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Alphabet: Warum der Markt die eigentliche Geschichte übersieht

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

am 22. Juli meldete Alphabet Quartalszahlen, die eigentlich zum Feiern einluden. Der Umsatz stieg um 24 Prozent auf 119,8 Milliarden Dollar. Google Cloud legte um 82 Prozent zu. Trotzdem verlor die Aktie kurzzeitig bis zu sieben Prozent. Der Grund war eine einzige Zahl, die viele Marktteilnehmer aus dem Zusammenhang gerissen haben. Genau darin liegt die Chance, die ich Ihnen heute zeige.

Der freie Cashflow als Schreckgespenst

Zum ersten Mal seit dem Börsengang rutschte der freie Cashflow von Alphabet ins Minus, auf rund 5,9 Milliarden Dollar. Für ein Unternehmen, das jahrzehntelang für seine Geldmaschine bekannt war, klingt das dramatisch. Auf den zweiten Blick relativiert sich das Bild jedoch deutlich.

Alphabet beendete das Quartal mit 242,5 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln und marktgängigen Wertpapieren. Dem stehen langfristige Schulden von rund 98 Milliarden Dollar gegenüber. Es bleibt also eine Nettoliquidität von gut 144 Milliarden Dollar. Gemessen an dieser Ausgangslage ist der negative Cashflow eines einzelnen Quartals eher eine Rundungsgröße als ein struktureller Bruch.

Entscheidend ist die Ursache. Der Cashflow kippte nicht wegen schwacher Geschäfte, sondern wegen hoher Investitionen. Die Investitionsausgaben stiegen im zweiten Quartal auf 44,9 Milliarden Dollar und verdoppelten sich damit gegenüber dem Vorjahr. Wer die Größenordnung dieser Summe kennt, versteht schnell, wohin das Geld fließt.

Google Cloud liefert den Beweis

Der Großteil dieser Investitionen fließt in Rechenzentren und KI-Infrastruktur, und damit in das am schnellsten wachsende Segment des Konzerns. Google Cloud steigerte den Umsatz um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis der Sparte verdreifachte sich auf 8,8 Milliarden Dollar. Die operative Marge kletterte von 20,7 auf 35,6 Prozent.

Noch aussagekräftiger ist der Auftragsbestand. Er wuchs sequenziell um mehr als 50 Milliarden Dollar auf 514 Milliarden Dollar. Das sind vertraglich zugesagte, aber noch nicht verbuchte Umsätze. Diese Zahl liefert eine seltene Klarheit über künftige Erlöse. Ein Unternehmen, das über eine halbe Billion Dollar an gebuchtem Geschäft vor sich herträgt, muss investieren, um diese Nachfrage überhaupt bedienen zu können.

Genau hier setzt das Missverständnis vieler Marktbeobachter an. Sie behandeln hohe Investitionen als Warnsignal. In diesem Fall sind sie das Gegenteil. Alphabet gibt Geld aus, weil die Nachfrage vorhanden und vertraglich gesichert ist. Würde der Konzern die Investitionen halbieren, entstünde rechnerisch sofort ein deutlich positiver freier Cashflow. Die Ausgaben sind also eine Entscheidung, kein Zwang.

Die angehobene Capex-Prognose und ihre Botschaft

Finanzchefin Anat Ashkenazi hob die Investitionsprognose für das laufende Jahr auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an. Zuvor lag die Spanne bei 180 bis 190 Milliarden Dollar. Für 2027 kündigte sie einen weiteren, deutlichen Anstieg an. Diese Aussicht auf noch höhere Ausgaben verunsicherte viele Anleger.

Die Begründung des Managements ist jedoch nachvollziehbar. Ein wesentlicher Treiber sind stark gestiegene Preise für hochwertigen Speicher, konkret für High-Bandwidth-Memory. Neue Kapazitäten kommen frühestens Ende 2027 in nennenswertem Umfang auf den Markt. Eine spürbare Entlastung bei den Preisen ist erst 2028 zu erwarten. Höhere Kosten pro Recheneinheit führen zwangsläufig zu höheren Investitionen für dieselbe Kapazität.

Ashkenazi betonte zugleich, dass Alphabet weiter investiert, solange die Rendite attraktiv bleibt. Der Konzern arbeitet in einem Umfeld, das sie als angebotsbeschränkt beschreibt. Die Nachfrage übersteigt das Angebot, nicht umgekehrt. Für Q3 kündigte das Management zudem einen leichten Margendruck in der Cloud an, weil vorübergehend Kapazität von Drittanbietern zugekauft wird. Das ist eine Brücke, keine Dauerlösung.

Die Bewertung erzählt eine eigene Geschichte

Trotz dieses Wachstums ist die Aktie vergleichsweise günstig bewertet. Alphabet wächst beim Umsatz mit über 20 Prozent, während der breite Markt sich mit einstelligen Raten begnügt. Auch beim Gewinn liegt der Konzern deutlich vor dem Durchschnitt. Dennoch handelt die Aktie mit einem spürbaren Abschlag gegenüber dem Gesamtmarkt, sowohl auf Basis der vergangenen zwölf Monate als auch auf Basis der erwarteten Gewinne.

