Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die aktuellen Schlagzeilen an der Börse gehören Nvidia, Microsoft und Alphabet. Anleger diskutieren über KI-Chips, Sprachmodelle und Bewertungen jenseits aller historischen Maßstäbe. Doch hinter dem Glanz dieser Technologieriesen verbirgt sich eine schlichte physische Realität: Jede KI-Anfrage, jedes trainierte Modell, jeder neue Rechenzentrumsblock verbraucht Strom. Mehr Strom, als die meisten Anleger ahnen. Und genau dieser Strom wird zunehmend zum Nadelöhr des gesamten KI-Zeitalters.
Wer dieses Nadelöhr kontrolliert, sitzt an einem der mächtigsten Hebel der nächsten Dekade. Nicht als Tech-Unternehmen, sondern als handfester Infrastrukturanbieter mit realen Vermögenswerten, stabilen Cashflows und Verträgen, die über Jahre gesichert sind. Brookfield Renewable ist genau das. Kein Start-up, kein spekulativer Wert, kein Hype-Kandidat der sozialen Medien. Sondern eines der größten Unternehmen weltweit für die Erzeugung erneuerbarer Energie – und damit ein stiller, aber konsequenter Nutznießer des Booms, der die Finanzwelt gerade in Atem hält.
Stromhunger ohne Pause
Das US-Energieministerium hat die Prognosen zuletzt deutlich nach oben korrigiert. Für 2026 wird ein Wachstum der Stromnachfrage von einem Prozent erwartet, für 2027 sogar drei Prozent. Das klingt zunächst moderat. Doch es wäre die erste Phase anhaltenden Nachfragewachstums über vier aufeinanderfolgende Jahre seit der Jahrtausendwende.
Bis 2030 könnte der Gesamtverbrauch in den USA gegenüber 2025 um bis zu 20 Prozent steigen. Treiber sind nicht nur KI-Rechenzentren, sondern auch die Elektrifizierung von Industrie und Verkehr sowie die Rückverlagerung von Produktion in die USA. Die Energiewende und der technologische Wandel verstärken sich gegenseitig – und schaffen eine Nachfrage, die mit bestehenden Kapazitäten allein nicht gedeckt werden kann.
Wer also schnell und in großem Maßstab Kapazitäten aufbauen kann, sitzt am längeren Hebel. Brookfield Renewable betreibt heute bereits 47 Gigawatt Erzeugungskapazität – aus Wasserkraft, Wind, Solar und verteilter Stromerzeugung. In der Pipeline befinden sich weitere 200 Gigawatt. Das entspricht einer Größenordnung, die kaum ein Wettbewerber auch nur annähernd erreicht.
Brookfield Renewable als bevorzugter Partner der Tech-Giganten
Die Zahlen hinter den jüngsten Partnerschaften sind beeindruckend. Microsoft sicherte sich 2024 über Brookfield Renewable Kapazitäten von 10,5 Gigawatt erneuerbarer Energie – mit Lieferung zwischen 2026 und 2030. Alphabet vereinbarte 2025 die Abnahme von drei Gigawatt Wasserkraft. Die amerikanische Regierung erklärte Westinghouse, an dem Brookfield eine Mehrheitsbeteiligung hält, zum nationalen Kernenergie-Champion – verbunden mit einem Rahmen von 80 Milliarden US-Dollar zum Ausbau der Atomkraft.
Amazon, Alphabet und Meta Platforms planen für 2026 gemeinsam Investitionen von rund 600 Milliarden US-Dollar in neue Rechenzentrumsinfrastruktur – ein Plus von 60 Prozent gegenüber 2025. Geplante Ausgaben heute bedeuten zusätzliche Stromnachfrage morgen. Und diese Nachfrage muss irgendwoher gedeckt werden.
Brookfield Renewable ist längst nicht mehr nur ein Energieversorger. Das Unternehmen ist Infrastrukturpartner für die mächtigsten Konzerne der Welt. Diese Positionierung schützt vor regulatorischen Risiken, sichert langfristige Einnahmen und gibt dem Unternehmen Zugang zu Kapital, das anderen Marktteilnehmern verschlossen bleibt.
