche. Die eigentliche Frage ist, wie lange ein DAX-Niveau über 25.000 Punkten gegen 3,6 Prozent risikofreien Zins Bestand hat.

Fed-Rhetorik: Die Spannbreite ist die eigentliche Nachricht

Dass weitere Zinsschritte kommen, ist inzwischen Konsens und verdient nur einen kurzen Blick: Fed-Gouverneur Barr nannte am Mittwoch weitere Schritte „wahrscheinlich nötig“ und räumte ein, die Fed sei „out of position“ gewesen. New-York-Fed-Chef Williams bezeichnete am Donnerstag in London eine weitere Anhebung bis Jahresende als „angemessen“. 16 von 18 FOMC-Mitgliedern sehen mindestens einen weiteren Schritt 2026, und die Oktober-Wahrscheinlichkeit sprang laut CME FedWatch binnen eines Tages von gut 50 auf über 70 Prozent.

Interessanter ist der Dissens darüber, wie weit es geht. Deutsche-Bank-Stratege Henry Allen hält die eingepreisten rund 95 Basispunkte für historisch wenig – die 14 Fed-Zyklen seit den 1950er-Jahren brachten im Schnitt 478 Basispunkte über 22 Monate. RSM rechnet mit fünf bis sechs Schritten. Goldman-Vice-Chairman Rob Kaplan hält dagegen die Erwartungen für überzogen, sieht im Oktober eine Pause und höchstens einen Schritt im Dezember – bei einer Kern-PCE-Inflation, die zuletzt bei 3,4 Prozent lag und die Goldman bis Ende 2027 auf 2,2 Prozent fallen sieht. Zwischen „Pause“ und „500 Basispunkte“ liegt die gesamte Bewertungsfrage für Aktien. Der starke US-Einkaufsmanagerindex vom Mittwoch – Composite bei 58,4, das höchste Niveau seit Juli 2021, mit dem steilsten Anstieg der Vorleistungspreise seit vier Jahren – spricht derzeit für die Falken.

EZB: Restriktiv, aber ohne Lohndruck

In Frankfurt läuft dieselbe Debatte, nur eine Stufe leiser. Bundesbankchef Nagel erklärte zu Wochenbeginn in London, das Einlagenzinsniveau von 2,50 Prozent – angehoben am 10. September – sei neutral, ein Übergang in leicht restriktives Terrain bei anhaltend hohen Energiepreisen aber nicht ausgeschlossen. OeNB-Gouverneur Kocher schloss am Donnerstag weitere Erhöhungen ebenfalls nicht aus und verwies auf eine Konjunktur, die selbst im ungünstigsten Szenario 2027 keine Rezession bringe. Die Daten stützen das: Der deutsche Einkaufsmanagerindex sprang im September auf ein 11-Monats-Hoch von 53,8, der ifo-Index stieg am Donnerstag zum fünften Mal in Folge auf 89,9 Punkte, die OECD hob ihre Deutschland-Prognose für 2026 auf 1,1 Prozent an.

Entscheidend für die Zinsfrage ist aber Chefökonom Lane: Trotz einer Inflation über 3 Prozent im August sieht er keinen nennenswerten Lohndruck – der Arbeitsmarkt ist weniger angespannt als 2022, die Zweitrundeneffekte des Iran-Kriegs bleiben begrenzt. Der Markt preist, bereinigt um Risikoprämien, nur zwei weitere Schritte ein, mit einem Zinsgipfel 2027 knapp über 3 Prozent; HSBC datiert sie auf Dezember und Februar. Das ist die relevante Divergenz zur Fed: Die EZB kann sich einen flacheren Pfad leisten – solange die auf 70 Prozent gefüllten Gasspeicher, 16 Prozentpunkte unter dem historischen Schnitt, nicht zum Winterproblem werden. Der Euro hat das verstanden und ist unter 1,14 Dollar gerutscht.

