Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Broadcom hat vergangene Woche Zahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2026 vorgelegt. Der Umsatz stieg um 86 Prozent auf 29,6 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn legte um 92 Prozent zu. Die Sparte für KI-Halbleiter wuchs um 221 Prozent. Und die Aktie gab am Tag danach um mehr als drei Prozent nach.
Diese Ausgabe dreht sich um diesen Widerspruch. Ein Unternehmen legt Rekordzahlen vor und wird abgestraft. Der Grund liegt in einem einzigen Detail der Prognose, und er sagt viel darüber aus, wie empfindlich der Markt gerade auf jede Enttäuschung reagiert.
Broadcom liefert Rekordzahlen ohne Debatte
Beginnen wir mit den Fakten. Broadcom meldete für das im August beendete Quartal 29,6 Milliarden Dollar Umsatz. Das ist der höchste Wert der Firmengeschichte. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 3,32 Dollar und damit über der Konsensschätzung von 3,24 Dollar. Der operative Gewinn kletterte auf 20,1 Milliarden Dollar, was einer operativen Marge von 68 Prozent entspricht.
Der Treiber ist das KI-Geschäft. Die Umsätze mit KI-Halbleitern erreichten 16,7 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von 221 Prozent, gegenüber dem Vorquartal von 54 Prozent. Damit machten KI-Chips erstmals mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes aus. Die gesamte Halbleitersparte wuchs um 127 Prozent.
Auch das ruhigere Standbein lieferte. Die Infrastruktursoftware, im Wesentlichen das übernommene VMware-Geschäft, erzielte 8,8 Milliarden Dollar. Das ist ein Zuwachs von 29 Prozent. Dieser Bereich wird an der Börse gern übersehen, steuert aber knapp ein Drittel der Erlöse bei und liefert stabile, wiederkehrende Einnahmen.
Der Unterschied liegt im kundenspezifischen Chip
Das Tempo dieser Zahlen erklärt sich aus dem Geschäftsmodell. Während Nvidia Standardchips für den breiten Markt verkauft, entwickelt Broadcom gemeinsam mit einzelnen Großkunden maßgeschneiderte Prozessoren, im Fachjargon XPUs genannt. Diese Chips sind exakt auf die Rechenaufgaben eines bestimmten Auftraggebers zugeschnitten.
Die Kundenliste ist außergewöhnlich. Broadcom entwickelt Chips für Google, Meta, OpenAI und Anthropic. Das Management sprach von beschleunigten Auslieferungen an Anthropic, einem hochvolumigen Anlauf der nächsten TPU-Generation bei Google und laufenden Lieferungen an OpenAI. Meta bringt seinen eigenen Beschleuniger namens MTIA in die Produktion.
Diese Programme produzieren bereits oder fahren gerade hoch. Sie liegen also weit jenseits der üblichen Absichtserklärungen. Ihre Sichtbarkeit erklärt, warum Broadcom sich traut, Zahlen für zwei Jahre in die Zukunft zu nennen.
Die Prognose bis 2028 ist der eigentliche Kern
Von früheren Broadcom-Ausgaben unterscheidet sich diese durch den Blick nach vorn. Das Management hat das laufende Jahr auf nun 58 Milliarden Dollar KI-Umsatz angehoben. Darüber hinaus hat es eine Wegmarke für die kommenden Jahre gesetzt, die selten so konkret ausgesprochen wird.
Firmenchef Hock Tan erwartet für das Geschäftsjahr 2027 einen KI-Umsatz von 115 Milliarden Dollar. Für 2028 sollen es 230 Milliarden Dollar sein. Das bedeutet eine Verdopplung in jedem der beiden Jahre. Die Begründung verdient Aufmerksamkeit. Diese Zahlen beruhen laut Management auf konkreten Einsatzplänen der Kunden und der verfügbaren Lieferkapazität, nicht auf allgemeinen Marktschätzungen.
Ein Rechenbeispiel macht die Größenordnung greifbar. Broadcom kalkuliert pro Gigawatt an KI-Rechenleistung mit einem Halbleiterinhalt von 20 bis 30 Milliarden Dollar. Der einzige Wachstumstreiber ist damit die Zahl der real gebauten Gigawatt. Allein Anthropic soll von rund einem Gigawatt im laufenden Jahr auf weitere fünf Gigawatt im Jahr 2027 wachsen. Für 2028 zeichnet sich ein zusätzlicher Bedarf von zehn Gigawatt ab.
