Ams Osram hat am Dienstag Quartalszahlen vorgelegt, die mehr sind als eine Momentaufnahme. Sie sind ein Beleg dafür, dass der jahrelange Umbau des Konzerns Substanz gewinnt. Der Kurs reagierte prompt: Am Dienstag schloss die Aktie 4,20 Prozent höher bei 18,60 Euro. Für mich ist das kein Zufallsausschlag, sondern die logische Konsequenz einer Story, die sich seit Monaten verdichtet.
Zahlen, die den Konsens übertreffen
Der Umsatz im zweiten Quartal 2026 lag bei 805 Millionen Euro, der Konsens hatte 778 Millionen Euro erwartet. Die bereinigte EBITDA-Marge kletterte auf 16,9 Prozent, ebenfalls klar über der Analystenerwartung von 15,5 Prozent. Besonders bemerkenswert: Das Halbleiter-Kernportfolio wuchs währungsbereinigt um 13 Prozent. Wer die Debatte um Ams Osram in den vergangenen Jahren verfolgt hat, weiß, wie selten solche Übertreffungen in diesem Haus waren. Genau deshalb wiegt diese Zahl schwerer, als es die nackte Prozentangabe zunächst vermuten lässt.
Gleichzeitig bleibt die Kehrseite nicht aus: Der freie Cashflow lag im zweiten Quartal bei minus 119 Millionen Euro. Das Management bekräftigte das Ziel, ab dem Geschäftsjahr 2027 einen positiven freien Cashflow einschließlich Nettozinsen zu erreichen. Das ist ein Versprechen, kein erreichtes Ergebnis – und genau darin liegt für mich der Knackpunkt der gesamten Investmentthese. Ams Osram liefert operativ, aber die finanzielle Entlastung braucht noch Zeit.
Guidance mit Spielraum nach beiden Seiten
Für das dritte Quartal 2026 stellt der Konzern einen Umsatz zwischen 770 und 870 Millionen Euro in Aussicht, die bereinigte EBITDA-Marge soll zwischen 14,5 und 17,5 Prozent liegen. Diese Bandbreite ist weit – für mich ein Zeichen, dass das Management selbst noch nicht die volle Visibilität über die kommenden Monate hat. Das passt zu einem Unternehmen, das mitten im Portfolio-Umbau steckt und dessen Endmärkte, von Consumer-Elektronik bis Automobil, nicht durchgängig stabil laufen.
Strategisch hat der Konzern zuletzt wichtige Weichen gestellt. Die Meilensteine bei der Serienreife von microLED-Arrays für Augmented-Reality-Brillen und der Start der Entwicklung von Micro-Photodioden-Arrays für KI-Rechenzentren zeigen, wohin Ams Osram will: weg vom reinen Beleuchtungs- und Sensorgeschäft, hin zu photonischen Hochtechnologie-Nischen mit höheren Margen. Der auf der Hauptversammlung im Juni genehmigte neue Geschäftsbereich Digital Photonics unterstreicht diese Ausrichtung.
Parallel dazu hat der Konzern sein Portfolio bereinigt. Das Closing des Verkaufs des nicht-optischen Analog/Mixed-Signal-Sensorgeschäfts an Infineon Technologies brachte 570 Millionen Euro in bar, das CMOS-Bildsensorgeschäft ging für 40 Millionen Euro an indie Semiconductor. Eine im Mai platzierte Anleihe über 1 Milliarde Euro mit einem Kupon von 7,250 Prozent sichert die Refinanzierung ab – ein Kupon, der zeigt, dass sich der Konzern die Kapitalbeschaffung nicht billig erkauft, aber sie doch erfolgreich abgeschlossen hat. Dass der Aufsichtsrat CEO Aldo Kamper vorzeitig um fünf Jahre bis 2031 verlängert hat, lese ich als Vertrauensvotum in die eingeschlagene Richtung, nicht als Formalie.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die positiven Signale. Die Aktie hat seit Jahresbeginn um 120,90 Prozent zugelegt, notiert aber weiterhin 30,34 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 26,70 Euro – der Markt preist also längst nicht alles Positive ein, was diese Quartalszahlen liefern. Die Volatilität bleibt mit einem annualisierten Wert von 89,80 Prozent hoch, und ein RSI von 50,5 signalisiert, dass die Aktie derzeit weder überkauft noch überverkauft ist – ein neutraler technischer Befund, der die fundamentale Dynamik nicht spiegelt.
Die eigentliche Frage bleibt der Cashflow. Solange Ams Osram operativ Geld verbrennt und erst 2027 die Wende verspricht, bleibt jedes Quartal eine Bewährungsprobe. Doch die Kombination aus übertroffenen Erwartungen, klarer strategischer Fokussierung auf Zukunftsfelder wie AR-Optik und KI-Photonik sowie einer langfristig gebundenen Führung spricht dafür, dass der Konzern seinen Umbau ernst meint – und diesmal auch die Zahlen liefert, die diese Ernsthaftigkeit belegen.
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