Fünf Tage vor den Zahlen zum dritten Quartal am 12. November hat T1 Energy nach eigenen Angaben mehr als 4 GW der für 2027 geplanten Kapazität unter Vertrag, zuletzt unter anderem mit Tochtergesellschaften von Avantus.
Das Modulwerk in Dallas arbeitet mit importierten Zellen, während das eigene Zellwerk in Austin noch gebaut wird. Dieter Jaworski fragt bei solchen Geschichten zuerst, was im Kurs schon als erledigt gilt, und deshalb sprechen wir mit ihm über die Lücke zwischen Unterschrift und Fabrik.

T1 Energy (US35834F1049) — Schlusskurse 12.05.2026 bis 06.11.2026, Angaben in EUR. Stand: 06.11.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Angenommen, T1 meldet am 12. November eine Produktion am oberen Ende des eigenen Ziels für 2026. Wäre dann nicht der wichtigste Zweifel ausgeräumt?
Dieter Jaworski: Ausgeräumt wäre der Zweifel, über den ohnehin jeder redet. Dass Dallas Module bauen kann, steckt längst im Kurs. Was ich kaum bepreist sehe, ist die Frage, aus welcher Zelle diese Module bestehen. Section 45X ist die US-Produktionsgutschrift, die für jedes in Amerika gefertigte Bauteil fließt. Sie ist der wirtschaftliche Hebel des ganzen Modells.
Solange Dallas eingeführte Zellen verbaut, fängt T1 nur einen Teil dieses Hebels ein und erreicht beim heimischen Wertschöpfungsanteil nicht das, womit das Unternehmen bei US-Bauherren punkten will. Ein schöner Gigawatt-Wert sagt mir deshalb wenig. Mich interessiert, wie viel Gutschrift pro verkauftem Modul tatsächlich hängen bleibt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Da machen Sie es sich zu leicht. Ende Oktober kamen Abnahmeverträge über mehr als 1,58 GW dazu, damit sind über 4 GW für 2027 gebunden. Mehr Nachfragebeweis kann ein Hersteller vor dem Hochlauf kaum liefern.
Dieter Jaworski: Dass die Nachfrage da ist, bestreite ich gar nicht. Avantus unterschreibt nicht aus Höflichkeit. Ich würde allerdings anders fragen: Was ist ein Liefervertrag wert, wenn der Kunde selbst an einer Förderfrist hängt?
Die neuen Abnahmen reichen bis in Lieferungen 2028. Solarprojekte, die nach dem 4. Juli 2026 in den Bau gehen, verlieren die Projektförderung grundsätzlich, wenn sie nach dem 31. Dezember 2027 ans Netz gehen.
Für 2027 erzeugt das einen Vorzieheffekt, das stimmt. Für 2028 erzeugt es eine Kante. Die Lieferung 2028 ist die, bei der die Kundschaft am ehesten wackelt. Und ausgerechnet dann soll die eigene Zelle aus Austin in voller Breite im Modul stecken.
Kapitalmarktexperten Redaktion: „Die Lieferung 2028 ist die, bei der die Kundschaft am ehesten wackelt.“ Das ist eine Vermutung. Sie kennen die Vertragsklauseln nicht, bauen aber Ihre Skepsis darauf. Ist das nicht genau die Art Spekulation, die Sie sonst dem Markt vorwerfen?
Dieter Jaworski: Der Punkt sitzt. Ich kenne die Klauseln nicht, und T1 hat die Verträge nur als unterzeichnet bezeichnet, ohne Preise oder Rücktrittsrechte offenzulegen. Meine Skepsis ist also eine Gewichtung und kein Befund. Die Asymmetrie finde ich trotzdem wichtig. Der Markt rechnet die Verträge praktisch zum Nennwert, ich setze einen Abschlag für das zweite Jahr an.
Woran ich mich festhalten lasse: Legt T1 bei den Zahlen oder danach offen, dass die Abnahmen für 2028 feste Pflichten zu festen Preisen sind, unabhängig davon, ob das Kundenprojekt noch gefördert wird, dann gebe ich diese Position auf. Dann wäre 2028 ein Sockel. Bis dahin bleibt es für mich das schwächste Glied der Kette.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Was bekommt man denn substanziell für 2,12 Euro je Aktie, wenn Sie die Verträge abwerten?
Dieter Jaworski: Im Kern ein Datum. Eine offizielle Prognose für Umsatz oder Marge gibt es nicht, die Gewinnrechnung trägt das Urteil also noch nicht. Die belastbarste Zahl liegt woanders.
Im zweiten Quartal 2026, also im jüngsten gemeldeten Quartal, hat T1 Steuergutschriften zu 93 Cent je Dollar verkauft. Das ist Bargeld und zeigt, dass der regulatorische Vorsprung handelbar ist. Darauf lässt sich aufbauen. Das Datum selbst ist das erste Quartal 2027, in dem Austin die ersten Zellen liefern soll.
Bis dahin überbrückt eine Ausnahmegenehmigung für Zellimporte von bis zu 1,725 GW die Versorgung von Dallas. Rutscht Austin erneut, wird die Brücke länger. Und genau so lange bleibt T1 im Wesentlichen ein Modulmonteur mit zugekauften Zellen, der in einem Massenmarkt gegen asiatische Importe antritt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Nach den Zwischenwahlen atmet die ganze Solarbranche auf. Ist das politische Risiko für T1 damit nicht spürbar kleiner geworden?
Dieter Jaworski: Ein wenig, vielleicht. Eine Wahl baut keine Fabrik, und Fristen, die schon im Gesetz stehen, verschiebt sie auch nicht. Mich hat die Erleichterung dieser Woche eher misstrauisch gemacht, weil sie sich über alle Solarwerte gleich verteilt hat. Als stünde jeder gleich nah am Ziel.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie machen alles am ersten Quartal 2027 fest, in dem die ersten Zellen aus Austin kommen sollen. Ist dieses Datum bei 2,12 Euro angemessen bepreist?
Dieter Jaworski: Für meinen Geschmack zu freundlich. Den Zugang zur Produktionsgutschrift halte ich für einen echten Vorsprung, das Verkaufen zu 93 Cent belegt ihn. Der Kurs bepreist aber vor allem das, was alle sehen: politisches Wetter und Vertragsvolumen.
Kaum bepreist sind zwei Risiken, die auf dasselbe Zeitfenster zielen, nämlich ein weiterer Verzug in Austin und die Förderkante Ende 2027 bei der Kundschaft. Treffen beide zusammen, fällt das Jahr 2028 aus der Rechnung, auf die sich die Fantasie stützt.
Dass Trina im Mai Aktien abgegeben hat, lese ich als Rückzug eines Finanzpartners, mehr nicht. Ich warte auf die erste Zelle aus Austin. Vorher ist mir dieses Datum zu teuer.
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