Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
im Frühsommer stand Broadcom auf einem Allzeithoch. Anfang Juni markierte die Aktie ihren Rekord. Seither ging es Woche für Woche bergab, bis zurück auf die 200-Tage-Linie. Das war kein plötzlicher Crash, sondern ein zäher, mehrere Wochen langer Rückgang. Der Wertverlust summiert sich auf rund ein Viertel.
Das Bemerkenswerte daran ist der Widerspruch. Während der Kurs sank, wurden die Geschäftszahlen besser. Der Auftragsbestand im KI-Geschäft erreichte neue Höchststände. Wer diese Lücke zwischen Kursverlauf und Auftragslage versteht, erkennt hier mehr als eine gewöhnliche Korrektur.
Warum die Broadcom-Aktie hinter dem Markt zurückblieb
Die Erklärung liegt in einer einzigen Kennzahl. Broadcoms Bruttomarge schrumpfte im zweiten Geschäftsquartal um 230 Basispunkte gegenüber dem Vorjahr. Sie fiel auf 77,1 Prozent. Für die Prognose des laufenden Quartals nannte das Management einen noch niedrigeren Wert, rund 74 Prozent. Der Markt reagierte nervös. Sinkende Margen gelten als Warnsignal, weil sie oft auf schwindende Preismacht hindeuten.
In diesem Fall greift der Reflex zu kurz. Eine Marge von über 70 Prozent ist für einen Chipkonzern bereits außergewöhnlich hoch. Der Rückgang stammt nicht aus Preisdruck, sondern aus dem eigenen Wachstum. Broadcom muss enorme Auftragsvolumina abarbeiten. Jede Expansion dieser Größenordnung verursacht kurzfristig zusätzliche Kosten. Diese Kosten drücken die Marge, bevor sich der Umsatz voll auszahlt.
Marktbeobachter deuten die Kursschwäche deshalb als Überreaktion. Die Aktie legte im laufenden Jahr nur einstellig zu. Das steht in keinem Verhältnis zum verbesserten Wachstumsprofil. Genau dieser Abstand zwischen Substanz und Kurs macht die Lage interessant.
Das KI-Geschäft von Broadcom übertrifft alle Erwartungen
Ein Blick auf die jüngsten Zahlen zeigt die Dimension. Broadcom meldete im zweiten Quartal einen Konzernumsatz von 22,19 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um mehr als 54 Prozent. Beide Werte lagen über den Erwartungen der Analysten, wenn auch nur knapp.
Der Kern des Geschäfts ist das Halbleitersegment. Es steuerte rund 15 Milliarden Dollar bei, etwa zwei Drittel des Gesamtumsatzes. Innerhalb dieses Segments stammten rund 72 Prozent aus dem KI-Geschäft. Dort betrug das Wachstum sagenhafte 143 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die wahre Geschichte steht in den Auftragsbüchern. Broadcom lieferte im Quartal KI-Chips für 10,8 Milliarden Dollar aus. Im selben Zeitraum gingen aber neue KI-Bestellungen über mehr als 30 Milliarden Dollar ein. Das Verhältnis von Auftragseingang zu Auslieferung liegt damit bei etwa drei zu eins. Ein solcher Wert gehört zu den besten der gesamten Branche. Er bedeutet, dass die Nachfrage schneller wächst als die Lieferfähigkeit.
Für das laufende Quartal peilt das Management 16 Milliarden Dollar KI-Umsatz an. Das wäre eine erneute Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtumsatz soll auf 29,4 Milliarden Dollar klettern. Manche Marktteilnehmer hatten sich sogar noch etwas mehr erhofft. Diese leichte Enttäuschung trug zur Kursschwäche bei. Am Grundbild ändert sie nichts.
Die Partnerschaften hinter Broadcoms Auftragsberg
Der Auftragsberg speist sich aus einer Handvoll großer Kunden. Broadcom entwirft für sie maßgeschneiderte Chips, sogenannte kundenspezifische Halbleiter. Diese Bausteine erledigen genau eine Aufgabe, dafür aber besonders effizient. Genau das brauchen die Betreiber riesiger KI-Rechenzentren.
Anthropic hat seine Vereinbarung deutlich ausgeweitet. Aus ursprünglich einem Gigawatt Rechenleistung für das Jahr 2027 wurden fünf Gigawatt. Beobachter halten allein aus dieser Partnerschaft Milliardenumsätze für Broadcom in den kommenden Jahren für möglich. Das Volumen zeigt, welche Summen im Aufbau der KI-Infrastruktur stecken.
OpenAI zog nach. Der ChatGPT-Betreiber schloss eine Vereinbarung über zehn Gigawatt, die bis 2029 reicht. Gemeinsam entwickelten beide einen neuen Chip mit dem Namen Jalapeño. Er ist auf einen speziellen Vorgang zugeschnitten, die sogenannte Inferenz. Dabei verarbeitet das System die Anfrage eines Nutzers, um eine Antwort zu erzeugen. Broadcom-Chef Hock Tan verglich die Leistung des Chips öffentlich mit den Spitzenprodukten von Nvidia und Google.