Diese Diskrepanz ist der Kern der Anlagethese. Ein schneller wachsendes, hochprofitables Unternehmen mit einer der stärksten Plattformen der Branche wird niedriger bewertet als der Durchschnitt langsamer wachsender Firmen. Solche Bewertungslücken schließen sich selten sofort, aber sie schließen sich oft.

Waymo als versteckter Werttreiber

Ein Aspekt bleibt in der öffentlichen Diskussion meist außen vor. Innerhalb des Alphabet-Verbunds steckt mit Waymo ein Geschäft, dessen Wert kaum in der Aktie abgebildet ist. Auf der Telefonkonferenz zum zweiten Quartal fragten Analysten gezielt nach einer möglichen Abspaltung. Konzernchef Sundar Pichai blieb zurückhaltend und verwies auf den Fokus, das Geschäft zunächst zu skalieren.

Eine Abspaltung würde verborgenen Wert freisetzen, denn der Robotaxi-Bereich wird im Alphabet-Verbund weit weniger hoch bewertet als vergleichbare Anbieter am Markt. Ein solcher Schritt würde zudem den freien Cashflow stärken, weil Investitionen in die Sparte der sonstigen Wetten sinken würden. Ein Zeitpunkt steht nicht fest, doch Marktteilnehmer sehen einen möglichen Rahmen bis Ende 2027.

Der Abgang der Köpfe

Ein Risiko will ich nicht verschweigen. Erst diese Woche verkündete Google einen Umbau an der Spitze der KI-Forschung. Chefwissenschaftler Jeff Dean und Senior Fellow Sanjay Ghemawat verlassen den Konzern nach 27 Jahren, um mit weiteren Forschern das unabhängige Unternehmen Discovery Loop zu gründen. Zugleich zieht sich DeepMind-Chef Demis Hassabis aus dem Tagesgeschäft zurück. Die Aktie gab auf die Nachricht nach.

Solche Abgänge sind ernst zu nehmen, gerade im Wettlauf um die besten KI-Modelle. Zugleich ist Wissen dieser Art selten auf einzelne Personen beschränkt. Google bleibt Gründungsinvestor bei Discovery Loop und übernimmt die Rechenkapazität. Der Wechsel wirkt geordnet, nicht wie ein Bruch. Und er berührt den Auftragsbestand der Cloud von 514 Milliarden Dollar nicht.

Was bleibt

Alphabet liefert wieder Anschauungsmaterial, wie eine einzige Zahl eine ganze Anlagegeschichte verzerren kann. Der negative Cashflow ist kein Warnsignal, sondern die Folge einer bewussten Investitionsentscheidung in das am schnellsten wachsende Segment. Wer hinter die Schlagzeile blickt, sieht ein Unternehmen mit gesicherter Nachfrage, robuster Bilanz und einem Bewertungsabschlag, der zum Wachstum nicht passt. Genau solche Momente, in denen der Markt kurzfristig überreagiert, trennen den aufmerksamen Anleger vom Herdentrieb.

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Carsten Müller

Senior Kapitalmarktanalyst & Finanzpublizist

Expertise: Fundamentalanalyse globaler Kapitalmärkte | Zukunftstechnologien | Strategische Asset-Allokation

Profil

Mit drei Jahrzehnten Kapitalmarkterfahrung gehört Carsten Müller zu den führenden Finanzanalysten im deutschsprachigen Raum. Der Berliner Kapitalmarktexperte verfügt über fundierte Kenntnisse in der Bewertung internationaler Aktien- und Anleihemärkte und hat sich insbesondere auf die Identifikation langfristiger Megatrends spezialisiert.

Seine Analysemethodik basiert auf einem bewährten Zweisäulenmodell: Fundamentale Unternehmensanalyse kombiniert mit präzisen Timing-Strategien. Dieser integrative Ansatz ermöglicht es ihm, strukturelle Wachstumschancen frühzeitig zu identifizieren und optimal zu nutzen.

Berufliche Stationen

Nach seinem Einstieg in die Finanzbranche bei der n-tv Telebörse prägte er maßgeblich die redaktionelle Ausrichtung führender Börsenpublikationen. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet er heute mehrere Fachpublikationen, darunter den renommierten Börsendienst "Future Money", der sich auf disruptive Technologien und deren Kapitalmarktpotenzial fokussiert.

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  • Strukturelle Wachstumstrends und Megatrends
  • Technologieaktien und Innovationsführer
  • Zinsentwicklung und Anleihestrategie
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  • KI, Cybersecurity und digitale Transformation

Publikationsformate

Neben seiner analytischen Tätigkeit vermittelt Carsten Müller Kapitalmarktwissen in verschiedenen Formaten. Sein Podcast "Papa, erklär mal Börse" überbrückt generationenübergreifend die Kluft zwischen komplexer Finanztheorie und praktischer Anwendung. Diese Kombination aus tiefgreifender Expertise und verständlicher Kommunikation macht ihn zu einem gefragten Experten für institutionelle und private Anleger.