Erzählt wird bei Amazon gerade die Geschichte einer Cloud, die im dritten Quartal 2026 um knapp 40 Prozent gewachsen ist und deren Chef für AWS eine Billion Dollar Jahresumsatz in Aussicht stellt.
Darunter läuft eine zweite Rechnung: In den zwölf Monaten bis September floss nach Investitionen deutlich mehr Geld ab als herein, und Amazon baut die Finanzierung des Ausbaus weiter aus. Wann wird aus dieser Nachfrage Geld, das tatsächlich übrig bleibt? Darüber hat die Redaktion mit Dieter Jaworski gesprochen.

Amazon (US0231351067) — Schlusskurse 07.05.2026 bis 03.11.2026, Angaben in EUR. Stand: 03.11.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Woran misst der Markt Amazon im Moment eigentlich, am Handel, an der Werbung oder an der Cloud?
Dieter Jaworski: An der Cloud, und zwar fast ausschliesslich. Wenn man jedes Segment einzeln bewertet und addiert, also die Summe der Teile bildet, kommt man auf rund 2.557 Milliarden Euro. Die Marktkapitalisierung liegt bei 2.444 Milliarden Euro.
Über 70 Prozent dieses Segmentwerts entfallen auf AWS, das 63 Prozent des operativen Gewinns erwirtschaftet. Im Kurs steckt also vor allem eine Annahme: AWS wächst weiter stark, und die gewaltigen Investitionen verzinsen sich irgendwann. Das dritte Quartal 2026 stützt den ersten Teil, AWS legte um 39,3 Prozent auf knapp 46 Milliarden Dollar zu.
Für den zweiten Teil gibt es noch keinen Beleg. Der freie Cashflow, also das Geld nach allen Investitionen, lag über die zwölf Monate bis September bei minus 42,4 Milliarden Dollar. Der Handel läuft in dieser Rechnung beinahe als Zugabe mit, und das halte ich für die eigentliche Unwucht im Bild.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie schauen auf die Cloud, aber die Werbung ist die margenstarke Nebeneinnahme. Metas Einkaufsassistent Muse hat in sechs Wochen mehr als zehn Millionen Nutzer gewonnen. Ein Agent, der selbst Preise vergleicht, umgeht genau die Produktsuche, von der Amazons Anzeigen leben. Unterschätzen Sie das nicht?
Dieter Jaworski: Ich sehe in dieser Zahl bisher nur Neugier. Zehn Millionen Neugierige ersetzen noch keinen einzigen Werbekunden. Wer behauptet, dass Muse Amazon Werbeerlöse kostet, muss mir zeigen, dass dort Käufe abgewickelt werden, die sonst über Amazons Suche gelaufen wären, und dass Händler deshalb ihre Budgets umschichten. Das hat bisher niemand belegt, auch nicht in Ihrer Frage.
Am Werbegeschäft beschäftigt mich etwas anderes stärker: die Klage der FTC und mehrerer Bundesstaaten wegen angeblich verdeckter Aufschläge bei Anzeigenauktionen. Das sind Vorwürfe, kein Urteil. Allerdings zielen sie direkt auf die Preisgestaltung, und mögliche Abhilfen könnten genau dort ansetzen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: „Zehn Millionen Neugierige ersetzen noch keinen einzigen Werbekunden“ klingt verdächtig nach der Gelassenheit, die Andy Jassy gerade selbst zur Schau stellt. Machen Sie sich da nicht zum Sprachrohr des Vorstands?
Dieter Jaworski: Kann sein, dass es so klingt. Gelassenen Vorständen glaube ich grundsätzlich wenig, mich interessiert nur, ob die Händler weiter für gute Plätze in der Suche bezahlen. Hören sie damit auf, sehe ich es in den Zahlen früher, als es jemand auf einer Bühne zugibt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Für 2026 hat das Management zahlungswirksame Investitionen von rund 220 Milliarden Dollar bestätigt. Was müsste passieren, damit sich dieser Kapitaleinsatz tatsächlich trägt?
Dieter Jaworski: AWS muss halten, was Jassy versprochen hat. Er hat für 2027 und 2028 jeweils mehr als 40 Prozent Umsatzwachstum in Aussicht gestellt. Daran hänge ich meine These. Fällt das AWS-Wachstum 2027 spürbar unter diese 40 Prozent, während die Investitionen auf diesem Niveau bleiben, muss ich umdenken.
Dann wäre der negative Cashflow kein Übergang mehr, sondern ein Dauerzustand. Wenn das passiert, dann wohl nicht wegen fehlender Chips. Rechenzentren brauchen Strom und Netzanschlüsse, und die sind standortabhängig knapp. Eine Halle, die fertig ist und nicht ans Netz kommt, verdient nichts. Hinzu kommt die Finanzierung.
Amazon hat eine besicherte Kreditfazilität offengelegt, die künftige Kreditaufnahmen ermöglicht. Gezogen wird daraus laut Quartalsbericht erst später, aber allein ihre Existenz zeigt mir, dass der eigene Mittelzufluss für dieses Tempo nicht mehr reicht. Das werte ich nicht als Alarm. Es erhöht aber den Druck, dass die 40 Prozent auch wirklich kommen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Ihr faires Niveau liegt praktisch auf dem Median-Kursziel des Analysten-Konsens mit 31 Häusern. Was ist daran noch Ihre eigene Meinung?
Dieter Jaworski: Beim Ergebnis nicht viel, das gebe ich offen zu. Ich lande bei rund 294 Euro, also dort, wo auch der Konsens steht. Mein Unterschied liegt in der Verteilung des Risikos. Der Konsens behandelt Amazon wie ein breit aufgestelltes Wachstumspaket. Ich sehe ein Qualitätsgeschäft, dessen zusätzlicher Wert an einer einzigen Stelle hängt.
Der operative Kern verdient längst sein Geld, das dritte Quartal 2026 brachte bei 28,1 Milliarden Dollar operativem Ergebnis eine Rekordmarge von 13,9 Prozent. Das ist belegt. Unbelegt ist, wann die Cloud-Investitionen Geld abwerfen. Die Spanne der Kursziele reicht von 223 bis 348 Euro, und diese Breite ist ehrlicher als der Median.
Beim Zeitpunkt des Rückflusses ist mir der Konsens zu entspannt. Beim Handel finde ich ihn eher zu zaghaft. Wer ein komplettes Thanksgiving-Menü für 25 Dollar verkauft, kauft sich Kundenbindung über den Preis. Das kann er sich nur leisten, weil die Logistik inzwischen so dicht ist.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Ihr Umdenken binden Sie an mehr als 40 Prozent AWS-Wachstum im Jahr 2027. Ist Amazon zu diesem Kurs damit eine Wette auf Jassys Zusage oder ein belegtes Qualitätsgeschäft?
Dieter Jaworski: Beides, und ich gewichte klar. Das Qualitätsgeschäft ist im heutigen Kurs ordentlich bezahlt, nicht verschenkt. Mit Prime, dem Marktplatz und der Logistik hat Amazon eine Bindung aufgebaut, die kaum ein Wettbewerber nachbauen kann.
Alles, was darüber hinausgeht, ist eine Wette auf die Zusage für 2027, finanziert mit Investitionen von 220 Milliarden Dollar allein in diesem Jahr. Diese Wette halte ich für vertretbar, weil die Nachfrage sichtbar ist. Belegt ist sie erst, wenn der freie Cashflow wieder positiv wird. Bis dahin zahlt man hier für Substanz und einen Vorschuss, und ich würde beide auseinanderhalten.