Banken: Wer am Zins verdient, wer ihn zahlt

Genau hier trennt sich der Bankensektor. Die Commerzbank ist Zinsgewinner: Kurs bei rund 41,50 Euro, plus 27 Prozent auf Zwölfmonatssicht, 52-Wochen-Hoch von 43,34 Euro erst am 16. September erreicht. Am Donnerstag öffnete Vorstandschefin Orlopp auf der BofA-Konferenz die Governance-Frage und sprach von „Phase Null“: Die EZB-Freigabe für UniCredits Aufstockung auf knapp 50 Prozent wird Mitte Oktober erwartet, weitere Behörden-Okays bis Jahreswechsel, ein Start Anfang 2027 wird bevorzugt. Drei Optionen liegen auf dem Tisch – direkte Fusion, ein Prämienangebot an die Restaktionäre für über 90 Prozent mit Squeeze-out, oder eine umgekehrte Übernahme der UniCredit-Tochter HVB durch die Commerzbank via Aktientausch. Alle drei brauchen eine 75-Prozent-Mehrheit auf der Hauptversammlung, die bei geringer Präsenz bereits mit rund 65 Prozent Anteil erreichbar sein könnte; der Bund hält noch 12 bis 13 Prozent, ohne Sperrminorität.

Pikant: Die EZB gewährte UniCredit am 8. September den „Danish Compromise“, was die harte Kernkapitalquote um 52 Basispunkte auf rund 15 Prozent hebt – 1,6 Milliarden Euro Kapitalentlastung, die den erwarteten 200-Basispunkte-Abschlag durch die Commerzbank-Vollkonsolidierung abfedert. Die Allianz kritisiert das als Wettbewerbsverzerrung; das Bundesfinanzministerium prüft seit Mittwoch eine Verschärfung des Übernahmerechts gegen „Dumpingangebote“. Für UniCredit-Aktionäre, Kurs rund 83 Euro, plus 29 Prozent in zwölf Monaten, ist die HVB-Variante attraktiv, weil sie den Anteil ohne Prämie erhöht. Für den Commerzbank-Streubesitz bleibt das Prämienangebot der einzige Weg zu einer echten Übernahmefantasie.

Die Kehrseite zeigt die Deutsche Bank: Kurs bei rund 31,50 Euro, in 30 Tagen fast 9 Prozent verloren, im Jahresverlauf über 5 Prozent im Minus – trotz Entwarnung im Bafin/Bundesbank-Stresstest, der 1.113 kleine und mittlere Institute prüfte und deren aggregierte Kernkapitalquote im Stress um 3,8 Prozentpunkte auf 14,6 Prozent fallen sähe (die Großbanken selbst waren nicht Teil des Tests). Hier dominiert die Refinanzierungslast am Kapitalmarkt über die Zinsmarge im Einlagengeschäft. Die Lehre für Anleger: Zinsgewinner ist, wer billige Einlagen hat – nicht, wer sich am Bondmarkt refinanzieren muss.

Öl und Diesel: Die Luftfahrt zahlt den Preis des Iran-Kriegs

Brent hielt sich die Woche über der 100-Dollar-Marke und stieg am Donnerstag bis nahe 108 Dollar, ehe Berichte über einen gestuften US-Iran-Deal zur Öffnung der Straße von Hormus am Freitagmorgen etwas Druck herausnahmen. Das eigentliche Problem sitzt bei den Produkten, nicht beim Rohöl: US-Diesel notiert mit 6,51 Dollar je Gallone auf Rekordniveau, 73 Prozent über dem Stand vor Kriegsbeginn. ICE-Gasöl-Kontrakte sprangen nach Trumps Aussagen zu einem möglichen US-Diesel-Exportverbot um bis zu 7 Prozent und liegen seit Jahresbeginn über 135 Prozent im Plus.

Bernstein warnt bei Ryanair – Outperform, Ziel 30 Euro, Kurs aktuell rund 23 Euro – vor einer Verdopplung des größten Kostenblocks, sobald die Kerosin-Absicherungen auslaufen. Winter-Kapazitätskürzungen allein reichten nicht, schwächere Airlines seien bedroht. Das ist im Kern eine Konsolidierungswette: Ryanair übersteht das, Grenzanbieter nicht. Fraport bleibt bei JPMorgan mit Overweight und Kursziel 81 Euro der Branchenfavorit, dank optimistischer Barmittel- und EBITDA-Aussagen für 2027 – bei einem aktuellen Kurs von rund 62 Euro ein erhebliches Aufwärtspotenzial, falls die Passagiere trotz teurer Tickets weiterfliegen.

