Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
ein Umsatzplus von 115 Prozent, ein Gewinnsprung von 140 Prozent und eine solide Prognose. Die Börse antwortete auf diese Zahlen mit einem Abverkauf. Credo Technology hat Anfang September den Bericht zum ersten Quartal seines Geschäftsjahres 2027 vorgelegt. Seither steht die Aktie unter Druck. Innerhalb eines Monats verlor sie rund ein Fünftel ihres Werts.
Der Fall Credo folgt einem Muster, das Anleger bei Wachstumswerten immer wieder erleben. Gute Zahlen reichen nicht, wenn der Markt sehr gute erwartet hat. Für langfristig orientierte Investoren lohnt deshalb ein genauer Blick auf die Hintergründe. Entscheidend ist, ob die Schwäche auf einem schwächeren Geschäft beruht oder nur auf enttäuschten Hoffnungen.
Credo-Aktie: Die Falle der hohen Erwartungen
Zunächst die Fakten. Im Quartal bis zum 1. August erzielte Credo einen Umsatz von 479 Millionen US-Dollar. Das waren 9,6 Prozent mehr als im Vorquartal und knapp 115 Prozent mehr als vor einem Jahr. Damit wuchs das Unternehmen zum siebten Mal in Folge dreistellig. Der bereinigte Nettogewinn kletterte auf 236,3 Millionen Dollar. Je Aktie verdiente Credo bereinigt 1,20 Dollar nach 0,52 Dollar im Vorjahr.
Auch der Ausblick fiel ordentlich aus. Für das zweite Quartal stellt das Management Erlöse zwischen 525 und 535 Millionen Dollar in Aussicht. Für das gesamte Geschäftsjahr erwartet Credo ein Umsatzwachstum von mehr als 85 Prozent.
Das Problem lag im Ausmaß der Überraschung. Die Erlöse übertrafen die Konsensschätzungen nur um gut 1,5 Prozent. Nach einer langen Serie kräftiger Prognoseanhebungen hatten viele Investoren deutlich mehr erwartet. Hinzu kamen Details, die Skeptikern Argumente lieferten.
Drei Gründe für die Nervosität
Der erste Grund betrifft die Marge. Die Bruttomarge nach dem Rechnungslegungsstandard GAAP sank auf 64,5 Prozent. Bereinigt um Sondereffekte lag sie bei 68 Prozent. Für das laufende Quartal peilt das Management bereinigt 67 bis 69 Prozent an. Eine Anhebung blieb damit aus. Gleiches gilt für das Ziel im Optikgeschäft. Hier hält Credo an mehr als 600 Millionen Dollar Umsatz im Geschäftsjahr fest.
Der zweite Punkt ist die Kundenkonzentration. Die beiden größten Abnehmer standen im Quartal für 61 Prozent der Erlöse. Die vier größten Kunden kamen zusammen auf 84 Prozent. Credo hängt damit stark am Investitionsverhalten weniger Hyperscaler. So nennt die Branche die Betreiber riesiger Cloud-Rechenzentren wie Amazon, Microsoft oder Meta.
Der dritte Faktor sind die Lagerbestände. Sie stiegen gegenüber dem Vorquartal um 62,2 Millionen auf 313,1 Millionen Dollar. Mehr als 60 Prozent davon entfielen auf fertige Produkte. Wachsende Lager wecken bei Halbleiterwerten schnell die Sorge vor einer abflauenden Nachfrage.
Lagerbestände als strategische Reserve
Bei genauerer Betrachtung relativieren sich einige dieser Punkte. Die Fertigungskapazitäten für moderne Chips bei Auftragsfertigern wie TSMC sind knapp. Marktteilnehmer gehen davon aus, dass Credo sich bewusst Kapazitäten für bis zu zwei Jahre im Voraus gesichert hat. Wer schnell wachsen will, kann sich leere Regale nicht leisten. Ein höherer Lagerbestand passt daher zu einem Unternehmen, das mit weiter steigenden Bestellungen rechnet.
Auch der Margendruck hat eine nachvollziehbare Ursache. Credo investiert massiv in neue Produkte. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen im Quartal um 118 Prozent auf 114,5 Millionen Dollar. Für das Gesamtjahr kalkuliert das Management mit rund 55 Prozent höheren bereinigten Betriebskosten. Das belastet kurzfristig die Profitabilität. Gleichzeitig legt es die Basis für die nächste Wachstumsphase.
