Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
der Krieg im Nahen Osten hat die Energiemärkte durcheinandergewirbelt, den Ölpreis auf über 90 Dollar je Barrel getrieben und viele Anleger in Schockstarre versetzt. Doch während die meisten Investoren noch auf die Schlagzeilen starrten, hat eine Aktie still und leise eine bemerkenswerte Rallye hingelegt. SLB, ehemals unter dem Namen Schlumberger bekannt, ist im bisherigen Jahresverlauf 2026 um rund 47 Prozent gestiegen. Damit übertrifft das Unternehmen den Energy Sector Select SPDR, einen der meistbeachteten Branchenindizes für Energieaktien, um fast 20 Prozentpunkte. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Transformation, die viele Anleger noch nicht vollständig erkannt haben.
Vom Bohrdienstleister zum Technologiekonzern
SLB ist auf dem Papier ein Ölfelddienstleister. Das klingt nach schwerem Gerät, Staub und Rohöl, nach einer Branche, die langsam ausstirbt. Die Realität sieht anders aus. Das in Houston ansässige Unternehmen ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 87 Milliarden Dollar der weltweit größte Anbieter von Dienstleistungen rund um die Öl- und Gasförderung, mit Aktivitäten in 120 Ländern. Und es hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt.
CEO Olivier Le Peuch hat das Unternehmen seit seinem Amtsantritt 2019 konsequent auf ein kapitalleichteres Geschäftsmodell umgebaut. SLB besitzt keine klassischen Bohrinseln mehr. Stattdessen liefert das Unternehmen die hochpräzisen Komponenten, die beim Bohren gebraucht werden: Richtbohrsysteme, Tauchpumpen, Bohrlochköpfe und Sicherheitsventile. Diese Spezialtechnik ermöglicht es Öl- und Gasunternehmen, auch technisch anspruchsvolle Tiefseevorkommen wirtschaftlich zu erschließen. Im Jahr 2025 hat SLB außerdem das Unternehmen ChampionX für 8,2 Milliarden Dollar übernommen, einen Spezialisten für chemische Behandlungen und Spezialflüssigkeiten in der Förderphase. Das stabilisiert die Cashflows über den gesamten Lebenszyklus eines Ölfeldes.
Doch das eigentliche Zukunftsthema bei SLB ist die Digitalisierung.
Eine KI-Fabrik für die Energiebranche
Jahrzehntelang hat SLB geologische Daten gesammelt: Bohrlochprofile, seismische Messungen, Telemetriedaten aus dem Untergrund. Dieser Datenschatz ist heute Gold wert. Das Unternehmen nutzt ihn, um mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz die Fördereffizienz drastisch zu steigern. Das Flaggschiff dieser Strategie ist das cloudbasierte Betriebssystem Delfi. Es verbindet Ingenieurteams weltweit, automatisiert Arbeitsabläufe und beschleunigt Bohrstoffzyklen erheblich.
Im März 2026 hat SLB eine erweiterte Partnerschaft mit Nvidia angekündigt. Gemeinsam soll eine industrielle KI-Infrastruktur für die Energiebranche entstehen, eine sogenannte „AI Factory for Energy“. Das Konzept sieht vor, speziell entwickelte generative KI-Modelle und autonome KI-Werkzeuge für Energieunternehmen bereitzustellen. Dafür baut SLB in Louisiana vorgefertigte, robuste modulare Rechenzentren, die direkt beim Kunden vor Ort installiert werden können. Energieunternehmen, die aus Sicherheitsgründen keine externen Clouds nutzen wollen, erhalten damit leistungsstarke KI-Supercomputer im eigenen Betrieb.
Die Zahlen belegen, dass diese Strategie greift. Das digitale Segment hat im ersten Quartal 2026 eine annualisierte wiederkehrende Umsatzbasis von über einer Milliarde Dollar erreicht. Die Lösungen rund um Rechenzentren wuchsen im Jahresvergleich um 45 Prozent. Das ist ein Wachstumstempo, das man eher von einem Softwareunternehmen erwarten würde als von einem Ölfelddienstleister.
