Alphabet meldet für das zweite Quartal 2026 einen Rekordumsatz von 119,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent zum Vorjahr. Trotzdem reagiert der Markt nicht mit Jubel, sondern mit Verkäufen. Der Grund: Zum ersten Mal seit dem Börsengang 2004 weist der Konzern einen negativen freien Cashflow aus, minus 5,9 Milliarden Dollar.
Ausgelöst hat das eine gewaltige Investitionswelle. Allein im Quartal steckte Alphabet 44,9 Milliarden Dollar in den Ausbau von KI-Infrastruktur. Für das Gesamtjahr 2026 hebt der Konzern seine CapEx-Prognose nun auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an. Die Aktie schloss am Freitag bei 281,30 Euro, nach einem Rückgang von 7,19 Prozent innerhalb einer Woche.
Die entscheidende Frage
Google Cloud wächst im Rekordtempo: Der Umsatz kletterte um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar. Kann dieses Tempo eine Investitionslast von über 200 Milliarden Dollar pro Jahr rechtfertigen? Diese Frage entscheidet, ob Anleger den aktuellen Cash-Burn als notwendige Übergangsphase akzeptieren oder als Warnsignal werten.
Bull-Szenario: Die Cloud liefert bereits Beweise
Die Optimisten stützen sich auf harte Zahlen. Die operative Marge von Google Cloud sprang von 20,7 Prozent im Vorjahr auf 35,6 Prozent. Damit stammen inzwischen rund zwei Drittel des zusätzlichen operativen Gewinns aus diesem Segment.
Hinzu kommt ein Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar. Die hohen Investitionen wirken damit weniger wie eine Wette auf die Zukunft, sondern eher wie eine Reaktion auf bereits bestätigte Nachfrage.
Auch das Chartbild spricht für Käufer. Der Freitagsschluss von 281,30 Euro liegt nur 0,25 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 280,61 Euro. Mit einem RSI von 32,5 nähert sich die Aktie überverkauftem Terrain. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten von 381,19 Euro impliziert ein Potenzial von 35,5 Prozent. Wer optimistisch bleibt, argumentiert: Der Ausverkauf, der die Aktie fast 20 Prozent unter ihr Jahreshoch drückte, blende den langfristigen Wettbewerbsvorteil aus, den diese Investitionen aufbauen.
Bear-Szenario: Strukturelle Kostenlast und Regulierung
Die Kritiker sehen etwas anderes: den Beginn einer mehrjährigen Phase erhöhter Kapitalintensität, die das bisherige Bewertungsmodell des Konzerns aushebelt. Alphabet hat kürzlich 49,6 Milliarden Dollar über Eigenkapital und 20,3 Milliarden Dollar über Fremdkapital aufgenommen. Für ein Unternehmen, das sein Wachstum bislang komplett aus eigenem Cashflow finanzierte, ist das ein deutlicher Bruch mit der Vergangenheit.
Die Ratingagentur Moody’s warnt bereits, dass die addierten CapEx-Summen der großen Cloud-Anbieter von zusammen 725 Milliarden Dollar für 2026 die Kreditqualität der Branche belasten könnten. Parallel wächst der regulatorische Druck: Die EU verhängte gegen Alphabet eine Strafe von einer Milliarde Dollar, umgerechnet rund 890 Millionen Euro, wegen Verstößen gegen den Digital Markets Act.
Sollten sich die KI-Erträge nicht so schnell einstellen wie die Infrastruktur wächst, dürfte die Aktie Mühe haben, ihren 50-Tage-Durchschnitt von 315,69 Euro zurückzuerobern. Zusätzliche Brisanz bekommt das Bild durch eine Aussage des Finanzchefs: Die Ausgaben sollen 2027 weiter steigen. Der negative Cashflow könnte damit kein einmaliger Ausrutscher bleiben, sondern der Auftakt zu einer längeren Phase.
Ausblick: Zwei Wege für die Übergangsphase
Solange Google Cloud seine Wachstumsrate über 80 Prozent hält und die operative Marge über 30 Prozent bleibt, dürfte der Markt den aktuellen Cash-Burn als Preis für den Umbau zur KI-Wirtschaft akzeptieren. Verlangsamt sich das Cloud-Wachstum dagegen Richtung 40 bis 50 Prozent, während die Investitionen nahe der 200-Milliarden-Dollar-Marke verharren, spricht mehr für eine anhaltende Abwertung der Aktie zu niedrigeren Bewertungsmultiplikatoren.
Der nächste konkrete Termin: die Fed-Sitzung am 28. und 29. Juli 2026. Eine von manchen Marktteilnehmern geschätzte Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent für eine Zinserhöhung könnte die ohnehin unter Druck stehenden Bewertungen investitionsintensiver Tech-Konzerne zusätzlich belasten. Zu beobachten bleibt die Marke von 280,61 Euro, der 200-Tage-Durchschnitt. Fällt diese Unterstützung, wäre der Weg Richtung Jahrestief von 163,44 Euro theoretisch offen – auch wenn die Analystenmehrheit derzeit weiterhin auf „Kaufen“ steht. Unabhängig von der kurzfristigen Kursbewegung bleibt die Suchsparte mit über 63 Milliarden Dollar Umsatz der eigentliche Boden unter der Bewertung des Konzerns.
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