Wall Street dreht Adobe den Rücken zu. Kurz nach den Quartalszahlen folgen die Abstrafungen: Gleich mehrere Analysehäuser stufen die Aktie zurück — und das trotz eines Umsatzanstiegs von 13 Prozent auf 6,62 Milliarden Dollar im zweiten Quartal.
Freemium-Wette kostet Vertrauen
Das eigentliche Problem liegt nicht in den Zahlen der Vergangenheit, sondern in der Richtung, die das Management einschlägt. Adobe priorisiert künftig Nutzerwachstum über unmittelbare Monetarisierung — eine Freemium-Strategie, die den organischen ARR-Ausblick für die zweite Jahreshälfte um rund 480 bis 500 Millionen Dollar gedrückt hat.
Wolfe Research stufte die Aktie auf Peer Perform zurück und sieht das Quartal als „thesis changing“. Das organische Netto-Neu-ARR — ohne den Semrush-Zukauf — lag bei 560 Millionen Dollar, ein Rückgang von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wolfe nennt eine faire Bewertungsspanne von 165 bis 210 Dollar. Evercore ISI wechselt auf In Line und senkt das Kursziel auf 225 Dollar. Analyst Kirk Materne schreibt offen, er habe falsch gelegen: Eine günstige Bewertung allein reiche nicht, um Investoren durch eine Strategiekorrektur zu tragen. Stifel folgt mit einer Rückstufung auf Hold.
Immerhin: Das KI-ARR verdreifachte sich im Jahresvergleich, die monatlich aktiven Nutzer wuchsen um 70 Prozent. Doch solange sich das nicht in nachhaltiger ARR-Dynamik niederschlägt, bleibt der Beweis aus.
Doppelte Führungslücke als Belastungsfaktor
Hinzu kommt die Führungskrise. Bereits im März kündigte Langzeit-CEO Shantanu Narayen seinen Abgang an — ein Nachfolger soll möglichst bis zur Jahresplanung im Dezember feststehen. Interne Kandidaten sind David Wadhwani und Anil Chakravarthy, die Suche läuft auch extern.
Nun verlässt CFO Dan Durn das Unternehmen schon nächste Woche — er wechselt zu Marvell Technology. Übergangsweise übernimmt Steve Day den Posten. Für Analysten ist das Timing heikel: Evercore ISI erwartet keine Stimmungsverbesserung, bevor ein neues CEO-CFO-Tandem steht und operative Kontinuität beweist.
JPMorgan hält trotz allem an seiner Overweight-Einstufung fest, senkte aber das Kursziel deutlich von 420 auf 340 Dollar.
Anhebung der Jahresziele verpufft
Adobe hat seine Jahresziele angehoben: Erwartet werden nun Erlöse von 26,5 bis 26,6 Milliarden Dollar sowie ein bereinigter Gewinn je Aktie von 24,35 bis 24,45 Dollar — beides oberhalb der bisherigen Konsensschätzungen. Der bereinigte Gewinn je Aktie im zweiten Quartal lag bei 5,96 Dollar, rund 18 Prozent über dem Vorjahreswert.
Am Markt verpufften diese Signale. Die Aktie hat seit Frühjahr 2024, als noch über 600 Dollar gezahlt wurden, mehr als zwei Drittel ihres Wertes verloren. 2026 allein summierte sich der Verlust im regulären Handel bereits auf über ein Drittel — und die Downgrades vom heutigen Freitag dürften weiteren Druck erzeugen.
Wie schnell Adobe das neue Führungsduo präsentiert, wird die Stimmung maßgeblich beeinflussen. Bis dahin bleibt die Strategie-Story schwer zu greifen — für Analysten und Investoren gleichermaßen.
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