Broadcom verdient dabei nicht nur am Rechenchip. Das Unternehmen liefert auch die Netzwerktechnik, die diese riesigen Rechencluster verbindet. Die Tomahawk-Switches kommen inzwischen selbst bei Kunden zum Einsatz, die ihre Rechenchips woanders kaufen. Broadcom kann also an mehreren Schichten derselben Infrastruktur verdienen.
Warum die Bewertung schrumpft und der Kurs trotzdem fällt
Kommen wir zurück zum Widerspruch aus der Einleitung. Der Auslöser für den Kursrutsch war die Prognose für das laufende vierte Quartal. Broadcom stellte 34,8 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht, der Konsens lag bei rund 35 Milliarden. Diese Lücke von weniger als einem Prozent genügte, um bei einer hoch bewerteten Aktie Verkäufe auszulösen.
Nach klassischen Vermögensmaßstäben ist Broadcom teuer. Das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz liegt über dem 17-Fachen. Wer eine Aktie nach ihrem Buchwert beurteilt, findet hier nichts Attraktives. Das Bild dreht sich, sobald man auf die Gewinne blickt.
Auf Basis der für 2026 erwarteten Gewinne handelt die Aktie beim 31,8-Fachen. Für 2027 sinkt dieser Wert auf das 18,9-Fache, für 2028 auf das 14-Fache. Der Grund für diese schnelle Verbilligung ist die operative Hebelwirkung. Der Umsatz wuchs um 86 Prozent, der operative Gewinn aber um 92 Prozent. Broadcom baut das Geschäft aus, ohne die Kostenstruktur im gleichen Tempo mitwachsen zu lassen.
Ein Maß fasst das zusammen. Das PEG-Verhältnis setzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis ins Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum. Ein Wert unter eins gilt als günstig. Broadcom kommt auf 0,67, während der Branchenschnitt bei 1,17 liegt. Man zahlt hier also spürbar weniger pro Einheit Wachstum als beim typischen Halbleiterkonzern.
Zum fundamentalen Anlass kommt die Charttechnik. Die Aktie hatte im Juni bei rund 480 Dollar ein Hoch markiert und seitdem deutlich verloren. Anfang September notierte sie um die 355 Dollar und damit unter ihrer 200-Tage-Linie, einer viel beachteten Marke für den längerfristigen Trend. In einer solchen Verfassung treffen enttäuschende Nachrichten auf ohnehin nervöse Anleger. Die Zahlen waren exzellent, doch die Aktie war charttechnisch bereits angeschlagen.
Das Klumpenrisiko bleibt der wunde Punkt
So überzeugend die Wachstumsgeschichte ist, ein Risiko sollte man nicht ausblenden. Der Löwenanteil der Nachfrage kommt von einer kleinen Gruppe von Unternehmen, die gerade ihre nächsten KI-Modelle bauen. Broadcoms KI-Sparte hängt damit an den Investitionsplänen einer Handvoll Kunden.
Ändern diese ihre Ausgaben, und das kann rasch geschehen, dann ändert sich auch Broadcoms Umsatzkurve. Dieses strukturelle Risiko hat zuletzt kleinere Zulieferer wie Credo und Marvell hart getroffen. Auch die Größe und Finanzkraft der Kunden hebt es nicht auf.
Ein zweiter Punkt betrifft die Marge. Für das laufende Quartal erwartet Broadcom eine operative Marge von 66 Prozent statt der aktuellen 68 Prozent. Das Management führt dies auf den Produktmix zurück, was plausibel klingt. Sollte der Wert aber weiter schwanken, während das margenschwächere Chipgeschäft wächst, könnte die Gewinnhebelwirkung leiden.
Fazit
Bei Broadcom trifft ein selten gesehenes Wachstumsprofil auf einen Markt, der auf die kleinste Enttäuschung überempfindlich reagiert. Der Kursrutsch entzündete sich an einer Prognoselücke von unter einem Prozent. Für den langfristig orientierten Anleger verschiebt das die Perspektive. Trifft die Prognose des Managements auch nur annähernd ein, dann handelt die Aktie in einem Jahr beim 19-Fachen der Gewinne. Für einen führenden Anbieter kundenspezifischer Chips ist das ein moderater Preis, und der jüngste Rückschlag macht ihn nicht teurer.
Enttäuscht der Ausbau dagegen deutlich, dann liegt der Schmerz bei den Vermögensmaßstäben. Die entscheidende Kennzahl steht damit nicht in Broadcoms Bilanz, sondern in den Investitionsplänen von Google, Meta, OpenAI und Anthropic. Wer Broadcom einschätzen will, sollte deren Kapitalbudgets genauer verfolgen als die Prognosen aus Palo Alto selbst.
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