Der Krieg als verzerrter Spiegel
Trotz dieser strukturellen Stärken hat der Ausbruch des Iran-Krieges im März 2026 die SLB-Aktie zunächst kräftig unter Druck gesetzt. Das erschien auf den ersten Blick logisch: Der Nahe Osten stand 2025 für rund ein Drittel des Gesamtumsatzes und etwa die Hälfte der Gewinne. Großkunden wie Saudi Aramco und QatarEnergy unterbrachen Bohraktivitäten und riefen sicherheitsbedingte Betriebsstopps aus. Im ersten Quartal 2026 sank der Umsatz gegenüber dem Vorquartal um 11 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar, auch wenn er im Jahresvergleich noch um 3 Prozent zulegte.
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Doch die anfängliche Marktreaktion war übertrieben. SLB hat bewiesen, dass das Geschäft außerhalb der Konfliktregion stabil läuft. Lateinamerika und Venezuela entwickelten sich in diesem Zeitraum zu echten Wachstumstreibern. Die Rallye von rund 22 Prozent seit dem 12. März signalisiert, dass der Markt inzwischen erkennt, was Beobachter schon früher gesehen haben: Ein Ende des Konflikts ist für SLB kein neutrales Ereignis, sondern ein erheblicher Katalysator.
Der Wiederaufbau als Katalysator
CEO Le Peuch hat auf der Ergebniskonferenz Ende April eine klare Erwartung formuliert: Sobald Stabilität einkehrt, werden viele Länder ihre Bemühungen zur Diversifizierung der Energieversorgung beschleunigen. Strategische Lagerbestände, die während des Konflikts abgebaut wurden, müssen wieder aufgefüllt werden. Investitionen in neue Offshore-Projekte und digitale Infrastruktur werden an Fahrt aufnehmen. SLB ist für dieses Szenario besser positioniert als jeder Wettbewerber.
Analysten rechnen für das Gesamtjahr 2026 zunächst nur mit einem Umsatzwachstum von rund zwei Prozent. Diese Schätzung könnte sich als zu konservativ erweisen, falls sich die Lage im Nahen Osten schneller stabilisiert als erwartet. Für 2027 wird ein Umsatzwachstum von rund acht Prozent projiziert. Der Gewinn je Aktie soll dann bei 3,35 Dollar liegen, was einem Anstieg von 29 Prozent gegenüber der aktuellen Prognose für 2026 entspreche. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also das Verhältnis des Aktienkurses zum erwarteten Jahresgewinn, liegt für 2027 bei rund 17. Das ist für ein Unternehmen mit diesen Wachstumsperspektiven moderat.
Zum Vergleich: Der Wettbewerber Baker Hughes, der ebenfalls ins Rechenzentrumsgeschäft eingestiegen ist und sich dort auf gasbetriebene Turbinen spezialisiert, wird aktuell mit dem 26-fachen Jahresgewinn bewertet. SLB erscheint gemessen daran günstig, zumal der Nachholpotenzial im Nahen Osten bei Baker Hughes geringer ausgeprägt ist.
Dividende, Rückkäufe und solide Cashflows
Das Unternehmen plant, in diesem Jahr mehr als vier Milliarden Dollar an die Aktionäre zurückzugeben, durch Aktienrückkäufe und eine reguläre Quartalsdividende. Die Dividendenrendite liegt bei rund zwei Prozent. Wer also auf stabile Ausschüttungen Wert legt, findet hier eine solide Basis.
Gleichzeitig sollte man die Risiken nicht ausblenden. Eine erneute Eskalation im Nahen Osten würde das positive Szenario empfindlich stören. Auch ein abrupter Stimmungsumschwung im gesamten Energiesektor könnte die Aktie belasten, selbst wenn die operativen Ergebnisse stimmen. Und die ambitionierten KI-Projekte müssen liefern, sonst verlieren sie ihre Überzeugungskraft bei Investoren.
Fazit: Energie trifft auf Künstliche Intelligenz
SLB zeigt, wie ein klassischer Industriekonzern den Sprung ins digitale Zeitalter schafft, ohne sein Kerngeschäft aufzugeben. Das Unternehmen nutzt jahrzehntelang angehäuftes Wissen über Bohrlöcher und Geologie, um mit Hilfe von KI die Energieförderung der Zukunft zu gestalten. Gleichzeitig profitiert es von einer Situation, in der ein Ende des Nahostkonflikts einen massiven Wiederaufbaubedarf auslösen dürfte, und SLB steht genau in der Mitte dieser Wertschöpfungskette.
Wer glaubt, Energie und KI seien zwei getrennte Anlagethemen, wird von SLB eines Besseren belehrt. Das Unternehmen verbindet beide Welten und das zu einem Bewertungsniveau, das noch Luft nach oben lässt.
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