Stabiles Geschäftsmodell, starkes Wachstum
Die operative Logik von Brookfield Renewable basiert auf langfristigen Verträgen mit Inflationsschutz. Die Einnahmen sind nicht nur stabil – sie wachsen mit der Teuerungsrate mit. Das Unternehmen finanziert seine Anlagen überwiegend mit festverzinslichen, langfristigen Krediten in lokaler Währung, ohne gegenseitige Besicherung zwischen den Projekten. Diese Struktur minimiert systemische Risiken und sorgt für planbare Cashflows.
Gemessen am Funds from Operations (FFO) – der für Unternehmen wie Brookfield Renewable typischen Kennzahl – wuchsen die Einnahmen in den vergangenen fünf Jahren um rund neun Prozent jährlich. Für die kommenden drei Jahre prognostizieren Analysten ein FFO-Wachstum von knapp 20 Prozent. Das ist ein erheblicher Sprung, getragen von den gesicherten Großverträgen und dem rasanten Kapazitätsausbau.
Die Aktie notiert derzeit bei rund 44 Dollar (Ticker: BEPC) und damit nur knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 45,18 Dollar. Das Bewertungsniveau liegt beim rund 16-fachen des erwarteten FFO der nächsten zwölf Monate – deutlich unter den über 30-fachen Multiples aus dem Jahr 2021. Sollte das Papier auf das 20-fache des FFO für 2027 steigen, ergibt sich ein Kursziel jenseits von 60 Dollar bis Ende 2026.
Asset Recycling: Wachstum durch strategisches Verkaufen
Ein zentrales Element der Unternehmensstrategie ist das sogenannte Asset Recycling. Dabei verkauft Brookfield Renewable ausgereifte Energieanlagen, sobald deren Entwicklungspotenzial ausgeschöpft ist. Den Erlös investiert das Unternehmen in neue Projekte mit höherer Rendite. Dieses Prinzip ist kein Notbehelf, sondern ein bewusst gewählter Wachstumstreiber.
Das Management bezeichnet diesen Ansatz als Kernbestandteil des Geschäftsmodells. Bis 2027 strebt Brookfield Renewable ein jährliches Recycling-Volumen von zehn Gigawatt an. Für Anleger bedeutet das: Das Unternehmen generiert nicht nur Cashflows aus bestehenden Anlagen, sondern reinvestiert fortlaufend in profitablere Projekte. Eine Art Portfoliomanagement in industriellem Maßstab.
Risiken im Blick: Verschuldung und politisches Umfeld
Brookfield Renewable steht mit mehr als 35 Milliarden Dollar in der Kreide – rund 40 Prozent der Gesamtkapitalisierung. Klingt erstmal nach viel, aber: Im Vergleich mit anderen Versorgungsunternehmen ist das kein Ausreißer. Entscheidend ist die Qualität der Verschuldung: überwiegend festverzinslich, mit langen Laufzeiten und ohne kurzfristige Fälligkeiten, die das Unternehmen unter Druck setzen könnten.
Politisch hat die Trump-Regierung Subventionen für erneuerbare Energien teilweise gestrichen. Offshore-Wind und Dach-Solar wurden stärker getroffen. Brookfield Renewable ist in diesen Segmenten jedoch kaum vertreten. Solar in großem Maßstab bleibt wirtschaftlich konkurrenzfähig, unabhängig von staatlichen Förderungen. Zudem macht die Beteiligung an Westinghouse das Unternehmen auch im politisch bevorzugten Nuklearbereich präsent.
Fazit: Wer Strom liefert, liefert die Grundlage für alles andere
Der KI-Boom ist real. Aber KI braucht Rechenzentren, Rechenzentren brauchen Strom, und Strom muss irgendwo herkommen. Brookfield Renewable steht genau an diesem Knotenpunkt. Das Unternehmen verbindet stabiles, vertragsgesichertes Cashflow-Profil mit überdurchschnittlichem Wachstumspotenzial – eine Kombination, die in einem Markt voller Überbewertungen und Spekulationen selten geworden ist.
Mit einer diversifizierten Erzeugungsbasis aus Wasser, Wind, Solar und Kernkraft, gesicherten Großverträgen mit den mächtigsten Tech-Konzernen der Welt und einem skalierbaren Geschäftsmodell ist Brookfield Renewable nicht nur ein Versorger. Es ist Infrastruktur für das digitale Zeitalter. Der Markt beginnt, das zu verstehen – der Aktienkurs spiegelt es noch nicht vollständig wider.