Wie schnell Credo zuletzt gewachsen ist, zeigt der Mehrjahresvergleich. Im Geschäftsjahr 2024 setzte das Unternehmen 193 Millionen Dollar um. Zwei Jahre später waren es 1,335 Milliarden Dollar. Das entspricht annähernd einer Versiebenfachung.
Optik wird zum zweiten Standbein
Seinen Aufstieg verdankt Credo bislang vor allem aktiven Kupferkabeln, den sogenannten AECs. Sie verbinden Server und Netzwerk-Switches innerhalb von KI-Rechenzentren. Dieses Geschäft bleibt der größte Umsatzbringer. Die nächste Generation mit einer Bandbreite von 1,6 Terabit pro Sekunde soll in der zweiten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres erste Umsätze liefern. Den breiten Hochlauf erwartet Credo im Geschäftsjahr 2028.
Parallel baut das Unternehmen ein zweites Standbein auf, die optische Datenübertragung. Dabei transportieren Lichtsignale die Daten schneller und über größere Distanzen als Kupfer. Im April kündigte Credo die Übernahme des israelischen Spezialisten DustPhotonics an. Der Kaufpreis betrug 750 Millionen Dollar in bar plus rund 0,92 Millionen eigene Aktien. Bei Erreichen bestimmter Ziele können weitere 3,21 Millionen Aktien fließen. Ende Mai war die Transaktion abgeschlossen.
DustPhotonics entwickelt Chips auf Basis der Silizium-Photonik. Diese bündeln mehrere optische Funktionen auf einem einzigen Baustein. Das senkt die Kosten und verbessert die Ausbeute in der Produktion. Mit der Übernahme deckt Credo nach eigenen Angaben die gesamte Kette ab, von der Signalverarbeitung bis zur Systemintegration.
Erste Erfolge sind bereits sichtbar. Im ersten Quartal verbuchte Credo die ersten Umsätze mit den neuen Photonik-Chips. Zudem gewann das Unternehmen nach Angaben des Managements zwei große Kunden für Projekte, die im Geschäftsjahr 2028 anlaufen sollen. Erfahrung mit Zukäufen hat Credo bereits gesammelt. Mit Hyperlume und CoMira Solutions wurden zuvor zwei kleinere Spezialisten übernommen.
Bewertung der Credo-Aktie nach dem Rückschlag
Nach dem Kursrückgang hat sich das Bewertungsbild verschoben. Zuletzt wurde die Aktie mit etwa dem Elffachen des erwarteten Umsatzes bewertet. Das ist kein Schnäppchen im klassischen Sinne. Im Verhältnis zum Wachstumstempo erscheint das Niveau aber vertretbar. Einige Marktbeobachter halten die Aktie inzwischen sogar für deutlich unterbewertet. Sie verweisen auf das Verhältnis von Bewertung zu erwartetem Gewinnwachstum, das sogenannte PEG-Verhältnis.
Gleichzeitig sollten Anleger die Risiken nicht unterschätzen. Die Abhängigkeit von wenigen Großkunden bleibt die offene Flanke. Drosselt einer der großen Cloud-Konzerne seine Investitionen, würde Credo das unmittelbar spüren. Zudem muss sich die Optikstrategie erst im großen Maßstab bewähren. Der Wettbewerb in diesem Segment ist intensiv, und die Integration von DustPhotonics birgt Ausführungsrisiken.
Am Ende hängt viel an der Investitionsbereitschaft der Hyperscaler. Solange die großen Cloud-Konzerne ihre Rechenzentren im bisherigen Tempo ausbauen, bleibt Credos Nachfragebasis intakt. Verlangsamt sich dieser Ausbau, dürfte die Aktie zu den ersten Verlierern zählen.
Fazit: Der Markt bestraft Normalität
Credo zeigt, wie hoch die Messlatte für die Gewinner des KI-Booms inzwischen liegt. Ein Quartal mit mehr als 100 Prozent Wachstum wurde als Enttäuschung gewertet. Operativ hat sich am Kern der Geschichte wenig geändert. Das Kupfergeschäft wächst weiter, und die Optik entwickelt sich zum zweiten Wachstumsmotor.
Für Anleger liegt die Lehre in der Unterscheidung zwischen Kursbewegung und Geschäftsentwicklung. Wer beides verwechselt, verkauft gute Unternehmen oft im falschen Moment. Der nächste Prüfstein folgt im Dezember mit den Zahlen zum zweiten Quartal. Dann zeigt sich, ob Credo die Erwartungen wieder deutlicher übertrifft. Gelingt das, dürfte der Markt den jüngsten Rückschlag schnell neu bewerten.
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