Auch Meta und Google weiten ihre Nutzung aus. Beide planen den Einsatz weiterer Broadcom-Bausteine ab 2027. Hier ist jedoch Vorsicht geboten. Google prüft für seine übernächste Chip-Generation offenbar auch andere Partner. Berichten zufolge könnte ein taiwanesischer Zulieferer einen Teil des Geschäfts übernehmen. Das erinnert daran, dass selbst enge Kundenbeziehungen keine Selbstläufer sind.
Das Netzwerkgeschäft als stabiles Fundament
Neben den KI-Chips verfügt Broadcom über eine zweite Säule. Rund 40 Prozent des Umsatzes stammen aus dem Netzwerkgeschäft. Dieser Bereich gilt als der verlässlichste Teil des Konzerns. Große KI-Rechenzentren bestehen aus Zehntausenden Chips, die miteinander kommunizieren müssen. Genau diese Verbindung liefert Broadcom.
Der Konzern liefert seit über einem Jahr seinen Tomahawk-6-Switch aus. Gegen Ende des Jahres folgt der leistungsstärkere Tomahawk 7. Je größer die KI-Cluster werden, desto wichtiger wird diese Vernetzung. Hier profitiert Broadcom von einer starken Marktstellung, die Konkurrenten nur schwer angreifen können. Das Netzwerkgeschäft wächst langsamer als das KI-Segment, dafür aber stetig und planbar.
Ein weiterer Baustein sorgt für zusätzliche Sicherheit. Broadcom arbeitet mit großen Finanzpartnern zusammen, um die Käufe seiner Kunden abzusichern. Auf diese Weise wird der bestehende Auftragsbestand stabiler. Für die Bewertung ist das ein beruhigender Faktor.
Die Bewertung von Broadcom nach dem Rückgang
Nach dem Kursrückgang stellt sich die Bewertungsfrage neu. Broadcom wird derzeit mit weniger als dem Zwanzigfachen der für 2027 erwarteten Gewinne gehandelt. Der historische Fünfjahresschnitt liegt deutlich höher, bei etwa 26 bis 27. Der Markt zahlt also aktuell einen Abschlag gegenüber der eigenen Vergangenheit.
Das ergibt nur dann Sinn, wenn man die Margenschwäche für dauerhaft hält. Genau das ist der Streitpunkt. Wer den Rückgang als vorübergehende Wachstumskosten einordnet, kommt zu einem anderen Schluss. Dann wäre eine Rückkehr zu höheren Bewertungsmultiplen wahrscheinlich. Schon eine solche Normalisierung würde erhebliches Kurspotenzial freisetzen, selbst ohne weitere positive Überraschungen.
Diese Rechnung ist bewusst optimistisch. Sie steht und fällt mit der Annahme, dass die Marge sich stabilisiert. Bestätigt sich das nicht, verliert das Szenario seine Grundlage.
Die Risiken bleiben sichtbar
Zwei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit. Der erste ist China. Diese Region trug in der Vergangenheit rund 17 Prozent zum Umsatz bei. Der Anteil ist gesunken, bleibt aber gewichtig. Sollte Broadcom dort in den kommenden Quartalen schwächeln, drohen deutliche Abstriche bei den Umsatz- und Gewinnprognosen. Der Kurs könnte in einem solchen Fall weiter unter Druck geraten.
Der zweite Punkt ist die Marge selbst. Fällt der erwartete Gewinnbeitrag aus dem KI-Geschäft und aus der VMware-Integration geringer aus, gerät die gesamte Bewertungslogik ins Wanken. Dann wären die optimistischen Gewinnschätzungen zu hoch angesetzt. Die Kundenkonzentration verschärft dieses Risiko. Fällt einer der wenigen Großkunden weg, trifft das den Konzern hart. Der mögliche Wechsel bei Google mahnt zur Vorsicht.
Was die Broadcom-Aktie jetzt zeigt
Der Fall Broadcom führt eine seltene Konstellation vor. Ein Konzern liefert operativ Rekordzahlen ab, während seine Aktie zurückfällt. Der Grund liegt in einer Marge, die aus dem eigenen Erfolg heraus schrumpft. Der Markt hat diese Entwicklung als Schwäche gedeutet. Genauso plausibel ist die Lesart, dass hier kurzfristige Wachstumskosten mit einem strukturellen Problem verwechselt werden.
Zwischen diesen beiden Deutungen liegt der Kern jeder Anlageentscheidung. Die Fakten sprechen für ein Unternehmen mit vollen Auftragsbüchern und einer Schlüsselrolle in der KI-Infrastruktur. Dagegen stehen echte Risiken bei Marge, Kundenkonzentration und dem China-Geschäft. Wer beide Seiten kennt, kann die aktuelle Bewertung deutlich besser einordnen als der Markt, der nur auf die schrumpfende Marge starrt.
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