BMW am Sechsjahrestief: Kapitalmarkttag als Wendepunkt oder Offenbarungseid

BMW notiert bei knapp 57 Euro, keinen Euro über dem am Donnerstag markierten 52-Wochen-Tief von 56,04 Euro, und hat im Jahresverlauf 39 Prozent verloren. HSBC stufte am Mittwoch auf Hold zurück, Ziel 69 Euro. UBS bleibt neutral bei 70 Euro und erwartet für 2028 eine operative Automarge von nur 3 bis 5 Prozent gegen einen Konsens von 5,1 Prozent – die alten 8 bis 10 Prozent sieht UBS erst nach 2030 wieder erreichbar. Zur Erinnerung, wie tief der Einbruch schon war: Die Automarge im zweiten Quartal fiel von 5,4 auf 2,3 Prozent, der China-Absatz brach um fast ein Drittel ein. Berenberg hält dagegen und stuft auf Kaufen hoch, Ziel 75 Euro. Der Kapitalmarkttag am Mittwoch, 30. September, wird zeigen, ob 2,3 Milliarden Euro Einsparungen binnen zwei Jahren – davon rund 1 Milliarde jährlich aus 8.000 gestrichenen Stellen – glaubwürdig sind.

Ein Lichtblick im Sektor: Jefferies belässt Continental auf Buy, Ziel 80 Euro, weil Reifenimporte aus China im Juli um 70 Prozent einbrachen. Die EU-Antidumpingmaßnahmen wirken – und die deutsche Autoindustrie befürwortet inzwischen selbst ausdrücklich Zölle auf chinesische Fahrzeuge.

Trump trifft Xi: Symbolik für Nvidia, Substanz für niemanden

Das Staatsbankett am Donnerstagabend im Weißen Haus platzierte Nvidia-Chef Jensen Huang neben Musk, Lisa Su und Tim Cook am Haupttisch – eine Botschaft, kein Ergebnis. Die Zollwaffenruhe wurde nur um zwei Monate bis zum 10. Januar verlängert, eine Lockerung der Chip-Exportkontrollen blieb aus. Nvidia, Kurs rund 198 Euro und nahe dem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro, braucht China ohnehin weniger, als es den Anschein hat: Musk kündigte am Freitagmorgen an, das Colossus-2-Rechenzentrum nutze bereits 110.000 GB200- und 440.000 GB300-Chips, weitere 220.000 GB300 gingen in der kommenden Woche und noch einmal 220.000 im November online.

Der Gegenwind kommt von der Finanzierungsseite: Oracles Force-Majeure-Notiz zum Blue-Owl-Projekt Jupiter in New Mexico verunsicherte den Markt für KI-Infrastrukturfinanzierung. Stifel stellt klar, Force Majeure sei nicht ausgelöst, sondern nur vorsorglich in Kreditdokumente aufgenommen worden, und hält an Buy mit Kursziel 200 Dollar fest – während die Aktie bei rund 140 Dollar 54 Prozent unter Vorjahresniveau liegt. Für Nvidia-Anleger ist Oracle das Frühwarnsystem: Solange Kunden ihre Rechenzentren bezahlen, hält der Zyklus.

Das große Bild

Diese Woche hat der Anleihemarkt die Führung übernommen, nicht die Notenbanken. Wer den Zins bezahlt – Staaten, Deutsche Bank, Airlines, BMW – steht unter Druck; wer ihn kassiert – Commerzbank, UniCredit, BBVA – hält sich. Die kommenden Tage entscheiden über die nächste Runde: BMWs Kapitalmarkttag am 30. September, die EZB-Freigabe für UniCredit Mitte Oktober und die Fed-Sitzung am 27./28. Oktober, für die der Markt inzwischen über 70 Prozent Erhöhungswahrscheinlichkeit einpreist. Ob ein Hormus-Deal den Ölpreis nachhaltig unter 100 Dollar drückt, wäre der einzige Faktor, der beiden Notenbanken kurzfristig Luft verschafft. Bis dahin gilt: Wer investiert ist, sollte wissen, auf welcher Seite der Zinsrechnung sein Depot steht.

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Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.