Bei ALDI Nord und ALDI Süd werden im Oktober Süßwaren, Wurst und Frischeprodukte günstiger, Lidl zieht mit eigenen Angeboten nach. Die beiden rechtlich getrennten Familienunternehmen sind nicht börsennotiert; öffentlich verfügbare Ergebniszahlen zur aktuellen Preisoffensive fehlen. Im Gespräch mit Dieter Jaworski interessiert deshalb besonders, wie belastbar der Kostenvorteil hinter den niedrigen Preisen ist.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Angenommen, die Kunden kaufen weniger ein und Lidl hält bei jeder Preissenkung mit: Was schützt ALDI dann noch?
Dieter Jaworski: ALDIs Schutz liegt im einfachen Betrieb. Ein schmales Sortiment bündelt die Bestellungen und begrenzt den Aufwand im Einkauf, in den Lagern und bei der Warenverteilung. Dieser Vorteil verschwindet bei schwacher Nachfrage nicht einfach. Gegenüber einem Vollsortimenter mit vielen unterschiedlichen Abläufen halte ich ihn für ziemlich widerstandsfähig.
Bei Lidl wird die Sache unangenehmer. Ein ebenfalls konsequent organisierter Discounter kann ALDI viel enger verfolgen. Dass Wettbewerber die Preise rasch anpassen, zeigt ALDIs Bedeutung als Preisanker. Es beweist noch lange nicht, dass ALDI dabei ordentlich verdient.
Meine Einschätzung fällt deshalb zweigeteilt aus: Die betriebliche Qualität überzeugt mich stärker als die Fähigkeit, höhere Preise durchzusetzen. Für die Ertragskraft ist genau dieser Unterschied entscheidend.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie sagen: „ALDIs Schutz liegt im einfachen Betrieb.“ Wenn Lidl diesen Betrieb ebenfalls beherrscht, beschreiben Sie dann überhaupt noch einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil?
Dieter Jaworski: Gegenüber Lidl ist der Vorsprung deutlich weniger sicher. Den Anspruch auf einen uneinholbaren Abstand würde ich ALDI nicht zugestehen.
Gegenüber den Vollsortimentern trägt das Argument wesentlich weiter. Deren breites Angebot und lokale Entscheidungsfreiheit lassen sich schwer mit ALDIs zentraler Standardisierung vereinbaren. Ein günstiges Eigenmarkenregal einzurichten ist leichter, als eine ganze Organisation auf wenige, wiederholbare Abläufe auszurichten.
Der Eigenmarkenanteil von rund 90 bis 95 Prozent unterstützt diese Mengenbündelung. Entscheidend bleibt allerdings, was von den eingesparten Kosten im Unternehmen hängen bleibt. Wandert der gesamte Vorteil über niedrigere Preise zum Kunden, hat ALDI ein starkes Angebot, doch die Eigentümer sehen davon möglicherweise wenig. Wie groß dieser Anteil tatsächlich ist, geben die gelieferten Zahlen nicht her.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Wenn höhere Löhne auf kleinere Einkäufe treffen, kann das schlanke Modell dann selbst zum Problem werden?
Dieter Jaworski: Ja, auch ein sparsam geführter Laden braucht genügend Kunden. Höhere Löhne lassen sich bei kleineren Einkäufen schwerer auffangen. Ich traue ALDI zu, diese Belastung besser auszuhalten als viele breiter aufgestellte Händler; gegen leere Läden hilft auch die beste Ordnung nur begrenzt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Eine ALDI-Aktie existiert nicht, die angegebene ISIN ist ein Platzhalter. Welche belastbare Grundlage bleibt für Ihr Urteil über den wirtschaftlichen Wert?
Dieter Jaworski: Für einen Aktienwert fehlt hier die Grundlage vollständig. Es gibt weder einen handelbaren Anteil noch einen Kurs, an dem sich eingepreiste Erwartungen ablesen ließen. Ich werde deshalb auch keinen fairen Aktienpreis erfinden.
Für die Geschäftsqualität gibt es dagegen einen greifbaren Anhaltspunkt: ALDI Süd arbeitet mit rund 1.800 Stammartikeln. Diese Begrenzung macht den Betrieb beherrschbarer und bündelt die Einkaufsmengen. Das ist für mich die stärkste konkrete Grundlage der positiven Einschätzung.
Offen bleibt die Kapitalrendite, also wie viel Gewinn das im Geschäft gebundene Kapital erwirtschaftet. Erst über mehrere Jahre ließe sich beurteilen, ob der Kostenvorteil auch bei schwacher Nachfrage einen angemessenen Ertrag trägt. Belastbare aktuelle Ergebniszahlen fehlen. Die Qualität der Abläufe kann ich begründen; einen großzügigen Unternehmenswert daraus abzuleiten wäre voreilig.
Kapitalmarktexperten Redaktion: ALDI wurde laut Kundenmonitor zum 17. Mal in Folge Preissieger. Legen Sie mit Ihrer Skepsis bei der Preissetzungsmacht nicht den falschen Maßstab an ein Unternehmen an, dessen Kunden gerade die niedrigen Preise schätzen?
Dieter Jaworski: Die entscheidende Frage lautet für mich: Kann ALDI sein Preisversprechen erfüllen und dabei dauerhaft ausreichend verdienen? Ob die Kunden niedrige Preise schätzen, steht hier kaum zur Debatte. Das Vertrauen hilft, Kunden in die Läden zu bringen. Es beantwortet die Ertragsfrage noch nicht.
Die Kampagne „Günstig ohne Bonus-App“ passt zum Geschäft: ein einfaches Versprechen, ohne zusätzliche Hürden. Das erkenne ich als Stärke an. Nur kann Lidl mit Rabatten dagegenhalten, während höhere Löhne auf beiden Seiten bezahlt werden müssen.
Meine zurückhaltende Einschätzung zur Ertragskraft müsste ich aufgeben, wenn belastbare Zahlen über mehrere Jahre zeigten, dass ALDI trotz anhaltender Preissenkungen und höherer Löhne eine robuste Kapitalrendite hält. Besonders aussagekräftig wäre eine Phase schwacher Nachfrage. Dann hätte das Unternehmen belegt, dass sein Kostenvorteil auch unter Druck genügend Gewinn übrig lässt. Dieser Beleg fehlt mir bislang.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie haben die rund 1.800 Stammartikel bei ALDI Süd als stärkste Grundlage Ihrer positiven Einschätzung genannt. Reicht dieser einfache Betrieb für Ihr Gesamturteil über die Geschäftsqualität und die Ertragskraft?
Dieter Jaworski: Für ein positives Urteil über die Geschäftsqualität reicht er zusammen mit der konsequenten Organisation aus. ALDI hat einen dauerhaften betrieblichen Vorteil, den ein Vollsortimenter nur schwer nachbauen kann. Bei der Ertragskraft bleibe ich zurückhaltend: Der Preiskampf kann einen erheblichen Teil dieses Vorteils aufzehren. Mein Urteil lautet daher: hohe betriebliche Qualität, unbewiesene Kapitalrendite unter Druck.
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